Sonntag, 6. April 2014

Filmkritik: Les Misérables (2012)


Victor Hugos Klassiker „Les Misérables“ wurde bereits unzählige Male als Musical aufgeführt und sehr häufig verfilmt. In dieser Filmkritik wird die aktuellste Verfilmung aus dem Jahr 2012 unter der Regie von Tom Hooper bewertet, in der Hugh Jackman (Valjean), Russell Crowe (Javert), Anne Hathaway (Fantine), Amanda Seyfried (Cosette) und Eddie Redmayne (Marius) die Hauptrollen spielten. Der Film erzählt die Geschichte des Galeerensträflings Jean Valjean, der nach neunzehn Jahren Freiheitsentzug (für einen Brotdiebstahl und mehrere Fluchtversuche) durch die großzügige Gabe eines Bischofs dazu bewegt wird, von nun an ein ehrbares Leben führen zu wollen. Unter falschem Namen gründet er eine erfolgreiche Fabrik und hilft mit seinem Gewinn den Armen und Entrechteten, wie etwa der Arbeiterin Fantine, deren Tochter Cosette er nach Fantines Tod wie eine eigene Tochter aufzieht. Doch seine Vergangenheit holt ihn in Form des Polizeiinspektors Javert wieder ein, der seine wahre Identität herausfindet…

Dieser Musicalfilm war die erste Begegnung, die ich mit Hugos Geschichte um Jean Valjean hatte. Ich habe nie das Musical gesehen und den Roman erst vor kurzem gelesen. Der Film soll sehr nah am Musical sein, wie ich gelesen habe. Dies kann ich jedoch nicht beurteilen, bloß im Vergleich zum Buch kann ich die Verfilmung bewerten. Zur Romanvorlage fallen die Unterschiede, anscheinend wie zum Musical, eher gering aus. Selbstverständlich erzählt das Buch die Handlung wesentlich ausführlicher und einige Zusammenhänge werden dadurch deutlicher, wofür in einem Film schlichtweg kein Platz ist. Mir wurde zum Beispiel durch die Buchlektüre auch endlich klar, warum sich etwa die Thenardiers, die Cosette als Kind bei sich wohnen ließen und sie ausbeuteten, auf einmal auch in Paris (wie Jean und Cosette im späteren Verlauf der Geschichte) aufhalten, oder warum Jean und Cosette, die während des Pariser Juniaufstands 1832 aus ihrem Haus fliehen, weiterhin in Paris sind. Sie besitzen schlichtweg mehrere Häuser dort, was im Film nicht deutlich wird. Außerdem wurden Entwicklungen, die sich im Buch über Monate hinziehen, im Film oftmals nur in einer Szene bzw. mit einem Lied dargestellt, was übliche Veränderungen zu einer Buchvorlage sind, die der Handlung aber auch nicht schaden oder sie irgendwie deutlich verändern. Eine größere Veränderung im Vergleich zum Roman stellt die Darstellung der Figur des Studenten Marius dar, der sich in Cosette verliebt. Dieser gehört viel stärker als im Buch zu den revolutionären Studenten, die den Pariser Juniaufstand mit organisieren, und führt diese zusammen mit Enjolras an, was seiner Figur etwas mehr Pathos und Stärke verleiht, im Buch kommt er wesentlich schwächer rüber, auch wenn er sich im Kampf schließlich durchaus bewährt. Diese Veränderung empfand ich aber durchaus als stimmig. Des Weiteren wurde die Handlung des Romans, wie fast schon üblich im modernen Kino, um etwas mehr Liebesgeschichten erweitert. Die Gefühle, die Eponine (die Tochter der Thenardiers) für Marius hegt, wurden im Vergleich zum Buch ausgeweitet und auch das Ende wurde ein wenig verändert und aus der Beziehung zwischen Jean und Fantine eher eine Liebesgeschichte gemacht, was jedoch nicht störte und stimmig in die Handlung eingebaut wurde.
Womit der Film generell überzeugt, das sind die Gesangsleistungen der Schauspieler, von denen man schließlich nicht automatisch annimmt, dass sie auch gut singen können. Es wurde im Gegensatz zu den meisten Musicalfilmen live am Set gesungen, die Lieder wurden nicht im Nachhinein im Tonstudio aufgenommen. Dies gibt dem Film in meinen Augen eine einzigartige Atmosphäre und macht ihn realistischer. Auch wirkt er dadurch sehr gefühlvoll, man fühlt mit den Charakteren mit, deren Schicksal den Zuschauer sogar stärker als im Buch berührt. Insbesondere Anne Hathaways (Fantine) Solo „I dreamed a dream“ hat mich zu Tränen gerührt und auch Eddie Redmaynes (Marius) Version von „Empty chairs at empty tables“ war wirklich großartig. Bloß Russell Crowe (Javert) fiel mit seiner Gesangsleistung im Vergleich zu den anderen ein wenig ab. Ich habe dazu einige Kommentare gelesen und muss sagen, es stimmt durchaus, dass zu pompöses, gefühlvolles Singen nicht zu seiner kalten, ernsten Figur gepasst hätte, doch trotzdem wirkt er, was seine Gesangsqualitäten angeht, etwas schwächer als die anderen Schauspieler.

Fazit

Insgesamt gelang Tom Hooper ein wirklich guter Film, der trotz seiner Länge von zweieinhalb Stunden niemals langweilig wird. Es werden dem Zuschauer tolle Musik und sehr gute schauspielerische Leistungen geboten, die zusammen mit der gelungenen Handlung von Victor Hugo den Film zu einem berührenden und tollen Gesamtergebnis machen, das ich nur weiterempfehlen kann. Leider kann ich diese Verfilmung nicht mit älteren Filmversionen oder dem Musical vergleichen, was sicherlich interessant gewesen wäre. Den Vergleich zum Buch muss dieser Film jedoch nicht fürchten, für mich stellt er eine gelungene Verfilmung dar.


Rezension: Les Misérables

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