Mittwoch, 16. Juli 2014

Filmkritik: Jane Eyre (2006)



Das Meisterwerk von Charlotte Brontë, „Jane Eyre“, das die Geschichte des Waisenmädchens Jane Eyre erzählt, das nach dem Tod seiner Eltern bei seiner verhassten Tante aufwächst, von dieser schließlich auf das kirchliche Internat Lowood School geschickt wird, wo die Schülerinnen unter allerlei Entbehrungen leben und lernen müssen und von wo Jane schließlich mit achtzehn Jahren aufbricht, um auf Thornfield Hall als Gouvernante zu arbeiten und sich dort in ihren Arbeitgeber, Mr. Rochester, verliebt, wurde bereits viele Male verfilmt. So auch im Jahr 2006 von der BBC als vierteiliger Fernsehfilm mit Ruth Wilson als Jane Eyre und Toby Stephens als Edward Rochester, worauf sich diese Besprechung bezieht.

Die Literaturverfilmungen der BBC zeichnet generell eine große Nähe zu den Buchvorlagen aus, was auch für „Jane Eyre“ zutrifft. Ein paar Änderungen zum Roman wurden aber doch vorgenommen, so wurde die gesamte Kindheit von Jane ziemlich gekürzt, insbesondere ihre Schulzeit wurde nur kurz dargestellt und auch negativer als im Buch gezeichnet. In der Buchvorlage ändert sich immerhin vieles an den Lebensumständen der Schülerinnen, nachdem einige von ihnen an Typhus gestorben sind, im Film scheint dies nicht der Fall zu sein. Mir wäre es lieber gewesen, wenn Janes Schulzeit mehr Platz im Film eingeräumt worden wäre - bei einer Filmlänge von etwa vier Stunden wäre sicherlich die Möglichkeit dazu da gewesen -, man dafür diese Zeit aber auch differenzierter behandelt hätte, denn Jane erlebt durchaus nicht bloß Negatives während ihrer Internatszeit. Gekürzt wurde weiterhin die Behandlung der Zeit, als Jane im Erwachsenenalter zurück zu ihrer Tante reist, die im Sterben liegt. Da jedoch alle für die Handlung wichtigen Elemente in den wenigen Szenen auftauchen, kann ich an dieser Kürzung nichts auszusetzen finden. Zwei wichtigere Änderungen zur Buchvorlage betreffen zum einen den generellen Versuch des Films, die Handlung des Buches etwas spannender und gruseliger zu gestalten. Die Spiele, die die Gesellschaft, die Rochester nach Thornfield Hall einlädt, spielt, reichen mehr ins Übernatürliche, die Szenen mit der wahrsagenden Zigeunerin wurden etwas verändert und die langsame Auflösung des Geheimnisses, das Thornfield Hall und Rochester umgibt, wird mit einigen Schreckelementen verbunden, die ich für etwas übertrieben hielt. Es steigert zwar die Spannung, passt aber in meinen Augen nicht mehr zur Atmosphäre des Buches, was ich für einen großen Minuspunkt dieser Verfilmung halte. Zum anderen wird die Flucht von Jane, nachdem sie von dem Geheimnis erfahren hat, auch wieder etwas übertrieben. Sie klopft nicht beim Geistlichen St. John Rivers, sondern wird von diesem völlig entkräftet in der Wildnis gefunden, und verliert außerdem zeitweise ihr Gedächtnis, was ich für absolut zu dramatisierend empfand. Etwas weniger Dramatik hätte hier dem Film durchaus gut getan.
Bis auf diese zwei Minuspunkte kann ich mal wieder wenig an dieser BBC-Verfilmung aussetzen. Das Buch wird im Wesentlichen sehr gut wiedergegeben, oftmals ganze Dialoge fast eins zu eins übernommen und das Wichtige der Handlung gut herausgearbeitet, vor allem Jane Eyre als die selbstbestimmte Frau dargestellt, die sie im Buch ist und die ihr Leben nach ihren Wünschen und Moralvorstellungen lebt, durch Intelligenz und Fähigkeiten im Leben weiterkommt und nicht durch gutes Aussehen. Die Kulissen und Kostüme wurden sorgfältig ausgewählt und geben in meinen Augen ein authentisches Bild der Zeit um 1850 wieder. Auch die Schauspieler konnten in weiten Teilen überzeugen, vor allem Toby Stephens als Rochester gefiel mir sehr gut. Ihm gelingt es hervorragend, diese zwei Seiten des Charakters von Rochester herauszuarbeiten, das harte, unnahbare, wie auch das gefühlvolle. Ebenso überzeugt Ruth Wilson über weite Strecken als Jane Eyre, auch wenn ich sie zu Beginn des Films noch als etwas zu ruhig empfand und mir Jane Eyre beim Lesen ganz anders vorgestellt hatte. Der einzige Minuspunkt, was die Schauspieler angeht, war die Besetzung von Adele, Janes Schülerin, die ich eher schwach fand, was aber auch mit am Drehbuch gelegen haben kann, denn sie wird bloß als eitles, stressiges Mädchen dargestellt, das mich auf Dauer tierisch nervte, auch sie hatte ich mir bei der Lektüre komplett anders vorgestellt.

Fazit

Eine insgesamt gelungene Verfilmung dieses Klassikers von Charlotte Brontë, die jedoch auf die ein oder anderen dramatisierenden Szenen und Schreckelemente hätte verzichten können, die die ansonsten sehr gut herausgearbeitete Atmosphäre des Buches etwas zunichte machen. Trotzdem erhält man mit diesem Film gute, gefühlvolle Unterhaltung geboten, wenn er auch mit der Buchvorlage oftmals nicht mithalten kann und die erste BBC-Verfilmung darstellt, mit der ich etwas unzufrieden bin. Eher würde ich euch die Lektüre des tollen Buches empfehlen.

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