Montag, 28. April 2014

Rezension: Der Dunkle Turm V. Wolfsmond (Stephen King)

Heyne
Taschenbuch, 960 Seiten
ISBN: 978-3-453-53023-2
10,95 €


Ein kurzer Einblick

Alle 20 Jahre fallen die Wölfe Kinder raubend über die Calla Bryn Sturgis einher. Machtlos sehen die Folken mit an, wie die Entführten als Idioten zurückkehren und zu kaum mehr zu gebrauchen sind, als den Pflug über den Acker zu ziehen. Gerade recht kommen Roland und sein Ka-Tet in der Calla an, denn Andy, der Kurrierroboter hat den nächsten Angriff der Wölfe verkündet.

Bewertung

Nach Wochen des Wanderns stößt Rolands Ka-Tet auf das Dorf Calla Bryn Sturgis, das durch und vom Ackerbau das Überleben sichert. Abgeschieden von der Welt, Tagesritte zum nächstgelegenen Dorf gelegen, sind die Einwohner abgeschnitten von äußeren Einflüssen. Das sagenumwobene Gilead ist mehr eine Legende als ein Ort, der einst existiert haben könnte. Feldbau und Viehzucht ermöglichen ein beschwerliches, aber friedliches Leben in der Calla. Das Land ist rau, der Boden steinig, der Feind nicht weit. Etwa alle 20 Jahre rauben die Wölfe ein Kind von einem Zwillingspaar jeder Generation, um sie zu verschleppen - wohin weiß niemand. Minder kehren die Entführten zurück: Körperlich und geistig behindert leiden sie unter Unfruchtbarkeit, schnellem Wachstum und frühem Tod. Als lallende Arbeitstiere/Idioten sind sie auf den Feldern zu gebrauchen, um etwas zum Lebensunterhalt der Familien beizutragen. Seit hunderten von Jahren fallen die Wölfe über das Dorf her. Widerstand ist zwecklos, die Rache blutrünstig erhebt auch nur einer der Folken die Hand gegen einen Wolf. Gezwungenermaßen nehmen die Leute den Kinderraub hin, den Andy der Kurrierroboter ankündigt.

Geschickt baut Stephen King ein surreales Szenario auf, das irgendwo zwischen Science-Fiction-Western, Dark-Fantasy und Thriller eingebettet ist. Die Wanderung des Ka-Tets nimmt ein vorläufiges Ende. Roland, Susannah, Eddie, Jake und natürlich Oi widmen sich anderen ebenso bedeutsamen Ereignissen, die sie abermals der Rettung des Dunklen Turms einen Schritt näher kommen lassen. Alles dient der Rettung des Turms. Jedes Handeln, jedes Scheitern, denn alles ist Ka. Können Roland und seine Gefährten überhaupt straucheln? Das Ka-Tet lebt sich in der Calla Bryn Sturgis ein, mischt sich unter das Volk und lernt die Leute kennen. Ein Palaver hier, ein Palaver dort. Eine Rede hier. Eine Rede dort. Es wird viel geredet, es wird viel diskutiert. Unterhaltsam und spannend baut Stephen King die Monologe und Dialoge auf, ohne dabei ernstlich das Geschehen in die Länge zu ziehen oder Belanglosigkeiten breit zu treten. Stets schwebt das unbestimmte Gefühl in der Luft, das jeder Satz, jede Betonung eines Wortes eine Bedeutung für die Zukunft hat, für das, was diesem Gespräch folgen wird. Hier zeigt Stephen King auf meisterliche Weise, wie er aus wenig Inhalt viel Text produziert, der tatsächlich Seite um Seite fasziniert. Nicht nur das Verweilen an einem Ort ist keine Hemmung zur Rettung des Turms, sondern auch das Schwelgen in einem Gespräch. Der Turm ist das Ziel und jedes Wort ist ein weiterer Schritt auf dem Pfad zu eben diesem.

Die Handlung von »Wolfsmond« spielt nicht nur in der Calla Bryn Sturgis. Rolands Ka-Tet treibt es abermals nach New York zurück, dorthin, wo die Rose hinter dem Bretterzaun wächst. Don Callahan, Priester der Calla und neues Mitglied das Ka-Tets, ist in Besitz der »Schwarten Dreizehn«, der mächtigsten aller Zauberkugeln, die die Leute ‚flitzen‘ schickt. Don Callahan, in New York geboren, trieb es durch eine der zahlreichen Verbindungen nach Mittwelt, wo er gestrandet ist. Doch dies ist eine andere Geschichte. Dies ist die Geschichte von einem Mann, der Jerusalems Lot verließ, nachdem er das Blut eines Vampirs trank. Nun ist Don Callahan auf der Suche nach Sühne und Vergebung. Stephen Kings Roman »Brennen muss Salem« sendet herzliche Grüße nach Mittwelt. Im New York des Jahres 1977 setzt Roland alles daran die Rose zu retten. Ist sie verloren, sind die Strapazen den Turm zu retten unnötig gewesen. Ein Buchhändler namens Calvin Tower und Enrico Balazars Schergen, Eddies einstiger Boss, für den er als Drogenkurier arbeitete, spielen eine maßgebliche Rolle. Die »Schwarze Dreizehn« öffnet ihnen die Tür.

Während Roland, Eddie und Jake die Verteidigung gegen die Wölfe vorbereiten, gebiert Susannah eine neue Persönlichkeit: Mia. Mia, die Mutter. Die Mutter des ungeborenen Babys in Susannahs Bauch. Aggressiv übernimmt Mia nächstens die Kontrolle, um den Embryo mit Fröschen, Ratten, rohem Fleisch - allem Essbaren zu füttern, das sie auftreiben kann. Ihr Hunger ist unersättlich, der Wille den heranreifenden Dämon zur Welt zu bringen unerbittlich. Susannahs Vergewaltigung durch den Dämon, den sie einst bezwang, als sie Jake retteten. Als die Wölfe angreifen, Roland vollbeschäftigt ist die Angreifer abzuwehren, schleicht sich Mia davon ... Mit Lichtschwertern (»Star Wars«) und Schnaatzen (»Harry Potter«) und Kostümen, die aus Marvel Comics geklaut sein könnten, greifen die Wölfe todbringend an.

Fazit

Scheinbar richtungslos entfaltet »Wolfsmond« einen faszinierenden Charakter, der Nebenfiguren zu essentiellen Handlungsträgern ausbaut. Rolands vom Schicksal getriebenen Entscheidungen werden in die Waagschale geworfen, seine Unfehlbarkeit relativiert. Stephen King baut den Mythos um den Dunklen Turm fulminant aus.

4,5 von 5 Punkten

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