Dienstag, 5. August 2014

Rezension: "Darling Jane": Jane Austen - eine Biographie (Christian Grawe)

Reclam Verlag
Taschenbuch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-15-020206-7
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Jane Austen gehört mittlerweile zu den bekanntesten Schriftstellerinnen überhaupt. Ihre Romane entwickelten sich zu echten Klassikern, die Verfilmungen ihrer Werke steigen stetig an. Doch wer steckt hinter dieser Pfarrerstochter aus dem englischen Steventon, deren Bücher wie „Stolz und Vorurteil“ und „Verstand und Gefühl“ sie weltweit bekannt machten, was sie allerdings nicht mehr erleben sollte, denn sie starb bereits im Alter von 41 Jahren? Christian Grawe, der sich jahrzehntelang mit der Autorin beschäftigte und ihre Romane ins Deutsche übersetzte, versucht ihrer Person näher zu kommen, ihr soziales, literarisches und politisches Umfeld zu beleuchten und zu ergründen, was ihre Bücher so beliebt machte und noch immer macht.

Bewertung

Dabei geht Grawe weitestgehend chronologisch vor. Nach einer kurzen Einleitung, in der er die Faszination, die die Autorin und ihre Werke immer noch auf das lesende Publikum aufüben, aufzeigt und auf die Quellenlage zu ihrer Person eingeht, die sich in erster Linie auf 153 Briefe aus ihrer Hand und einige Bücher und Aufzeichnungen ihrer Nichten und Neffen und auch deren Kinder und Enkel stützt, folgt ein Kapitel zu ihrer Kindheit und Jugend in Steventon, in dem auch ihre Eltern und ihre sechs Brüder und die für sie sehr wichtige ältere Schwester Cassandra vorgestellt werden. Daraufhin wird auf die Jugendwerke von Jane Austen eingegangen und soziale Entwicklungen im England der damaligen Zeit beleuchtet, die sich aber nur auf die Schichten beziehen, mit denen Jane Umgang pflegte, um die Autorin besser vor dem Hintergrund ihrer Zeit einordnen zu können. Das nächste Kapitel behandelt die Zeit der Familie in Bath und Southampton von 1801 bis 1809 und das folgende Janes literarische Tätigkeiten in dieser Zeit, das in erster Linie auf die beiden Fragmente „Die Watsons“ und „Lady Susan“ eingeht. Danach wird die Zeit von 1809 bis 1816 in Chawton und London beleuchtet, um dann im nächsten Kapitel Austens vier Werke, die zu Lebzeiten veröffentlicht wurden, zu erläutern: „Verstand und Gefühl“, „Stolz und Vorurteil“, „Mansfield Park“ und „Emma“. Dabei untersucht Grawe die Bücher nicht einzeln für sich, sondern eher dahingehend, was charakteristisch für Janes Werke insgesamt war, wie etwa Realismus und die Verbindung von Heiterkeit und Gesellschaftskritik. Zusätzlich werden ihre Romane auch immer in Vergleich zu den literarischen Entwicklungen ihrer Zeit gesetzt. Die letzten beiden Kapitel beleuchten dann noch Janes Leben bis zu ihrem Tod in Winchester 1817 und die beiden Werke aus dem Nachlass: „Kloster Northanger“ und „Überredung“ und das Fragment „Sanditon“ mit einem kurzen Ausblick auf die Rezeption ihres Werkes bis heute.
Man erhält somit mit Grawes Biographie einen sehr detaillierten Einblick in das Leben und das Werk von Jane Austen, der kaum Punkte ausspart. Mir wäre es eher lieber gewesen, wenn ihre Werke auch inhaltlich stärker besprochen worden wären und nicht nur gemeinsam unter dem Aspekt, was charakteristisch für ihre Bücher war. Auch hätte ich gern mehr über die Entwicklung der Autorin hin zu einer der meistgelesenen Autorinnen überhaupt erfahren, was zwar kurz angerissen wird, vor allem wie sich die Beachtung, die ihre Romane erhielten, über die Jahrzehnte wandelte und sich im Ausland entwickelte, doch insgesamt waren mir persönlich die Ausführungen dazu zu knapp. Was ein wenig irritierend war, war der häufige Verweis auf einzelne Personen aus ihren Werken, ohne dass das entsprechende Buch mit erwähnt wurde. Wenn man wie ich die Romane vor Jahren gelesen hat, kann man sich schlichtweg nicht mehr an alle Nebenfiguren und ihre Namen erinnern, was dem Verständnis von Grawes Ausführungen immer wieder im Wege stand. Mit der Nennung des jeweiligen Buches hätte man dem immerhin ein wenig entgegenwirken können, wobei der Autor oftmals auch die Personen ihren Büchern zuordnet, aber eben nicht immer.
Was Grawe sehr gut gelingt, ist die Beschäftigung mit der Frage nach der Quellensituation zu Jane Austen, die häufig nicht sehr gut ist, sich meist wie erwähnt auf Briefe von ihr stützt, die für viele Zeiträume nicht vorliegen, auch da ihre Schwester Cassandra, die meistens die Adressatin der Briefe war, viele vernichtet hat. Neben den Briefen bilden wie gesagt die Erzählungen und Veröffentlichungen aus der Familie, vor allem von Nichten und Neffen, die wichtigsten Quellen, bei denen Grawe aber auch immer mit bedenkt, wie sich Erinnerungen, die zum Teil Jahrzehnte nach Janes Tod aufgeschrieben wurden, verfälschen können und auch wie die Familie ein gewisses Bild von Austen transportieren wollte, insbesondere vor dem Hintergrund der viktorianischen Wertvorstellungen zur Abfassungszeit. Grawe geht gekonnt auf die Grenzen unserer Erkenntnismöglichkeiten in Bezug auf Jane Austen ein, gibt sich keinen Spekulationen hin und gibt somit offen zu, dass einige Rätsel um ihre Person nie aufgelöst werden können. Somit erfährt man in dieser Biographie einiges über ihr Leben, ihre Familie, ihren gesellschaftlichen Hintergrund und ihre Bücher, ihrer Person kommt man aber nicht völlig auf die Schliche, was sicherlich auch zum besonderen Reiz dieser Autorin beiträgt.

Fazit

Diese überarbeitete und erweiterte Biographie über Jane Austen lässt dem Leser, der die Autorin von Werken wie „Stolz und Vorurteil“ und „Verstand und Gefühl“ näher kennen lernen möchte, kaum noch Wünsche offen. Ihr Leben und Werk werden spannend und informativ vor dem Hintergrund ihrer Zeit beleuchtet und man kommt dem Geheimnis ihres anhaltenden Erfolges ein wenig näher, wenn auch einige Aspekte ihrer Persönlichkeit weiter im Dunkeln liegen. Absolute Leseempfehlung für alle Jane Austen-Liebhaber!

4 von 5 Punkten

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