Sonntag, 29. Juni 2014

Rezension: Roter Mond (Benjamin Percy)

Penhaligon
Hardcover, 640 Seiten
ISBN: 978-3-7645-3123-2
19,99 €


Ein kurzer Einblick

Das Medienthema schlechthin: Terroranschläge des lykanischen Widerstands bedrohen die USA. Die Lykaner fordern Unabhängigkeit für ihre Republik. Die USA verlangen die Bodenressourcen und halten Lupos besetzt. Die Welt droht sich zu verändern. Aber in welche Richtung? Erstarken die Lykaner oder werden sie zu einem Dasein in der untersten gesellschaftlichen Schicht verdonnert, um die Menschheit zu schützen?

Bewertung

Lupos ist ein zwiegespaltener Staat. Einerseits wollen viele Lykaner in Frieden leben, andererseits begehren terroristische Gruppierungen gegen die amerikanische Besatzung auf. Sie fordern Unabhängigkeit und Anerkennung der lykanischen Rasse als menschliches Geschlecht. Im Untergrund schmieden sie Pläne und überziehen die USA mit Terroranschlägen. An diesem Punkt setzt Benjamin Percys Parabel an. Die Medien bauschen die Anschläge künstlich auf. Politische Kampagnen hetzen die Bürger auf. All dies, um eine legitime Rechtfertigung zu erhalten, um die Armee an der Front zu verstärken. Um Gesetze zur restlosen Unterdrückung der lykanischen Rasse zu erlassen. Eingeständnisse für die Lykaner sind ein Tabu. Die Werwölfe sind eine verdammenswerte Rasse, die mit allen Mitteln ausgerottet gehört. Missachtet und verschwiegen wird, dass nur ein kleiner Teil des sogenannten Feindes der Menschheit gefährlich gesonnen ist.

Um ein glaubenswürdiges Weltbild aufzubauen, lässt Pery den Leser in Charaktere aller Ansichten eintauchen. Clares Eltern gehörten vor ihrer Geburt dem Widerstand an. Sie werden willkürlich durch die amerikanische Regierung erschossen, als die Terroranschläge von neuem beginnen. Jede bekannte potentielle Bedrohung wird ausgemerzt. Clare kann fliehen ...
Patricks Vater wird zur Arme einberufen, er selbst fliegt vorübergehend zu seiner Mutter. Ein Werwolf ermordet alle Passagiere des Fluges, nur Patrick überlebt. Später rettet er Clare vor einer Vergewaltigung eines Truckers und verliebt sich in sie ... zwischen Hass und Liebe hin und hergerissen, trennen sich schließlich ihre Wege.
Senator Chase propagiert für die Verschärfung der Lykaner-Gesetze. Der Zeitpunkt ist günstig, die Menschen sind verängstigt. Als er bei einem Anschlag verletzt wird, wird Chase infiziert. Sein Geheimnis wird vertuscht, doch abstreiten kann er es nicht: Chase ist zum Lykaner geworden. Sein Posten als Senator steht auf Messers Schneide ...

Das dichte Figurengeflecht baut ein Beziehungsdrama zwischen Mensch und Werwolf, Zuneigung und Abneigung, Charakter und Charakter auf, ohne dass sich die Figuren begegnen müssen. Sie alle stehen zwischen den Fronten, einem Gewissenskonflikt, der sie alle plagt. Sind die Lykaner die totale Bedrohung? Darf der Konflikt der politischen Karriere dienen? Manche haben Gewissensbisse, andere agieren eiskalt. Benjamin Percy zeichnet behutsam ein beängstigendes Gesellschaftsbild, das sich auf die Grundwerte der Menschlichkeit besinnen sollte. Besonders intensiv gestaltet sich Percys Weltbild durch die Nähe zu wahren politischen Ereignissen. Es ist eine Parabel, die gehört werden will und die spannend inszeniert ist: sowohl auf politischer als auch auf zwischenmenschlicher Ebene.
»Manche nennen es einen Krieg, andere einen Konflikt, wieder andere eine Besetzung. Manche halten es für einen Fehler, andere für notwendig, einige nennen es endlos. Es ist, was es ist, und das schon seit 1948, dem Jahr, in dem die Republik als paramilitärischer, mehrheitlich von den Lykanern bewohnter Staat errichtet wurde.« (S. 309)
Amerika mag eine Weltmacht sein. Amerika muss aber nicht die Stärke besitzen, den Feind zu besiegen. Ein Land der Überheblichkeit übernimmt sich und so fordert der Krieg, der nicht durch Waffengewalt zu gewinnen ist, dem Land eine schwerwiegende Wunde ab. Das Wirtschaftssystem kollabiert. Die Nahrungsmittelproduktion gerät ins Stocken. Die Terroristen haben einen Schwachpunkt gesucht und gefunden. Jetzt können die wahren Pläne beginnen! Abermals entwirft Benjamin Percy ein finsteres Weltbild der totalen Zerstörung, des Übermutes einer Weltbevölkerung und der Kraft der Unterdrückten. Worauf kommt es jetzt noch an? Die Unschuldigen müssen Leiden. Die Schuldigen zucken die Opfer als notwendiges Übel edlerer Ziele ab. Gierig strecken beide Parteien die Arme zum finalen Schlag aus. Eine weiße Weste besitzt niemand mehr. Alle sind schuldig: die amerikanische Regierung, der Widerstand. Die Welt hat sich auf einen Abgrund der Gier zubewegt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Irgendwo dazwischen existieren sie noch: die kleinen Geschichten von unzertrennlicher Liebe. Der Kraft der Zerstörung zu Widerstehen und ein Leben zu führen, das zwar jämmerlich, aber in einer sterbenden Welt lebenswert ist. Mut zu finden, am Abgrund zu stehen, die Flügel auszubreiten und zu fliegen, wo andere stürzen, von ihrer Angst überwältigt.

Percy schwingt zum Romanende von einer globalen Sicht zur Detailsicht zurück. Die Figuren rücken abermals in den Vordergrund. Wege haben sich getrennt. Wege haben sich wiedergefunden. Menschen haben ihre Liebenden verloren. Menschen haben neue Freunde gefunden. Sowohl Mensch als auch Lykaner. Die Zukunft wird Neues bringen. Wie diese aussehen wird, ist ungewiss. Benjamin Percy erzählt in einer vergehenden und neu erstehenden Welt eine bewegende Vielzahl an Geschichten (im Mittelpunkt Patrick und Clare), die den Mut besitzen ihr Leben nicht untätig zu verbringen, sondern etwas zu unternehmen, sich gegen ihre eigenen Leute zu stellen. Denn das ist es manchmal: Den eigenen Leuten trotzen, für eine bessere Zukunft.

Fazit

Die intensive Erzählung des Werdeganges der Figuren macht “Roter Mond” nicht allein zu einem großartigen Roman. Terror ist nicht zu befürworten. Terror ist Zerstörung und Leid. Die Beweggründe hinter der Terrororganisation der Lykaner mögen in manchen Punkten zweifelhaft sein, doch sind sie nicht gänzlich zu verachten. Wo steckt der wahre Terror? Hinter den feindlichen Linien oder verborgen in den Wurzeln eines rechthaberischen und besitzergreifenden Staates? Heißt Terror vielleicht manchmal Widerstand zu leisten? Leistet jedoch keinen Widerstand gegen diesen Roman, sondern lest ihn!

4,5 von 5 Punkten

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