Freitag, 23. Mai 2014

Rezension: Das Paradies ist anderswo (Mario Vargas Llosa)

Suhrkamp
Taschenbuch, 492 Seiten
ISBN: 978-3-518-45713-9
12,00 €


Ein kurzer Einblick

Paul Gauguin und seine Großmutter Flora Tristan haben einander nie kennengelernt. Obwohl sie ein völlig unterschiedliches Leben geführt haben, verbindet sie doch eine Sache: die Suche nach dem Paradies. Doch diese Suche gehen beide völlig unterschiedlich an: Paul sucht in der Südsee nach dem Paradies, in dem die Menschen glücklich werden können, und Flora möchte vor allem die entrechtete Welt der Arbeiter und Frauen verändern…


Bewertung

Mario Vargas Llosa greift in diesem Roman das Leben zweier realer Persönlichkeiten auf und stellt abwechselnd deren Suche nach dem für die jeweilige Person erdachten Paradies dar. Dabei beschreibt er nicht nur die entscheidenden Lebensphasen der beiden Hauptpersonen, sondern blickt nach und nach auch in das Leben der beiden zurück. Je weiter der Leser im Roman voranschreitet, desto mehr erfährt er, wie die beiden Hauptprotagonisten so wurden, wie sie sind, und was die Gründe für ihre Entscheidungen zu großen Veränderungen waren. So wird nach und nach auch das Verwandtschaftsverhältnis der beiden aufgedeckt und offenbart, warum sie sich niemals kennenlernten. Beide Erzählungen sind jedoch relativ monoton erzählt, so dass sich eine Spannungskurve über den gesamten Roman hinweg kaum aufbaut.
Flora Tristan ist die eindeutig Sympathischere der beiden Hauptpersonen. Als Frau im 19. Jahrhundert hatte sie es mit ihrem fortschrittlichen Gedanken und einem gewalttätigen Ehemann alles andere als leicht. Doch gerade ihr eigenes Leben und die schlechte Lage der Arbeiterschaft veranlassen sie, sich für bessere Lebensverhältnisse einzusetzen. Mit vollem Einsatz ist sie auf das Ziel konzentriert, die Lage der Arbeiter und Frauen zu verbessern, und opfert sich dafür bis bzw. trotz gesundheitlicher Beschwerden auf. Sie widmet ihr gesamtes Leben diesem Ziel und vernachlässigt dabei ihr Privatleben ebenso wie ihre eigenen Kinder.
Paul Gauguin sucht dagegen vor allem für sich selbst ein angenehmes und unbeschwertes Leben. Er möchte einen Ort finden, an dem er unbeschwert seiner Malerei nachgehen kann und keine Verpflichtungen erfüllen muss. Dabei ist sein Verhalten vor allem durch Egoismus geprägt. So lässt er ohne weiteres seine Kinder zurück und erinnert sich vor allem nur in Notlagen an diejenigen, die er in Frankreich zurückgelassen hat. Sein Leben in der Südsee ist durch die Suche nach dem Motiv, das das paradieshafte des dortigen Lebens widerspiegelt, geprägt. Vor allem die sexuelle Komponente dieser Suche wird im Roman stark strapaziert. Zudem führen diese Passagen und die zum Teil wenig essentiellen Veränderungen in dem beschriebenen Lebensabschnitt dazu, dass besonders die Kapitel über ihn einzelne Längen aufweisen. Allerdings wird in der Beschreibung des Lebens Paul Gauguins ebenso deutlich, wie er sich ähnlich wie Flora Tristan bis zur Erschöpfung aufopfert, um das angestrebte Motiv zu finden.
Auf eindringliche Weise lässt Mario Vargas Llosa den Leser all dies mitempfinden und macht zugleich auch die Utopie der Anliegen der Hauptpersonen deutlich. Der ihnen gemeinsame Kampfgeist lässt sie ihre Ziele jedoch gegen alle Widerstände von Staat, Kirche und anderen Akteuren immer weiterverfolgen.

Fazit

In „Das Paradies ist anderswo“ verbindet Mario Vargas Llosa das Leben zweier realer Persönlichkeiten, die auf völlig unterschiedliche Weise nach dem einen Ziel im Leben streben und sich dafür aufopfern. Auch wenn dem Roman etwas mehr Spannung gut tun würde, macht ihn doch die eindringliche Erzählung zweier interessanter Lebensverläufe auf jeden Fall lesenswert.

4 von 5 Punkten

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