Freitag, 20. Juni 2014

Rezension: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (Stefan Zweig)

Fischer Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-596-22279-7
8,95 €

Ein kurzer Einblick

In diesem Werk über einen der bekanntesten Humanisten, Erasmus von Rotterdam, beschäftigt sich Stefan Zweig in erster Linie mit dessen Verdienst für den europäischen Humanismus, aber auch mit seinen persönlichen Grenzen, die er vor allem im Konflikt mit Martin Luther um die Reformation aufzeigt. Er stellt Erasmus als einen auf Gerechtigkeit, Unparteilichkeit, Frieden, Bildung und Mäßigung ausgerichteten ruhigen Gelehrten dar, der einer Positionierung für oder gegen Luther zunächst etwa aus Angst vor Verantwortung auswich und sich schließlich doch gegen Luther stellte, obwohl er ebenso für eine Erneuerung der Kirche eintrat, die jedoch weniger radikal vonstatten gehen sollte als von Luther vorgesehen.

Bewertung

Stefan Zweigs Werk über Erasmus sollte man nicht als Biografie begreifen wie etwa seine Werke über Maria Stuart oder Marie Antoinette. Im Zentrum steht zwar seine Person und auch sein Lebensverlauf wird chronologisch wiedergegeben, aber vieles wird nur sehr knapp behandelt wie zum Beispiel seine Ausbildung und seine langen Studienjahre, die ihn weit in Europa herumführten. Zentraler wird sein Einfluss auf den Humanismus behandelt, ein paar Werke und Thesen von Erasmus angesprochen und seinem Konflikt mit Martin Luther wird breiter Raum gegeben, wie auch der Analyse seines Charakters, der wiederum oftmals mit Luther verglichen wird. Da es Zweig aber auch um „Triumph und Tragik“ seiner Figur ging, kann man an seiner Herangehensweise auch nichts kritisieren. Ich hätte mir nur oftmals mehr Informationen zu Erasmus´ Leben gewünscht, da ich mich bisher wenig mit seiner Person beschäftigt habe.
Auch sonst konnte mich dieses Buch nicht so sehr begeistern wie die anderen Biografien und historischen Betrachtungen, die ich von Zweig gelesen habe. Es mag ein wenig an der Thematik des Buches liegen, die mich weniger interessierte als die seiner anderen Werke. Doch einmal abgesehen davon wirkte dieses Buch etwas zu sehr gefärbt von Zweigs eigener Zeit, dem Europa vor dem Zweiten Weltkrieg, so dass ich mir oftmals unsicher war, ob er nicht einige historische Fakten nicht so stark beachtet hat, um durch Erasmus stärker zu einer Verständigung in Europa aufzurufen und sich gegen Krieg auszusprechen. Ich kenne mich wie gesagt zu wenig mit Erasmus´ Leben aus, um dies komplett beurteilen zu können, doch würde ich bei der Lektüre nicht die Entstehungszeit dieses Werkes außer Acht lassen und bedenken, dass Zweig bloß ein Bild von Erasmus darstellte und hiermit keine wissenschaftliche Biografie ablieferte.
Der Autor setzt sich aber sehr gekonnt und glaubhaft mit Erasmus´ Wesen auseinander, den er als den „ersten bewussten Europäer“ bezeichnete, der sich gegen Krieg und für eine Verständigung in Europa im Geiste der Humanität aussprach. Er schildert ihn als zurückgezogenen Gelehrten und großartigen Denker, der frei von Positionen sein wollte, als der unparteiliche Beobachter im Hintergrund stand und wenig zu Taten entschlossen war. Jegliche Form von Fanatismus war ihm fremd, er hielt sich lieber gemäßigt zurück und überließ den Radikaleren wie Luther das Feld, hätte aber die drastische Spaltung der Kirche vielleicht auch verhindern können, hätte er sich aktiver eingebracht, darin liegt auch die Tragik seiner Person. Damit gelingt Zweig in meinen Augen eine weitestgehend realistische Einschätzung der Person Erasmus`, die wieder in ihrer Tiefe auch an die guten Biografien von Marie Antoinette und Maria Stuart heranreichen kann. Außerdem ist sein Werk wieder in anspruchsvoller Sprache geschrieben, was jedoch sehr angenehm zu lesen ist und auch durchaus spannend war, wenn mich dieses Buch auch nicht so sehr begeisterte wie andere von Zweig. Leider verfügt diese Ausgabe über kein erläuterndes Nachwort, was ich sehr nützlich gefunden hätte, um Zweigs Werk besser einschätzen zu können.

Fazit

Insgesamt wieder eine lesenswerte historische Betrachtung von Stefan Zweig, die meist treffend die Fähigkeiten, aber auch die Grenzen des Erasmus von Rotterdam und vor allem seine Rolle innerhalb der Reformation und im Konflikt mit Luther herausarbeitet. Ein paar Schwächen hat es zwar aufzuweisen, trotzdem kann ich dieses Buch jedem empfehlen, der Interesse am Humanismus und der Reformation hat.

3,5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen