Freitag, 15. August 2014

Rezension: Der Schiffsjunge (John Boyne)

Fischer KJB
Taschenbuch, 640 Seiten
ISBN: 978-3-596-81207-3
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Die so genannte „Meuterei auf der Bounty“ ist seit jeher häufiger Gegenstand von Filmen, Romanen und Sachbüchern. Der grundsätzliche Ablauf scheint bekannt zu sein: eine Mannschaft wehrt sich nach langen Monaten endlich gegen ihren grausamen Kapitän und bringt sein Schiff unter ihre Kontrolle. Doch Boyne stellt in „Der Schiffsjunge“ diese Geschichte in Frage. Aus der Sicht des vierzehnjährigen Schiffsjungen (eher Bediener des Kapitäns) John Jacob Turnstile, der sich vor der Reise als Taschendieb betätigte und dem drohenden Gefängnis nur durch seine Teilnahme an der Reise entkam, entwirft Boyne ein anderes Bild von Kapitän Bligh, der zu einem Vaterersatz für Turnstile wird. Doch dann kommt es zur Meuterei und Turnstile weiß nicht, auf welche Seite er sich stellen soll…

Bewertung

„Der Schiffsjunge“ ist mittlerweile das siebte Buch, das ich von John Boyne gelesen habe, der mich mit seinen spannenden Geschichten, die immer um ein historisches Ereignis aufgebaut werden, immer wieder begeistert. Auch bei diesem Roman steht mit der Meuterei auf der Bounty eine wahre historische Begebenheit im Zentrum des Romans, um die eine fiktive Geschichte gebaut wird, die aus der Sicht des vierzehnjährigen John Jacob Turnstile erzählt wird, der sich um den Kapitän kümmert und nicht so sehr ein Schiffsjunge ist, wie der deutsche Titel suggeriert. Alle anderen Figuren der Reise sind wirklich auf der Bounty gewesen. Boyne versucht mit seinem Werk auch, die meist gängige Ansicht über den tyrannischen Kapitän Bligh, der seine Mannschaft mit seinen Grausamkeiten in die Meuterei trieb, etwas zu relativieren. Er gibt einen abgewogenen, neutralen Einblick in den Charakter Blighs, der keinesfalls ein Tyrann ist, sondern vielmehr deutlicher weniger als andere Kapitäne Disziplinarstrafen während der Reise verhängt und sehr auf die Hygiene und Gesundheit seiner Mannschaft achtet, sich aber auch mit seinem ab und zu aufbrausenden Gemüt und einigen plötzlichen Stimmungsschwankungen und Entscheidungen bei einigen Teammitgliedern unbeliebt macht. Ebenso werden die Meuterer einfühlend dargestellt, ihre Beweggründe zur Meuterei weder beschönigt noch verteufelt. Auch stellt Boyne durch den Kapitän bereits direkt nach der Meuterei interessante Überlegungen an, wie sich wohl das Bild von der Meuterei und den beteiligten Personen im Laufe der Geschichte entwickeln und inwiefern es mit den tatsächlichen Abläufen noch etwas gemein haben wird. Trotzdem sollte man Boynes Darstellung immer noch als Fiktion betrachten, auch wenn der deutsche Untertitel des Buches etwas unglücklich „Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty“ lautet. Er hat sich eingehend mit der Meuterei beschäftigt, gibt am Ende des Buches auch ein paar Literaturangaben und scheint die generellen Abläufe sehr historisch genau dargestellt zu haben, doch er schrieb immer noch einen Roman, kein Sach- oder Fachbuch, so dass er immer noch nur ein Bild der Meuterei lieferte, nicht die wahre Geschichte, was man beim Lesen im Hinterkopf behalten sollte.
Das Buch lebt neben der spannenden historischen Rahmenhandlung von seinen lebensnahen Charakteren und seiner liebenswürdigen fiktiven Hauptfigur, deren Leben als Waise, was ein wenig an Oliver Twist erinnert, sehr einfühlsam geschildert wird, ebenso die Grausamkeiten, die Turnstile vor der Reise erlebte und die das Buch um einen sehr rührenden Aspekt erweitern. Die Gegenden, die in die Bounty vorstößt, insbesondere Tahiti und all die Inseln, die das Beiboot nach der Meuterei passiert, werden sehr detailliert und bildlich beschrieben, so dass man sich fast selbst dort wähnt. Außerdem bietet der Roman spannende Einblicke in das Seemannsleben und die damalige Seereise zum Ende des 18. Jahrhunderts. Ich habe selbst viel zum Entdeckungszeitalter gelesen, so dass es jetzt auch einmal zur Abwechslung sehr interessant war, zu erleben, wie sich die Seefahrt weiterentwickelt hat, als die meisten Gebiete der Erde bereits entdeckt waren, und wie sich auch die Kartografie entwickelte (zu Beginn des Buches gibt es auch zwei Karten, die die Reise der Bounty und die des Beiboots darstellen). All dies führte dazu, dass man dieses fesselnde Buch schlichtweg stundenlang lesen konnte und dabei in dieser Zeit komplett versank. Als einziges Manko erwiesen sich vor allem am Ende einige zu simple, unrealistische Handlungsentwicklungen, die vor allem Turnstiles Leben nach der Reise betreffen. Sie waren zu vorhersehbar und zu simple konstruiert, Probleme lösten sich plötzlich in Luft auf und auch die Schilderung seines Werdegangs war etwas unrealistisch, wenn man seine Herkunft bedenkt, ebenso scheint er für einen Waisenjungen, der weitestgehend auf der Straße aufgewachsen ist, über einen gehörigen Bildungsgrad verfügt zu haben, was wiederum etwas unglaubwürdig wirkt. Mir gefiel aber dagegen insbesondere der Schreibstil, der wirklich oftmals klang, als würde ihn ein Jugendlicher erzählen. Als Jugendbuch würde ich diesen Roman aber nicht ausschließlich einordnen, es ist eindeutig auch für Erwachsene geeignet.

Fazit

Insgesamt liefert Boyne mit „Der Schiffsjunge“ einen richtig schönen Schmöker, in dem man für Stunden versinken kann und aus dem man erst langsam wieder auftaucht. Somit ein wirklich gelungener, spannender Roman für z. B. ein verregnetes Wochenende, bei dem man nur im Hinterkopf behalten sollte, dass die dargestellte Meuterei auf der Bounty nicht komplett der Realität entspricht.

4 von 5 Punkten

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