Freitag, 18. Juli 2014

Rezension: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts (Florian Illies)

S. Fischer Verlag
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
ISBN: 978-3-10-036801-0
19,99 €

Ein kurzer Einblick

In diesem Buch schildert Florian Illies, der lange Zeit bei der FAZ und bei der Zeit arbeitete und mittlerweile Partner eines Berliner Auktionshauses ist, anekdotenweise die Entwicklungen in Kunst, Literatur, Theater, Film, Musik, Wissenschaft und zum Teil auch in der Politik im Europa des Jahres 1913, wobei er einen deutlichen Schwerpunkt auf Deutschland setzt. Der Leser sucht mit Proust nach der verlorenen Zeit, schreibt mit Kafka zögerliche Briefe an Felice Bauer, verliebt sich mit Oskar Kokoschka, während Adolf Hitler von Wien nach München übersiedelt und als Postkartenmaler sein Geld verdient. Nach diesem Sommer ist gar nichts mehr, wie es zuvor war, diesem Moment der höchsten Blüte wohnt bereits die Vorahnung des Verfalls inne…

Bewertung

Der Autor widmet sich nur anekdotenweise seinem Stoff, jeder Monat des Jahres 1913 umfasst ein Kapitel, das Kurzberichte zu vielen europäischen Personen aus Literatur, Kunst, Musik, Wissenschaft, Theater und Film liefert und ab und zu die Entwicklungen im Bereich der Politik behandelt, die oftmals nur aus einem oder ein paar Sätzen bestehen, aber auch ab und zu über ein paar Seiten gehen. Jeder Monat verfügt obendrein über eine Kurzzusammenfassung der wichtigen Ereignisse, die im jeweiligen Monat statt fanden. Im Zentrum stehen wie gesagt meist deutsche Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, aber auch viele aus Mitteleuropa finden Erwähnung, wobei einige nur am Rande vorkommen und nur vereinzelt in wenigen Monaten auftauchen, während andere wie Rilke, Kafka, Thomas Mann, Picasso, Marc, Kokoschka, Freud und Jung z. B. meist dauerhaft behandelt werden. Zusätzlich werden am Rande politische Entwicklungen behandelt und über Personen, die in den folgenden Jahrzehnten Europa entscheidend prägten, wie etwa Hitler und Stalin, immer wieder berichtet, so dass man die Katastrophe, die über Europa im kommenden Jahr hereinbrechen sollte, bereits bedrohlich über allem schwebend erlebt.
Vor Beginn der Lektüre des Buches war ich etwas unsicher, ob die eher ungewöhnliche Herangehensweise des Autors an seine Thematik spannend und informativ zu lesen sein würde und ob man so die Atmosphäre eines Jahres einfangen könnte. Nach dem Lesen kann ich nur sagen, ja, das kann man. Dies gelingt dem Buch außerordentlich gut, ich fühlte mich ins Jahr 1913 zurückversetzt und sah all diese Menschen, die von der großen Katastrophe, die ihnen bevorsteht, noch nichts ahnen können, lebendig vor mir. Die meisten Anekdoten interessierten mich sehr, auch wenn sie sicherlich nicht sehr in die Tiefe gehen konnten und eher die Breite der Entwicklungen dargestellt wurde. Auch den Tonfall des Autoren, der vieles überspitzt zeichnete und immer einen ironischen Unterton durchschimmern ließ, empfand ich als passend, der steigerte die Unterhaltsamkeit des Buches ungemein. In der Regel gelingen Illies auch seine Charakterisierungen der Personen sehr treffend, soweit ich dies beurteilen kann, und auch für Persönlichkeiten, die ich kaum oder gar nicht kannte, konnte er mein Interesse wecken. Vor allem gewann ich durch die Lektüre den Wunsch, über einige dargestellte Schriftsteller und Künstler mehr zu erfahren, so dass ich Illies´ Werk auch als eine Art Einführungsliteratur in die wichtigsten Vertreter der Kunst und der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts sehen würde. Besonders überzeugend arbeitet er ferner die Gefahr des drohenden Krieges heraus, die bereits ihre Schatten vorauswirft, was aber 1913 scheinbar kaum jemand wahrnahm oder wahrnehmen wollte. Insbesondere für Geschichtsinteressierte ist spannend zu beobachten, wie Illies mit diesem Aspekt arbeitet, diesem Kontrast zwischen den damals lebenden Personen, die die Zukunft nicht kennen konnten und nur aus der Gegenwart heraus ihre Zeit erlebten, und uns allen, die im Nachhinein mit dem Wissen, was im folgenden Jahr geschah, dieses Jahr 1913 bewerten und wahrnehmen.

Fazit

Florian Illies gelingt zwar mit „1913“ kein Meisterwerk, dafür fehlte mir etwas Tiefe in diesem Buch und eine etwas kritischere Herangehensweise an einige Personen, doch es kann sehr gut unterhalten, liefert interessante Aspekte über viele wichtige Künstler des frühen 20. Jahrhunderts und fängt gekonnt die spezielle Atmosphäre des Jahres 1913 ein, das zum Wendepunkt werden sollte. Im August wird das Buch außerdem als Taschenbuch erscheinen.

4 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen