Freitag, 13. Juni 2014

Rezension: Der Turm (Uwe Tellkamp)

Suhrkamp Verlag
Taschenbuch, 976 Seiten
ISBN: 978-3-518-46160-0
9,99 €

Ein kurzer Einblick

In diesem Roman schildert Tellkamp die letzten Jahre der DDR anhand einer Großfamilie aus dem Dresdner Villenviertel. Im Zentrum stehen der Abiturient Christian Hoffmann, der nach der Schule vor dem gewünschten Medizinstudium drei Jahre in der NVA dienen muss, sein Vater Richard, der nach einer Affäre mit einer Arbeitskollegin von der Stasi erpresst wird, und Christians Lieblingsonkel Meno Rohde, der als Lektor eines Verlags auch Kontakt zur einflussreichen Elite des Staates hat. Um diese drei Hauptfiguren baut Tellkamp seine dramatische und eindringliche Darstellung eines Gesellschaftssystems auf, das sukzessive seinem Untergang entgegen treibt…

Bewertung

Aufgrund durchweg positiver Besprechungen habe ich mich zur Lektüre dieses umfangreichen Werkes entschlossen, das diesen Bewertungen, die ich gelesen habe, jedoch leider nicht gerecht geworden ist und mein festes Vorhaben, Bücher nicht frühzeitig abzubrechen, auf eine harte Probe stellte. Ich habe mich schließlich durch den Roman durchgekämpft, musste dabei aber vor allem im zweiten Teil einige Seiten einfach nur überblättern, insbesondere Menos Geschreibsel – zum einen in Form eines Tagebuchs, was man meistens noch gut lesen konnte, und zum anderen als eine Art Roman im Roman, dem ich überhaupt nicht folgen konnte – hielt ich irgendwann nicht mehr länger aus. Der erste Teil des Werkes gefiel mir bedeutend besser. Ich konnte Kontakt zu den meisten Figuren aufbauen und ihre Geschichte berührte und interessierte mich, wenn auch Meno generell sehr unnahbar ist und auch den Leser nicht an sich heranlässt, sympathisch war er mir aber trotzdem. Er scheint sich schlichtweg an das System angepasst zu haben und Menschen grundsätzlich mit etwas Misstrauen zu begegnen. Im zweiten Teil des Buches fiel mir das Weiterlesen jedoch immer schwerer, was sich nur gegen Ende wieder etwas besserte. Der zweite Teil hat unzählige Längen und verliert sich in kleinsten Details, die einfach zu viel des Guten waren. Besonders Menos Geschichte war meistens sehr langatmig. Man konnte zwar ein wenig rätseln, welche Figuren wahre Personen darstellen, denn viele Autoren und Mitglieder der Elite, die unter anderen Namen im Roman auftauchen, existierten wirklich. Aber sonst waren die vielen Gespräche, die Meno mit diesen führt, einfach zu detailliert und zu speziell, ohne die Personen eingehend zu kennen, konnte man vieles nur schwer nachvollziehen. Außerdem gab es im Roman schlichtweg zu viele Nebenhandlungen, die für mich wenig Sinn machten, da sie die Handlung überhaupt nicht weiterführten und auch gar keinen Abschluss fanden. Dazu kommt, dass unzählige Personen im Buch auftauchen, bei denen man schnell den Überblick verlieren konnte. Die Bewohner der fünf Häuser, in denen Mitglieder der Hoffmannschen bzw. Rohde-Familie wohnen, werden zwar am Ende des Romans aufgelistet, alle anderen muss man aber immer wieder selbst zuordnen, was insbesondere schwer fällt, wenn sie längere Zeit nicht auftauchten und dann plötzlich ohne Einleitung wieder Erwähnung finden. Tellkamp machte es somit in meinen Augen dem Leser oftmals unmöglich, seinem Werk richtig folgen zu können. Dabei weiß ich einen anspruchsvollen Aufbau und eine Geschichte, bei der der Leser mitdenken muss und nicht alles vorgekaut bekommt, durchaus zu schätzen, dies wurde hier jedoch zu sehr auf die Spitze getrieben.
Was dem Autor jedoch wirklich gut gelingt, das ist die Darstellung der wesentlichen Entwicklungen in der späten DDR. Dazu eigneten sich Christians und Richards Geschichte auch deutlich besser, wobei wir durch Meno einen aufschlussreichen Einblick in den Kulturbetrieb der DDR erhalten. Im Zentrum stehen eindeutig die Erfahrungen der Bildungsbürger in ihrem „Elfenbeinturm“, was offensichtlich in vielen Teilen aus Tellkamps eigenem Leben entnommen wurde, doch viele Entwicklungen lassen sich auch auf die anderen Schichten übertragen. Durch Christian bekommen wir stärker die Welt der jungen Erwachsenen zu spüren, der mir persönlich am sympathischsten war und mit dem ich gern sein Erwachsenwerden verfolgte. Seine Geschichte verdeutlicht vor allem die Einschränkungen bei der Berufs- und Studiumswahl, das Christian erst nach drei Jahren in der NVA antreten darf. Seine Zeit in der Armee wird im zweiten Teil lang und breit beschrieben und verliert sich auch wieder ein wenig zu sehr in Details, zeigt aber doch die oftmals anscheinend heftigen Zustände, denen die jungen Männer ausgesetzt waren. Durch Richard taucht stärker der Aspekt der Versorgungsmängel auf. Er arbeitet in einem Krankenhaus, das dauernd unter Materialengpässen leiden muss, was die Arbeit der Ärzte deutlich behindert. Auch die Vorgehensweise der Stasi, das Sich nicht sicher fühlen können und nicht wissen, wem man vertrauen kann, wird durch Richards Geschichte eindrucksvoll herausgearbeitet. Hinzu kommt, dass durch (leider oftmals zu lange) Beschreibungen des Viertels auch die Mängel im Verkehr, beim Essen und anderen wichtigen Alltagsgegenständen eindrucksvoll hervorgehoben werden, so dass man wirklich das Gefühl bekommt, nachempfinden zu können, wie das Leben in der späten DDR ausgesehen hat.

Fazit

Tellkamps Werk hätten einige Kürzungen und das Weglassen unwichtiger Nebenhandlungen sicherlich gut getan. Diese verkomplizierten die an sich gelungene Handlung und eindrucksvolle Darstellung der Zustände in der späten DDR zu sehr, so dass ich etwas enttäuscht nach dem Lesen zurückblieb. Als lesenswert würde ich diesen Roman jedoch immer noch bezeichnen, im Notfall muss der Leser eben einige Passagen bloß überfliegen.

3 von 5 Punkten

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