Montag, 26. Mai 2014

Rezension: Die geheimen Tagebücher der Charlotte Brontë (Syrie James)

Aufbau Verlag
Taschenbuch, 633 Seiten
ISBN: 978-3-7466-2774-8
12,99 €

Ein kurzer Einblick

In der Form eines Tagebuchs lässt Syrie James hier Charlotte Brontë, die Verfasserin des Klassikers „Jane Eyre“, die Geschichte ihrer Beziehung zu Mr. Nicholls erzählen, der später ihr Ehemann werden sollte. Gleichzeitig erhält man detailliert und spannend dargestellt einen Einblick in Charlottes Leben, ihre Beziehungen zu ihren Geschwistern Emily, Anne und Branwell und ihrem Vater, der Pfarrer in einer kleinen Gemeinde ist. Im Zentrum stehen die Bemühungen der drei Schwestern, Bücher zu veröffentlichen und nicht bloß zu Heimchen am Herd degradiert zu werden, was Charlotte immer wieder in Konflikt mit Mr. Nicholls traditionelleren Ansichten bringen soll und aufkeimende Gefühle behindert…

Bewertung

Dieses über 600 Seiten umfassende Werk hat es wirklich in sich. Es setzt mit der Zeit des Heiratsantrages von Mr. Nicholls an Charlotte ein, deren Beziehung zueinander in einem Rückblick, der sich über ungefähr acht Jahre erstreckt, behandelt wird, so dass der Roman etwa die Zeit zwischen 1845 und 1853 abdeckt und schließlich noch die Entwicklungen nach seinem Heiratsantrag bis zum Ende des Jahres 1854 darstellt. Zusätzlich erfährt man in vielen Rückblenden auch einiges aus der Kindheit der Brontë-Schwestern und ihres Bruders Branwell und von Charlottes und Emilys Zeit in Belgien, wo sie an einer Schule Französisch lernten, Charlotte schließlich noch ein Jahr länger blieb und Englisch unterrichtete und sich in den verheirateten Direktor der Schule, Professor Héger, verliebte. Doch es wird nicht nur eine sehr große Zeitspanne in diesem Buch abgedeckt, sondern auch unzählige Themen behandelt. Im Zentrum steht Charlottes Leben mit ihrer Familie in Haworth, wo ihr Vater als Pfarrer tätig ist. Man erhält einen interessanten Einblick in ihren Alltag, der sich aus häuslicher Arbeit, Pflege des Vaters, Gemeindepflichten und langen Spaziergängen im Moor zusammensetzt. Die Abende verbringen die Schwestern (ihr Bruder versinkt immer mehr im Alkoholismus aufgrund von Liebeskummer) meist zusammensitzend und an ihren jeweiligen Buchprojekten arbeitend. Neben Charlottes Beziehung zu Mr. Nicholls nimmt der Versuch der Schwestern, Bücher herauszubringen, den Großteil des Buches ein. Man erlebt hautnah mit, wie die drei sich dabei stets kritisch unterstützen, zunächst einen gemeinsamen Gedichtsband (noch auf eigene Kosten) herausbringen und sich gegenseitig zu besseren Werken anspornen. Dies bietet ebenso einen aufschlussreichen Einblick in das Verlagswesen der damaligen Zeit, als die Schwestern zunächst vergeblich versuchen, ihre Werke „Sturmhöhe“, „Agnes Grey“ und Charlottes Erstlingswerk „Der Professor“ in einem Verlag unterzubringen, und auch interessante Anekdoten zu den Schriftstellergrößen zu Charlottes Lebenszeit, da diese zu einigen von ihnen durch den Erfolg ihrer Bücher in Kontakt gerät. Durch die vielen Rückblenden in die Kindheit der drei und die Zeit in Belgien erfährt man zusätzlich viel über die oftmals katastrophalen Bedingungen in vielen Schulen, wodurch etwa die beiden älteren Schwestern von Charlotte, Emily und Anne noch im Kindesalter sterben. Auch die Thematik von Krankheiten und medizinischen Kenntnissen im 19. Jahrhundert taucht immer wieder auf, da die Schwestern und auch viele Menschen in ihrer Umgebung oftmals schwer erkranken und schließlich jede allzu früh stirbt. Außerdem wird die Rolle der Frau eingehend im Roman behandelt, wobei die beiden Positionen auf der einen Seite durch die Brontës und auf der anderen Seite meist durch ihren Vater und Mr. Nicholls dargestellt werden. Die Schwestern wollten stets mehr in ihrem Leben erreichen, als sich bloß einen Ehemann zu suchen, dem sie eine fürsorgliche Hausfrau und Mutter sein sollen. Ihre sehr modernen Ansichten geraten immer wieder in Konflikt mit ihrem Vater und Mr. Nicholls, die allerdings allmählich, besonders als sie von den veröffentlichten Werken der drei Schwestern erfahren, ihre Meinung revidieren. Man erlebt hier die Brontë-Schwestern als wahre Vorstreiter für eine eigenständigere Position der Frau, der man mehr als häusliche Arbeiten zutrauen sollte.
Trotz des großen zeitlichen Umfangs des Buches und der Unmengen an Themen, die behandelt werden, wird jede Thematik einfühlsam, abwägend und spannend erzählt, so dass auf den 600 Seiten niemals Langeweile aufkommt. Das Buch lebt von seiner Hauptfigur und ihren beiden Schwestern, die trotz ihrer vielen Gegensätze (Emily ist die zurückgezogene, verschlossene, Anne mehr die liebe, im Menschen das Gute sehende Schwester und Charlotte der Ruhepol der Familie, die sich als Älteste versucht, um alles und jeden zu kümmern) meist harmonisch zusammenleben und jede für sich enorm sympathisch rüberkommt. Man fühlt mit ihnen, erlebt ihr Leben (vor allem auch aufgrund der gelungenen, bildhaften Beschreibung ihrer Heimat) in Haworth hautnah mit und wünscht sich beinahe, selbst an ihrem kritischen Bücherkreis teilzunehmen, der auf mich wie ein sehr anregendes Umfeld wirkte. Ihr Schicksal lässt einen einfach nicht kalt, das Buch rührt einen zu Tränen, vor allem als Emily und Anne mit dem Tode ringen.
Was noch wichtig zu erwähnen ist, wäre die sehr große Authentizität, mit der James dieses Buch verfasst hat. Sie hat sehr viel zu den Schwestern recherchiert und sich sehr stark an die wirklichen Begebenheiten gehalten, wenn auch einige Passagen etwas ausgeschmückt wurden und natürlich viele der Gespräche so in der Form nicht stattgefunden haben können, also die Autorin auch ein wenig ihre Phantasie einbringen musste. Auch von der Seite kann ich eigentlich nichts an diesem Werk aussetzen, bloß gegen Ende driftete sie für meinen Geschmack ein wenig ins Kitschige ab, was aber auch dem Lesevergnügen keinerlei Abbruch tut.
Ergänzt wurde diese Ausgabe auch noch um ein erklärendes Vor- und Nachwort der Autorin, wobei sie am Ende noch den restlichen Lebensweg von Charlotte aufzeichnet (das Buch endet einige Monate nach der Hochzeit). Außerdem gibt es ein Interview mit Syrie James, in dem man auch sehr viel über ihre Recherche zum Buch erfährt, einige spannende Auszüge aus Briefen von Charlotte und eine Auflistung der Werke der drei Schwestern. Somit erhält man eine rundum gelungene Ausgabe, die neben dem überzeugenden Werk zusätzlich noch weiterführende Informationen bietet.

Fazit

Ein mehr als gelungener Roman über Charlotte Brontë und ihre Schwestern, der dem Leser die Brontë-Familie spannend, rührend und sehr realistisch näher bringt. Man versinkt von der ersten Seite an in deren Leben, gewinnt sie lieb und kann sich nicht mehr von ihnen und ihrem Schicksal losreißen. Am liebsten würde man direkt all die Werke der Schwestern hervorholen und (wieder) in ihnen versinken.

4,5 von 5 Punkten

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