Dienstag, 26. August 2014

Rezension: Stefan Zweig: Drei Leben - eine Biographie (Oliver Matuschek)

Fischer Taschenbuch
Taschenbuch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-596-16685-5
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Oliver Matuschek, der bereits einiges zu Stefan Zweig (1881 – 1942) veröffentlicht hat, widmet sich in dieser Biographie eines der meistgelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts Stefan Zweigs drei Leben, seiner Lehrjahre bis nach dem Ersten Weltkrieg, der erfolgreichen Schriftstellerjahre in Salzburg und der Zeit seines Exils in England, den USA und Brasilien. Der Verlauf seines Lebens, seine Familie, die vielen Reisen, seine zwei Ehen, seine Sammelleidenschaft, seine Arbeitsweise und erfolgreichen Werke, der Kontakt zu zahlreichen Autoren seiner Zeit und nicht zuletzt sein Freitod mit seiner zweiten Ehefrau Lotte in Brasilien werden unter der Verwendung neu zugänglichen Materials fesselnd und detailreich erläutert.

Bewertung

Das Buch ist, wie der Titel schon andeutet, in drei Teile aufgeteilt, wobei sich der Autor dabei an Zweigs Arbeitstitel „Meine drei Leben“ für seinen großen annähernd autobiographisch angelegten Lebensrückblick „Die Welt von gestern“ orientiert. Im ersten Teil wird sein Leben bis nach dem Ersten Weltkrieg dargestellt: seine Herkunft aus einer jüdischen Textilunternehmerfamilie, seine Ausbildung, die ersten Schreibversuche, der Beginn seiner Sammelleidenschaft für Autographen, die vielen Reisen bis nach Indien, das Kennenlernen seiner ersten Frau Friderike von Winternitz und die Jahre in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs. 1919 setzt der zweite Lebensabschnitt ein: Zweigs Zeit in Salzburg, die durch die Ehe mit Friderike, unzählige erfolgreiche Veröffentlichungen, die Ausweitung seiner Sammlung, weitere Reisen und viele Kontakte zu fast allen Großen seiner Zeit geprägt war. Der letzte Teil setzt im Jahre 1934 mit einer Durchsuchung von Zweigs Haus in Salzburg ein, woraufhin er, der den Aufstieg der Nationalsozialisten lange befürchtet hatte, Österreich für immer verließ und zunächst nach London ging. Dort lernte er Lotte Altmann kennen, die als Sekretärin für ihn arbeitete und die er nach der Scheidung von Friderike 1939 zu seiner zweiten Frau nahm. Unter dem Eindruck des beginnenden Zweiten Weltkriegs verließen beide schließlich England Richtung New York, um sich später in Brasilien niederzulassen, wo beide sich im Februar 1942 gemeinsam das Leben nahmen.
Gelungen fand ich vor allem den ersten und den letzten Teil, der zweite fiel gegenüber den anderen ein wenig ab, wies er doch einige Längen auf, wobei in ihm sehr spannend endlich einmal ein Schriftsteller zu beobachten war, der bereits zu Lebzeiten enorm erfolgreich und angesehen war, was man in der Form oftmals bei anderen Autoren nicht so extrem erlebt. Der letzte Teil konnte mich mit Abstand am meisten fesseln, was sicherlich einerseits an der ereignisreichen Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs lag und andererseits auch mit dem Wissen um Zweigs Todesumstände zusammenhing. Man wusste einfach, man steuert unaufhörlich dem Ende entgegen, was dem ansonsten sehr nüchternen Buch noch einen wehmütigen Aspekt gab. Ansonsten gefiel mir vor allem die gute, angemessene Quellenkritik, die der Autor anwendete. Er hinterfragte benutzte Quellen stets dahingehend, was sie uns überhaupt sagen können, inwieweit man sie vorsichtig behandeln muss (insbesondere bei Friderike von Winternitz) und inwiefern die Erinnerung nach Jahrzehnten verfälscht sein kann. So zieht er meines Erachtens meist richtige Schlüsse aus den vorhandenen Quellen, so dass seine Darstellung von Zweigs Charakter und Leben der Realität recht nah zu kommen scheint, soweit ich dies ohne die Einsicht in die Quellen beurteilen kann.
Was mir weniger gut gefallen hat, war der oftmals etwas konfuse Aufbau einzelner Kapitel, denen zwar stets durch die Überschrift ein zentraler Aspekt gegeben wurde, der auch ausführlich behandelt wurde, dazwischen wurde aber häufig nur nacherzählt, was Zweig wann wo gemacht hat oder welche Reisen er unternommen hat, ohne auf diese inhaltlich einzugehen. So las sich die Biographie ab und zu nur als eine Art Zusammenfassung seines Lebens ohne die fehlende Analyse. Durch das mehrfache Fehlen von Jahreszahlen verlor man auch ein wenig den Überblick, zu welcher Zeit sich nun die geschilderten Vorgängen zutrugen. Mir persönlich fehlte außerdem die ausführliche Besprechung seiner Werke, alle hätten vielleicht den Rahmen gesprengt, aber die Hauptwerke hätten schon tiefergehend analysiert werden können. Es wird zwar darauf eingegangen, wann Zweig an was arbeitete, wann diese Werke dann erschienen, aber eben nicht viel mehr. Man hätte die Werke auch inhaltlich besprechen und stärker darstellen können, warum etwa Zweig sich in seinen biographischen Betrachtungen gerade diesen Personen und nicht anderen zuwandte.
Als Extras nach dem eigentlichen Text werden neben den Quellen, aus denen im laufenden Text zitiert wurde, noch generell Quellen und Literatur zu Stefan Zweig angegeben, außerdem ein Abbildungsverzeichnis, Namensregister und Literaturhinweise zu Zweigs Werken geboten, so dass man, sollte man sich weiterführend mit dem Schriftsteller beschäftigen wollen, unzählige Anhaltspunkte bekommt.

Fazit

Was die Masse an Informationen zu Zweigs Leben, die nüchterne, angemessene Schreibweise, die verwendeten Quellen und der umsichtige Umgang mit eben diesen angeht, kann man Matuscheks Werk nur loben. Leider wirkte die Biographie ab und zu nur wie eine Nacherzählung der wichtigsten Ereignisse in Zweigs Leben und ließ eine analysierende Darstellung etwas vermissen, insbesondere in Bezug auf seine Werke. Als gelungen und lesenswert würde ich sie aber immer noch bezeichnen, bringt sie dem Leser doch Zweigs drei Leben und seinen Charakter sehr nahe.

3,5 von 5 Punkten

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