Dienstag, 20. Mai 2014

Rezension: Klein und Wagner (Hermann Hesse)

Suhrkamp Verlag
Taschenbuch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-518-36616-5
7,00 €

Ein kurzer Einblick

Diese 1919 erschienene Novelle von Hermann Hesse behandelt die Flucht des Beamten und Familienvaters Friedrich Klein, der mit einem falschen Pass, veruntreutem Geld und einem Revolver im Gepäck sein bürgerliches Leben hinter sich lässt und nach Italien reist. Doch seine Vergangenheit lässt sich nicht so leicht abschütteln, er findet keinen Weg, mit seiner tief gespaltenen Seele zu leben, ist geplagt von Gedanken an einen Schullehrer namens Wagner, der vor Jahren seine Frau und Kinder ermordete. Dann trifft er die Tänzerin Teresina, doch kann sie ihm helfen, sein eigenes Selbst zu finden?

Bewertung

Hermann Hesse schrieb diese Novelle im Jahr 1919, als er sich selbst gerade von seiner Familie und seinem alten Wohnsitz endgültig gelöst hatte. So findet man in „Klein und Wagner“ viele Elemente vor, die Hesse zur Zeit der Abfassung des Werkes selbst beschäftigt haben dürften. Klein setzt sich verstärkt mit seiner gescheiterten Ehe auseinander, sucht nach Gründen für das Scheitern, wofür er zu Anfang noch stärker seine Ehefrau verantwortlich macht, aber mit der Zeit auch kritisch mit sich selbst umgeht und hinterfragt, inwieweit er an der Trennung mitschuldig ist. Man gewinnt den Eindruck, Hesse verarbeite mit seinem Werk seine eigene Lebenskrise.
Des Weiteren greift Hesse mit „Klein und Wagner“ bereits einige Elemente auf, die im „Steppenwolf“ schließlich zur kompletten Entfaltung kommen. Ähnlich wie später Harry Haller findet man in Klein auch bereits eine moralische und eine tierische, eine geistige und eine triebhafte Seite, die er beide nicht miteinander in Einklang bringen kann. Anders als Haller findet er keinen Ausweg, er hat sich komplett von seinem bürgerlichen Leben und seinen Regeln und Normen gelöst, kann dieses aber nicht richtig abschütteln und zerbricht langsam daran. Zeitweise genießt er seine neue Freiheit, doch insbesondere nachts erleidet er immer wieder einen „Rückfall“, es melden sich erneute Zweifel. Außerdem finden sich im Buch bereits einige Ansätze für das magische Theater im „Steppenwolf“ und ebenso taucht eine deutlich jüngere Frau auf, die sich der Hauptfigur annimmt, wenn auch Teresina und Hermine nicht in allen Punkten deckungsgleich sind.
Die Behandlung der Thematik des Versuchs eines Neubeginns, des Ausbrechens aus den gewohnten Lebensmustern und die überzeugende Darstellung des gespaltenen Ichs, das sich in jedem Menschen finden lässt, machen diesen kurzen Band zu einem wirklich lesenswerten Werk, das bereits sehr an den „Steppenwolf“ erinnert und mir Hermann Hesse und seine damalige Lebenssituation wieder ein wenig näher brachte. Das Buch wurde vom Verlag noch um eine Zeittafel zu Hesses Leben und einige Literaturtipps von und über den Autoren erweitert. Leider fehlt ein meist übliches erläuterndes Nachwort, was ich mir sehr gewünscht hätte. Hesses Bücher greifen so viele Aspekte auf, auch immer wieder aus dem Bereich der Psychoanalyse, dass einige Erläuterungen hilfreich gewesen wären, um das Werk auch in seiner Tiefe besser zu verstehen.

Fazit

Egal, was ich von Hermann Hesse lese, jedes Buch lässt mich begeistert zurück. Zwar kommt bei der Lektüre auch immer wieder das Gefühl auf, sein Werk gar nicht angemessen verstehen zu können, da mir dazu einige Kenntnisse fehlen und mehrmaliges Lesen dafür notwendig wäre, doch trotzdem gelingt es ihm stets, auch komplizierte Sachverhalte annähernd allgemein verständlich darzustellen und dies mit einer anspruchsvollen, aber auch angenehm zu lesenden Sprache, so dass ich auch dieses kleine Bändchen ohne Bedenken jedem weiter empfehlen kann. Wer Hermann Hesse gern liest, wird auch dieses Werk zu schätzen wissen.

4 von 5 Punkten

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