Freitag, 4. April 2014

Rezension: Die Brückenbauer (Jan Guillou)

Wilhelm Heyne Verlag
Taschenbuch, 800 Seiten
ISBN: 978-3-453-41077-0
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Bergen gegen Ende des 19. Jahrhunderts: die drei Brüder Lauritz, Oscar und Sverre verlieren früh ihren Vater, der vom Fischfang eines Tages nicht mehr heimkehrt. Ihre Mutter schickt sie zu einem Seiler in die Lehre, der erkennt, dass die Brüder zu Höherem bestimmt sind. Gemeinsam mit anderen Unternehmern der Stadt ermöglicht er ihnen eine erstklassige Ausbildung, die sie am Polytechnikum in Dresden abschließen, der bedeutendsten Technischen Universität der damaligen Zeit. Im Ausgleich dazu sollen sie am größten norwegischen Ingenieursprojekt mitwirken: dem Bau einer Eisenbahnstrecke zwischen Bergen und Oslo über die größte Hochebene Europas, die Hardangervidda. Doch nur einer der Brüder kehrt nach Norwegen zurück…

Bewertung

Als ich vor knapp zwei Jahren in Norwegen war, bin ich selbst mit der Bergenbahn von Bergen nach Oslo gereist, so dass ich mir „Die Brückenbauer“ sofort kaufte, als ich auf das Buch aufmerksam wurde. Einmal mehr darüber zu erfahren, wie diese Strecke, die eine der höchstgelegenen Strecken in ganz Europa ist und dem Reisenden eine atemberaubende Aussicht auf beinahe unberührte Natur bietet, überhaupt entstanden ist, reizte mich sehr. Während des Lesens bekommt man immer mehr das Gefühl, wie selbstverständlich man doch etwa Bahnstrecken heute nimmt und während einer Fahrt niemals darüber nachdenkt, wie und unter welchen Strapazen diese entstanden sind. Man nimmt sie schlichtweg einfach so hin, als wären sie schon immer da gewesen. Mit „Die Brückenbauer“ nimmt uns Guillou aber mit zum Bau der Bergenbahn. Einer der Brüder (welcher der drei lasse ich einmal offen) leitet den Brücken- und Tunnelbau einer Teilstrecke als verantwortlicher Ingenieur, so dass man einen beeindruckenden Einblick in die Schwierigkeiten bekommt, mit denen man im hohen Norden beim Eisenbahnstreckenbau zu kämpfen hat. Auch die technischen Aspekte des Brücken- und Tunnelbaus werden sehr allgemein verständlich dargestellt, so dass auch ich, die kaum Vorkenntnisse auf diesen Gebieten hat, das meiste nachvollziehen konnte. Zusätzlich beschreibt der Autor die Gegend und die Handlung derart intensiv und detailliert, dass man selbst dort zu sein und sich mit dem einen Bruder durch die Kälte und den Schnee zu kämpfen scheint.
Ein zweiter Erzählstrang, der genauso anschaulich und intensiv geschildert wird, behandelt die Erlebnisse eines weiteren Bruders in Deutsch-Ostafrika. Die Geschichte wechselt fast bis zum Ende des Buches immer abwechselnd zwischen Norwegen und Deutsch-Ostafrika und wird aus der Sicht der zwei Brüder erzählt. Nur zum Ende hin erfahren wir einige Handlungen auch aus der Sicht der Ehefrau eines Bruders und die Geschichten wechseln sich auch nicht mehr von Kapitel zu Kapitel ab, der Fokus liegt zum Ende eher auf Deutsch-Ostafrika. Der dritte Bruder taucht nach dem Uniabschluss gar nicht mehr auf, er ist quasi für seine Brüder gestorben und man erfährt erst im Nachfolgeroman „Die Brüder“, was konkret aus ihm geworden ist. Die Geschichte in Deutsch-Ostafrika erzählt in erster Linie, wie dort die Zivilisation (so wie sie Mitteleuropäer zumindest definieren) nach Afrika mit Hilfe der Eisenbahn gebracht wird, wofür der zweite Bruder Strecken baut. Man erfährt sehr detailliert, welchen Problemen er sich dabei im heißen Afrika im Kontrast zu seinem Bruder im kalten Norden stellen muss. Diese Geschichte konnte mich sogar wider Erwarten (schließlich hatte ich das Buch aufgrund der Bergenbahnhandlung gekauft und wenig Vorkenntnisse zur Geschichte von Deutsch-Ostafrika vorzuweisen) mehr fesseln als die Geschehnisse in Norwegen. Guillou gibt viele sehr interessante Einblicke in die Gesellschaft der dort lebenden Stämme, in den Kolonialismus, vor allem in die Unterschiede zwischen Deutschen und Engländern als Kolonialherren, wobei die Engländer sehr schlecht wegkommen, und behandelt auch den Ersten Weltkrieg erfrischenderweise einmal aus der afrikanischen und nicht schon wieder aus der europäischen Sicht, die man meist zu lesen bekommt.
So bietet das Werk trotz seiner fast 800 Seiten eine große Spannung, nirgends kam Langeweile auf. Was mir persönlich fehlte und die schon sehr positive Bewertung noch positiver hätte ausfallen lassen, ist die genauere Schilderung der Ausbildung der drei Jungen, über die ich gerne mehr erfahren hätte. Es wird leider direkt ein Sprung gemacht vom Gespräch mit der Mutter, die schließlich zulässt, dass ihre Söhne solch eine gute Ausbildung erhalten, und der Abschlussrede in Dresden, als die Brüder ihren Abschluss feiern. Zwar erwähnen die Brüder später immer mal einzelne Aspekte ihres Lebens in Dresden, doch diese kamen mir persönlich ein wenig zu kurz. Ansonsten kann ich jedoch nichts an diesem Buch bemängeln.

Fazit

Jan Guillou liefert mit „Die Brückenbauer“ ein überzeugendes Werk ab, das vor allem von seiner beeindruckenden Atmosphäre lebt, die den Leser in den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückführt und die geschilderten Geschehnisse hautnah miterleben lässt. Wer sich nur ein wenig für die Entwicklung und den Bau von Eisenbahnstrecken interessiert, sollte hier zugreifen, man wird auf keinen Fall enttäuscht. Hoffentlich geht es ähnlich gut weiter im nachfolgenden Roman!

4 von 5 Punkten

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