Montag, 19. Mai 2014

Rezension: Amerigo (Stefan Zweig)

Fischer Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-596-29241-7
7,99 €

Ein kurzer Einblick

Diese kurze Untersuchung von Stefan Zweig, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit der Benennung des Kontinents Amerika nach dem italienischen Entdecker Amerigo Vespucci (1451 – 1512). Bekanntlich hat Christoph Columbus diesen Weltteil für Europa entdeckt, auch wenn er bis zu seinem Tode davon ausging, bloß den westlichen Seeweg nach Indien gefunden zu haben und nicht einen komplett neuen Kontinent. Vespucci hingegen verdanken wir die Erkenntnis, dass es sich um einen neuen Erdteil handelt. Wie sich daraus die fälschliche Benennung des Kontinents nach Amerigo entwickelte, zeichnet Zweig in diesem kurzen Bändchen eindrucksvoll und spannend nach und zeigt wieder einmal überzeugend auf, wie sehr die Geschichte voll von Willkür und Irrtümern mit weitreichenden Folgen ist…

Bewertung

Nachdem ich vor kurzem Zweigs Magellan-Biografie gelesen hatte, widmete ich mich nun seiner nächsten Untersuchung zu einem Entdecker, der Behandlung der Frage, warum Amerika nach dem italienischen Seefahrer Amerigo Vespucci und nicht nach seinem Entdecker Christoph Columbus benannt wurde. Dazu beginnt Zweig sein Werk zunächst mit einem kurzen historischen Abriss zu den Entdeckungsfahrten vor Columbus und Vespucci und zeigt uns spannend und kompakt auf, was nach und nach erst für Europa entdeckt wurde, auch wie weit die Antike Kenntnisse über die nichteuropäische Welt hatte, und wie weit man bis zu Columbus und Vespucci gekommen war, die beide etwa zur gleichen Zeit auf ihre Entdeckungsreisen gingen. Dann berichtet er uns von Vespuccis Reisen und wie sich daraus fälschlicherweise über mehrere Irrtümer die Benennung des neuen Erdteils nach Vespucci und nicht nach Columbus entwickelte, die ein Kartograph vornahm. Vespucci war schließlich „nur“ bei seinen Reisen an die Küste des heutigen Brasiliens gekommen und hatte, wie bereits erwähnt, als Erster erkannt, dass es sich bei der Landmasse westlich von Europa nicht um Indien handelte, sondern um einen neuen Kontinent. Zweig erzählt dann die weitere Entwicklung im Vespucci-Columbus-„Streit“ durch die nächsten Jahrzehnte weiter, wie sich Vespucci vor Ruhm kaum retten konnte, während Columbus fast in Vergessenheit geriet, wobei sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts das Blatt langsam wendete und Vespucci zum Betrüger stilisiert wurde, der Columbus´ Ruhm stehlen wollte. Die vorhandenen Akten wurden endlich genauer gesichtet, auch im Versuch, Vespucci zu rehabilitieren, um den sich seit Jahrhunderten zwiespältige Ansichten ranken, die Zweig im letzten Kapitel aufzuklären versucht, indem er zusammenstellt, was wir über Vespucci gesichert wissen.
Somit baut Zweig seine Darstellung logisch auf und schafft es, das Vespucci-Problem dem Leser spannend näher zu bringen. Er arbeitet vor allem hervorragend heraus, wie sich in der Geschichte oftmals kleine Fehlurteile sehr groß auswirken können und wie sehr sich das Bild von einem Menschen über Jahrhunderte ändern kann. Außerdem erhält man interessante Einblicke in die Quellenkritik, die Zweig für einen Nichthistoriker sehr gelungen anwendet. Ebenso beleuchtet der Autor auch die begrenzten Möglichkeiten der damaligen Zeit eindrucksvoll, wie sich etwa in einer Welt ohne Zeitungen oder geschweige denn Internet Nachrichten verbreiteten, wie einfach diese schlichtweg auch gefälscht werden konnten, schließlich gab es kein Copyright oder etwas in diese Richtung. Zweig bietet dem Leser mit seiner Untersuchung folglich wieder einmal anspruchsvolle, kurzweilige und interessante Unterhaltung, die zudem noch sprachlich absolut überzeugen kann.

Fazit

Auch mit „Amerigo“ konnte mich Stefan Zweig absolut begeistern. Seine historische Thematik wird, soweit ich dies überblicken kann, gut recherchiert kompakt und spannend dargestellt und mit einem angemessenen sprachlichen Niveau präsentiert. Jedem auch nur leicht historisch Interessierten kann ich diesen kurze Bändchen mit gutem Gewissen empfehlen, besser kann ein Nichthistoriker dieses Thema wohl nicht behandeln.

4,5 von 5 Punkten

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