Freitag, 4. Juli 2014

Rezension: Gläsern (Rona Walter)

Luzifer Verlag
Taschenbuch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-943408-11-9
14,95 €

eBook, € 4,99
ISBN: 978-3-943408-92-8


Ein kurzer Einblick

Graf Hektor verfällt in Trauer und Siechtum über das Verschwinden der bildschönen Tochter Eirwyn. Lady Amaranth entsendet den Diener Frederick van Sade mit dem Kopfgeldjäger und Frauenverführer Lord Sandfort nach Deutschland, um Eirwyn nach Schottland zurückzubringen. Allein sie soll befähigt sein, den Grafen zu alter Gesundheit zu verhelfen. Lady Amaranth hegt insgeheim andere Pläne für ihre Tochter, die sie lieber tot denn lebendig wiedersehen würde.

Bewertung

Schottland und Deutschland dienen als Schauplätze (weit, weit hinter den sieben Bergen). Verwunschene Wälder, düstere Geheimnisse und mysteriöse Geschöpfe verstecken sich in den Schatten. Der triste deutsche Wald, ein aufregender Hort schlafloser Träume. Ein finsteres Gemäuer in den schottischen Bergen, ein schreckliches Rätsel in den tiefen Kellern. Der Neid einer einst glücklichen Frau. Märchen, sie sind schauerlich und grausam, die Figuren erfüllen einen ganz bestimmen Zweck. Anders bei Rona Walter: Düster und schockierend ist die Umsetzung. Doch durch allerlei Freiraum und Selbstinterpretation der bekannten Charaktere überrascht die Handlung und lockt auf falsche Fährten. Ist das fies!
Alte Magie liegt in der Reiseluft, die Frederick und Lord Sandfort atmen. Wasserpfützen, Spiegel, selbst das Bier im Krug traumatisieren Lord Sandfort in den Wahnsinn. Geheimnisse flattern raschelnd durch Baumwipfel. Enge Freunde hecken eigene Pläne aus. Ein fast vergessener Gott fordert seinen Tribut. Ein leichter Hauch von Gothic steht dem Roman ungemein und haucht der Story eine Nuance schauriger Grundatmosphäre ein, die in jeder Zeile mitschwingt.

Nicht nur die “Schneewittchen”-Adaption verwandelt “Gläsern” in ein erfrischend neu erzähltes Werk der Romantik, Sehnsüchte und tiefgehender Trauer verlorener Freunde. Warum nicht einfach mehrere Märchen miteinander verquicken? Bill Willinghams Comic “Fables” tat dies bereits auf faszinierende Weise, um eine eigene Geschichte zu erzählen, aber auf bekannte Figuren zurückgreifen zu können. Den meisten dürfte »Fables« durch Telltale Games Videospielumsetzung “The Wolf Among Us” ein Name sein. Hier wie dort funktioniert die Vermischung wunderbar. Die Atmosphäre ist düster, märchenhaft und anständig brutal wie es sich für ein Märchen geziemt. Zimperlichkeit ist nicht angesagt. Wo die Videospiel-Umsetzung auf Visuelles setzt, konzentriert sich Rona Walter - logischerweise - auf eine stimmige Verwirklichung mit Worten. Rona Walter verwob den Brautfänger “Blaubart” mit in die Seiten hinein. Ein kantiger, ungelenker Kerl, ungewaschen und ungehobelt – und doch ein Mann mit tiefen Wassern. Hat sich Lady Amaranth bewusst mit diesem Mann eingelassen? Lord Sandfort verkörpert die Figur des gestörten und schwer durchschaubaren Kerls. Die Vermischung von “Blaubart” und “Schneewittchen” fordert zu einem tödlichen Tanz auf, denn Sandforts Augen sind lüstern. Gut, dass der Diener Frederick und der Jäger Kieran auf Eirwyn achten.

Trotz all der positiven Aspekte hat mir der Roman nur durchschnittlich gefallen. Es fällt äußerst schwer mit dem Ich-Erzähler Frederick warm zu werden. Sein Charakter und sein Verhalten sind kaum einzuschätzen. Mal gibt er sich als demütiger Servant, mal als tatendürstiger Retter in der Not. Im Großen und Ganzen passt dies zwar zu seinem Typ, aber eine Figur, in die man sich nur schwer einfinden kann, derart unmöglich einschätzbar zu gestalten, führt automatisch zu Distanz. Distanz wiederum führt zu Gleichgültigkeit gegenüber den Charakteren. Atmosphäre, Märchenhaftigkeit und Bedrohlichkeit konnten darum nicht die erwünschte Intensität entfalten.

Fazit

Niemand nehme bitte aufgrund der distanzierten Charaktere Abstand vom Roman, denn erzählerisch ist »Gläsern« ein wundervoller Roman. Schneewittchen und Blaubart erstrahlen in neuem Licht, das den Figuren vollkommen neue Seiten abverlangt ohne aber Schlüsselszenen der Originale zu vergessen. Märchenhaft gut!

3 von 5 Punkten

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