Dienstag, 2. September 2014

Rezension: Ausflug mit Urne (Roope Lipasti)

Blessing Verlag
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
ISBN: 978-3-89667-528-6
19,99 €

Ein kurzer Einblick

Die ungleichen Brüder Teemu und Janne, beide um die 40, reisen mit einer Urne, die die Asche ihres Stiefgroßvaters Jalmari enthält, ins ostfinnische Imatra, wo die Testamentsverkündigung statt finden soll und sie die Asche in einem See in der Nähe verstreuen wollen. Während beide auf ein großes Erbe hoffen, halten sie auf dem Weg an einigen Lebensstationen von Jalmari an, erleben Schlägereien, Romanzen, bekiffte Anhalter und lassen einige Konflikte, die seit ihrer Kindheit zwischen ihnen bestehen, wieder aufbrechen.

Bewertung

Die Handlung wird aus der Sicht von Teemu erzählt, so dass wir den jüngeren Bruder Janne nur aus seiner Sicht erleben. Während sie auf ihrer Reise sind, sieht Teemu auch immer wieder zurück in die Vergangenheit, denkt an Geschehnisse aus ihrer Kindheit und erzählt uns mehr über den Verstorbenen Jalmari, der die Großmutter der beiden in zweiter Ehe heiratete und ein sehr eigenwilliger Kauz war. Im Zentrum steht aber die geschwisterliche Beziehung der ungleichen Brüder, die immer wieder aneinander geraten. Teemu als der Ältere war stets der Ruhigere und Verantwortungsbewusstere der beiden, er hat studiert, arbeitet schon länger bei einer Versicherung, hat im Gegensatz zu Janne sehr wenig Erfolg bei Frauen, der wesentlich unangepasster als sein älterer Bruder ist, sich immer wieder von Job zu Job hangelt, bei vielen Frauen landen kann, auch einmal verheiratet war, was jedoch in die Brüche ging, obwohl Janne immer noch an seiner Exfrau hängt, die jedoch am Ende der Ehe auch eine kurze Affäre mit Teemu hatte, der ebenfalls Gefühle für sie hat. Ihre Beziehung kennzeichnet das sicherlich für viele Geschwister typische Konkurrenzdenken, beide versuchen immer noch, besser, stärker, erfolgreicher als der Bruder zu sein, auch wenn sie im Laufe der Handlung ihr Verhalten auch beginnen zu hinterfragen, wobei man dies nur wirklich für Teemu sagen kann, von Jannes Denken erfährt man schließlich nichts, der aber generell der etwas Klügere zu sein scheint, der eher nachgeben und Dinge auch einmal auf sich beruhen lassen kann.
Von der überzeugenden, psychologisch sehr tiefgehenden Schilderung des Verhältnisses der ungleichen Geschwister lebt das gesamte Buch. Es zeigt eindrucksvoll, wie verschieden Menschen doch sein können, obwohl sie dieselben Eltern haben und im gleichen Umfeld aufgewachsen sind und sozialisiert wurden. Teemu und Janne wurden dabei so lebendig gezeichnet, dass man sich sehr gut in sie hineindenken kann und sicherlich einige Konflikte wieder erkennt, wenn man an seine eigene Beziehung zu seinen Geschwistern denkt. Sehr gut deckt der Autor auch die sehr festgefahrenen Ansichten der beiden über den jeweils anderen auf, die oftmals noch aus ihrer Kindheit stammen, aber mittlerweile gar nicht mehr zutreffen, da Menschen sich schließlich im Laufe ihres Lebens ändern, was nahe Verwandte aber scheinbar oftmals trotzdem nicht richtig wahrnehmen, was bei Janne und Teemu aber auch daher rührt, dass sie lange Zeit sehr wenig Kontakt hatten und über vieles im Leben des Bruders überhaupt nicht Bescheid wissen. Doch der Autor scheint für beide noch Hoffnung zu haben, dass sie sich wieder annähern und ihre Konflikte, die ihren Ausgangspunkt oftmals in ihrer Kindheit genommen haben und häufig nur durch Fehleinschätzungen des jeweils anderen herrührten, annähernd begraben können, wofür es einige positive Anzeichen am Ende gibt.
Was der Geschichte in meinen Augen aber nicht so gut getan hat, war die gesamte Handlung um die eine Frau, die beide Brüder lieben, die vor allem am Ende des Buches eine größere Rolle spielt. Es gibt der Geschichte zwar noch eine überraschende, unvorhersehbare Wendung, aber ebenso einen kleinen seifenoperähnlichen Touch, denn natürlich müssen beide Brüder, die komplett unterschiedlich sind, auf ein und dieselbe Frau stehen, die sich auch noch nicht wirklich zwischen beiden entscheiden kann. Meiner Meinung nach wäre es für den Roman besser gewesen, wenn er sich auf die Geschwisterbeziehung und die Überwindung ihrer Konflikte konzentriert und nicht noch eine klassische Dreiecksbeziehung mit hineingebracht hätte. Dadurch verlor das Buch einiges an seiner ansonsten sehr erfrischenden Originalität. Doch auch mit der Liebesgeschichte kann der Roman über weite Strecken überzeugen, er liest sich sehr spannend, bietet einen interessanten Roadtrip durch Finnland, der dem Leser auch das Land ein wenig näher bringt, und wartet mit einem etwas offen gelassenen, überraschenden Ende auf, was man leider viel zu selten zu lesen bekommt.

Fazit

„Ausflug mit Urne“ bietet eine spannende, tiefgründige Schilderung einer komplizierten Geschwisterbeziehung, die aber auch Hoffnung auf eine Lösung von alten, aus der Kindheit herrührenden Konflikten gibt, wenn beide sich und ihr Verhalten hinterfragen, den anderen und seine Andersartigkeit respektieren und tolerieren und sich Mühe geben, den anderen richtig kennen zu lernen. Ein wirklich originelles, lesenswertes Buch!

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Blessing Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen