Dienstag, 27. Mai 2014

Rezension: Deutschland misshandelt seine Kinder (Michael Tsokos, Saskia Etzold (Guddat))


Droemer Knaur
Hardcover mit Schutzumschlag, 255 Seiten
ISBN: 978-3-426-27616-7
19,99 €


Ein kurzer Einblick

Blutergüsse, komplizierte Frakturen, Unterernährung, Schütteltrauma, Bisswunden, Verbrennungen… Als das sind Verletzungen, die Babys und Kleinkinder erleiden, wenn den Eltern und/oder Betreuern die Nerven durchgehen und die staatlichen Einrichtungen zum Kindeswohl mit ihrer Arbeit versagen.


Bewertung

Die Autoren berichten über dieses schreckliche Thema mit schonungsloser Ehrlichkeit. Sie benennen Beispiele von Misshandlungen, die ich keinem Erwachsenen wünschen würde. Dadurch werden dem Leser sehr gut die Augen für die Missstände geöffnet und auch der Unterschied zum berühmten „Klaps auf dem Po“ wird klar.
Im Großteil des Buches wird das Versagen der verschiedenen, am Kinderschutzsystem beteiligten, Personen angeklagt: Allen voran die Eltern, aber auch Erzieher und Erzieherinnen der Kindertagesstätten, Jugendamtmitarbeiter und solche der freien und öffentlichen Jugendhilfe, Kinderärzte und Richterinnen und Richter. Fehlt es den Ärzten an einer rechtsmedizinischen Ausbildung, welche sie Misshandlungsspuren besser erkennen lassen würde, gibt es bei der Jugendhilfe und dem Jugendamt neben dem permanenten Personalnotstand zumeist entweder unerfahrene und überforderte Berufsstarter oder desillusionierte Mitarbeiter, die von dem gesamten Missstand des Systems so kaputt sind, dass sie nur noch antriebslos handeln. Nimmt man Täter- statt Opferschutz hinzu und bedenkt mangelnde Gelder ist die große Hilflosigkeit komplett, die dieses Land befallen hat. Die Autoren sagen zwar durchaus, dass es auch motivierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern etc. gibt, jedoch sieht und hört man in immer wiederkehrenden Nachrichtenberichten, dass das System andauernd erneut versagt.
Hierbei sind aber nicht nur Babys und Kleinkinder betroffen, sondern es betrifft auch die immer mehr zunehmende Gewalt unter Vorschulkindern und Jugendlichen. Denn die Autoren sagen, wenn Kinder zuhause die Schwachen sind, psychisch unter Druck gesetzt werden und/oder Prügel einstecken müssen, versuchen sie diese „Opfer- und Ohnmachtserfahrungen durch Täter- und Machterlebnisse unmittelbar zu überschreiben.“ (Seite 27) Sie werden selber zu Schlägern. Abhängig von der Mentalität betrifft dies sicherlich nicht jedes Kind oder jeden Jugendlichen. Vielleicht erkranken sie „nur“ an Depressionen oder einer Angststörung.
Man kann sich auch durchaus darüber streiten, ob einige Buchpassagen zu polemisch verfasst sind, doch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ ist nichtsdestotrotz ein sehr gutes Buch, um öffentliche Diskussionen anzuregen (z.B. bei Stern TV) und die Menschen darauf zu sensibilisieren, vor den Missständen im Kinderschutzsystem nicht die Augen zu verschließen, um hinterher dann immer wieder entsetzt fragen zu müssen, wie so etwas passieren konnte.
Was ich sehr gut finde, ist, dass aber nicht nur die Fehler des Systems Kinderschutz angeprangert, sondern auch Lösungsvorschläge aufgezeigt werden. Im letzten Kapitel werden auch nochmals Alarmzeichen und Warnhinweise konkret zusammengefasst, die auch Laien helfen, Misshandlungs- von z.B. Sturzverletzungen zu unterscheiden. Sehr schön finde ich auch, dass darauf eingegangen wird, dass manche Verletzungen, die so aussehen als stammen sie von Misshandlungen, Folgen einer bisher unerkannten Erkrankung sein können, wie z.B. Gerinnungsstörungen oder Leberentzündungen.

Fazit

Das Thema Kindesmisshandlung geht alle Menschen an. Die Autoren haben mit diesem Buch ein wichtiges und vor allem aufrüttelndes Buch geschrieben, das einen nicht nur privat dazu anstiftet, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern auch alle in den entsprechenden Institutionen arbeitenden Menschen entsprechend sensibilisieren soll, kann und muss.
Allerdings sollte solch ein Buch auch unbedingt für den kleinen Geldbeutel erhältlich sein. Knapp 20 € sind sicherlich für einige Menschen ein stolzer Preis und sie werden es sich zweimal überlegen, ob sie das Buch kaufen.

4 von 5 Punkten

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