Freitag, 11. April 2014

Rezension: So fern wie nah (John Boyne)

Fischer KJB
Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-596-85650-3
12,99 €

Ein kurzer Einblick

Alfie feiert gerade seinen fünften Geburtstag, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Sein Vater verspricht, nicht in den Kampf zu ziehen, meldet sich dann jedoch bereits am nächsten Tag freiwillig. Die folgenden Jahre werden die härtesten in Alfies Leben, seine Mutter rackert sich mit mehreren Jobs ab, um beide über Wasser zu halten, und auch Alfie geht heimlich Schuhe putzen, um seine Mutter zu unterstützen. Sein Vater, der zu Beginn des Krieges häufig geschrieben hat, meldet sich schon lange nicht mehr und Alfie ist davon überzeugt, dass er tot ist. Dann findet er durch Zufall heraus, dass er noch lebt und sogar in England ist, in einem Krankenhaus für traumatisierte Soldaten. Und Alfie beschließt, seinen Vater nach Hause zu holen…

Bewertung

Dies ist mittlerweile der fünfte Roman, den ich von John Boyne gelesen habe, der mich bisher mit jedem seiner Bücher begeistern konnte. Das gelingt ihm auch mit „So fern wie nah“, das fast an „Der Junge im gestreiften Pyjama“ heranreichen kann, das von einer ähnlichen rührenden Atmosphäre lebte. Wieder verfasste Boyne an sich ein Jugendbuch, was aber für Erwachsene gleichermaßen geeignet ist. Es liest sich wie auch seine anderen mir bekannten Bücher sehr gut, ich habe es an zwei Tagen schnell heruntergelesen, was durch den schlichten, flüssigen Schreibstil begünstigt wird, der dennoch sprachlich hochwertig ist.
Dieses Werk lebt schlichtweg von seiner Hauptfigur, den zunächst fünfjährigen und im Hauptteil des Buches neunjährigen Alfie, dessen Geschichte den Leser von der ersten Seite an nicht mehr loslässt. Gerührt verfolgt man, wie er alles versucht, den Platz seines Vaters einzunehmen, für seine Mutter da zu sein, so dass er schließlich an einem Bahnhof Schuhe putzen geht, um seine Mutter finanziell zu unterstützen, die neben ihrem Job im Krankenhaus noch Unmengen an Hausarbeit von anderen Menschen annimmt, um irgendwie über die Runden zu kommen. Aus Alfies Sicht wird das gesamte Buch erzählt, der noch in den einfachen Mustern eines Kindes denkt, die wir Erwachsenen oftmals leider komplett vergessen haben. Als er schließlich vom Aufenthaltsort seines Vaters erfährt, entscheidet er, der die Krankheit seines Vaters noch gar nicht verstehen kann, ihn nach Hause zu holen, doch kann dies wirklich gut gehen? Reichen bloß die familiäre Umgebung und sein altes Zuhause, um seinen Vater zurück ins normale Leben zu holen und seine Krankheit zu überwinden?
Dank dieser Frage, deren Auflösung man als Leser kaum erwarten kann und gebahnt immer weiter lesen muss, seiner Hauptfigur, aber auch der Schilderung von Alfies kleiner Welt gelingt es Boyne, eine einzigartige Atmosphäre in seinem Roman aufzubauen. Die Beschreibung von Alfies Straße, die zwar in London liegt, sich aber doch sehr nach der behüteten Welt einer Kleinstadt mit freundlichen und miteinander befreundeten Nachbarn anhört, deren fast schon heile Welt durch den Krieg erschüttert wird, lässt diese vor dem geistigen Auge des Lesers auferstehen. Man erlebt hautnah mit, was der Krieg für die Zivilbevölkerung bedeutete, wie die Mütter und Ehefrauen stetig um ihre Söhne und Ehemänner bangen, in vielen Fällen nun selbst für den Lebensunterhalt arbeiten müssen und sich nun auch in Fremdenhass verlieren. Ebenso überzeugend und nachempfindbar arbeitet der Autor die Folgen des Krieges für die überlebenden Soldaten heraus, von denen die wenigsten ihren Weg zurück in ein normales Leben finden. Das Schicksal von Alfies Vater berührt einen schlichtweg enorm, vor allem auch, da wir dies aus der Sicht seines Kindes erleben.
Interessanterweise gelingt dem Autor sogar eine gewisse Anlehnung an seinen Roman „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“, indem er Teile der Handlung dieses Buches mit in „So fern wie nah“ einfließen und sogar Figuren wie Marian Bancroft wieder auftauchen lässt. Diese kleine Zugabe wird passend und schlüssig in die bereits hoch gelobte Handlung des Buches eingebaut, das somit auf ganzer Linie überzeugt.

Fazit

John Boyne schafft mit seinem neuen Werk ähnlich wie bei „Der Junge im gestreiften Pyjama“ eine herzerwärmende Geschichte, die uns einmal die Folgen des Ersten Weltkrieges aus der Sicht eines Kindes glaubhaft und einfühlsam näher bringt. Ich weiß nicht, wie dies dem Autor gelingt, doch wieder kann ich sein Buch nur weiter empfehlen.

4,5 von 5 Punkten


Wir danken Fischer KJB für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen