Sonntag, 8. Juni 2014

Rezension: Der freundliche Mr Crippen (John Boyne)

Arche Verlag
Gebundene Ausgabe, 528 Seiten
ISBN: 978-3-7160-2700-4
22,95 €

Ein kurzer Einblick

Antwerpen, 1910: Das Passagierschiff Montrose macht sich mit etwa 1400 Fahrgästen an Bord auf den Weg nach Kanada, unter ihnen Mrs. Drake und ihre Tochter Victoria, die der englischen Oberschicht angehören, und der ruhige Mr. Robinson mit seinem Sohn Edmund. Zur gleichen Zeit sucht Scotland Yard in London nach dem Mörder von Cora Crippen, deren Leiche zerstückelt im Keller ihres Hauses gefunden wurde. Dringend tatverdächtig ist ihr Mann, der Arzt Hawley Crippen, der jedoch, ebenso wie seine Geliebte, nicht mehr aufzufinden ist. Die Jagd der Polizei nach Cora Crippens Mörder, die sich im Jahre 1910 wirklich zugetragen hat und die zum ersten Mal mithilfe drahtloser Kommunikation abgeschlossen werden konnte, lässt John Boyne in diesem Buch wieder aufleben.

Bewertung

Der Roman wechselt an sich zwischen drei Haupterzählsträngen hin und her: die Geschehnisse auf dem Schiff, die Ermittlungen in London und Rückblenden zu Hawley Crippens Kindheit und Jugend in den USA, bis er schließlich nach England auswanderte. Diese Erzählweise trug entscheidend zum Aufbau der Spannung des Buches bei, da oftmals an einschneidenden Punkten Kapitel endeten und erst einmal ein anderer Erzählstrang fortgesetzt wurde. Zusätzlich fand ich es spannend zu erleben, wie Boyne diesen Mordfall, der sich tatsächlich im Jahre 1910 zugetragen und damals für allerhand Aufruhr gesorgt hat, darstellte. Wie bereits aus seinen anderen Büchern gewohnt, nimmt er also auch in diesem Werk ein historisches Ereignis als Grundlage, um das er seine Geschichte aufbaut, und bietet seine eigene Idee, wie 1910 alles abgelaufen sein könnte. Bisher konnten mich seine Bücher immer überzeugen, was ihre Handlung anging. Bei „Der freundliche Mr Crippen“ war dies leider nicht immer der Fall, denn Boynes Geschichte, wie sich alles zugetragen haben könnte, wirkte doch oftmals zu konstruiert und nicht immer schlüssig. Ich habe der Versuchung widerstanden und nicht während der Lektüre den wirklichen Ablauf der damaligen Ermittlungen nachgelesen, was ich jedem empfehlen würde. Ansonsten nimmt dies schon einige Spannung heraus und man vergleicht auch zu sehr Boynes fiktive Handlung mit den wahren Begebenheiten. Doch obwohl ich die genauen Abläufe und Hintergründe nicht kannte, fielen mir eben beim Lesen doch einige Umgereimtheiten auf, die die Geschichte etwas unrealistisch wirken ließen, was mich dieses Buch zumindest nicht mit der Begeisterung lesen ließ wie seine anderen zuvor.
Was Boyne jedoch wieder sehr gut gelingt, das ist die Zeichnung seiner Charaktere. Wenn mir auch einige Handlungen auf dem Schiff etwas übertrieben vorkamen, karikiert der Autor aber sehr gelungen und humorvoll einzelne Mitglieder der gehobenen Gesellschaft, was bei mir zu einigen Lachern führte. Insbesondere die Darstellung von Mrs. Drake und ihrem ewigen vornehmen Getue und sich besser als andere-Fühlen war wirklich köstlich. Außerdem stellt Boyne den Zwiespalt, in dem sich wohl bereits damals die Zeitgenossen in Bezug auf Hawley Crippen befanden, sehr gut heraus. Man mag ihn durchaus, er scheint ein netter Mensch zu sein, dem man irgendwie keinen Mord zutraut. Im Buch findet man sogar Verständnis für ihn und wundert sich immer wieder über sich selbst, wie man doch Gründe finden kann, die einem solch eine Tat verständlich erscheinen lassen, ob nicht sogar jahrelange seelische und körperliche Gewalt und Quälerei sogar schlimmer sind als Mord, der daraus resultierte.

Fazit

Auch wenn in diesem Roman von John Boyne die Handlung ein paar Schwächen aufweist, erhält man immer noch spannende, nette Unterhaltung. Die damalige Schifffahrt mit ihren allmählichen technischen Neuerungen wird stimmig dargestellt, die Charaktere überzeugend gezeichnet und die historische Grundlage der Geschichte zum Nachdenken anregend herausgearbeitet. Somit kann ich auch dieses Werk von Boyne bedenkenlos weiterempfehlen.

4 von 5 Punkten

Wir danken dem Arche Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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