Sonntag, 9. März 2014

Rezension: Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung (Valentina D´Urbano)

dtv premium
Taschenbuch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-423-24999-7
14,90 €

Ein kurzer Einblick

Beatrice und Alfredo wurden seit ihrer Kindheit immer nur „die Zwillinge“ genannt, so unzertrennlich wirkten sie auf die anderen Bewohner von La Fortezza, der „Festung“, jenes Armenviertel am Rande der Stadt, in dem die Bewohner sich selbst überlassen werden und das nicht einmal Polizisten betreten. Aus ihrer engen Freundschaft wird Liebe, eine nüchterne Liebe ohne Romantik, angepasst an ihre elende Umgebung, die ein unverhofftes Ende nimmt: mit einundzwanzig steht Bea an Alfredos Grab, es gibt die Zwillinge nicht mehr, nur noch sie allein, die dafür kämpft, trotz all des Elends und der Schicksalsschläge nicht ihren Lebensmut zu verlieren…

Bewertung

Nachdem ich vor einigen Monaten „Die Alchemie der Nähe“ von Gaia Coltorti mit Vergnügen gelesen hatte, konnte mich nunmehr der nächste Debütroman einer jungen Italienerin begeistern. Störte mich bei Coltorti noch ein wenig der gewöhnungsbedürftige Schreibstil, konnte mich Valentina D´Urbano mit „Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung“ jetzt komplett überzeugen. Sowohl die spannende Handlung des Buches als auch die einfühlsam entwickelten Charaktere wie auch die intensive Schilderung des Handlungsortes gelingen der Autorin dermaßen überzeugend, dass sie gemeinsam ein großartiges, berührendes und oftmals auch erschütterndes Werk ergeben, das ich wirklich jedem weiterempfehlen kann.
Zum einen wird das Viertel La Fortezza so eindrucksvoll beschrieben, dass man als Leser das Gefühl bekommt, selbst dort zu sein und mit Bea und Alfredo in eine trostlose Zukunft zu blicken. Man versinkt während des Lesens in dieser Umgebung aus heruntergekommenen, dreckigen Häusern, deren Wohnungen in der Regel von den Familien in einer Nacht-und-Nebel-Aktion besetzt wurden, in dieser Welt aus Gewalt, Verzweiflung, Armut und Drogen, aus der die meisten Bewohner niemals entkommen werden, auch weil ihnen außerhalb des Viertels nie eine Chance gegeben wird, weil ihre Herkunft immer wie ein Brandmal an ihnen haftet. Es wird nirgends im Buch die Stadt genannt, in der La Fortezza liegt, man weiß also nicht, wo die Handlung genau spielen soll. Hinten im Einband des Buches kann man lesen, dass die Autorin aus einem ähnlichen Viertel in Rom stammt. Doch vielleicht hat sie den Handlungsort so allgemein gehalten, um zu zeigen, diese Viertel kann es überall geben und gibt es vermutlich auch in fast allen größeren Städten, auch wenn wir gern die Augen davor verschließen möchten.
Zum anderen entwickelt D´Urbano sehr realistische, nachempfindbare Figuren, deren Psyche zudem sehr eindrucksvoll und tiefgründig herausgearbeitet wird. Im Zentrum stehen Bea und Alfredo, die in vielen Punkten sehr gegensätzlich sind. Bea, aus deren Sicht uns die Geschichte erzählt wird, ist die Stärkere der beiden, die aus einer trotz der Umstände liebevollen Familie kommt, ihre Eltern haben zwar nicht immer Arbeit, kümmern sich aber um Bea und ihren jüngeren Bruder Francesco, sie werden nicht gewalttätig und bieten ihren Kinder in all der Armut noch ein relativ normales Familienleben. Alfredo hingegen wächst in einer zerrütteten Familie auf, seine Mutter ist früh gestorben, sein Vater ist Alkoholiker, der seine Söhne im Rausch regelmäßig brutal zusammenschlägt. Alfredo liebt trotz allem seinen Vater, dessen Schläge er auch in einem Alter, in dem er stark genug wäre, sich zu wehren, über sich ergehen lässt. Er ist der Schwächere der beiden, der sich seinem Schicksal eher ergibt, wohingegen Bea auf ihr Leben eher mit Wut und Hass reagiert, kämpft und sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden will. Beide verbindet eine Art Hassliebe, sie können nicht ohne einander, aber auch nicht miteinander, tun sich gegenseitig häufig weh, vor allem Bea ist oftmals regelrecht fies zu Alfredo, beide finden keinen „normalen“ Weg, dem anderen ihre Gefühle zu zeigen, den sie auch nie gelernt haben, bloß den ruppigen Ton, in dem die meisten ihrer Freunde miteinander kommunizieren. Ihre Beziehung zueinander wird absolut glaubhaft geschildert und erschüttert einen enorm, man weiß von Anfang an, sie wird kein gutes Ende nehmen. Das Buch setzt schließlich mit Alfredos Beerdigung ein. Doch der Autorin gelingt es auch, einen Schimmer Hoffnung durch die Zeilen hindurch scheinen zu lassen. Denn trotz all des Elends und der Verzweiflung kämpft Bea sich durch all die Schicksalsschläge, während Alfredo an ihnen zugrunde geht, sie gibt sich nicht damit zufrieden, dass ihr Leben bereits durch ihre Herkunft vorgezeichnet ist.
Dies alles wird sehr nüchtern erzählt, in der Härte, die sich Bea angewöhnt hat, die man als Leser sogar beinahe auch annimmt. Diese eindringliche, harte Sprache geht komplett unter die Haut, selten hat mich die Thematik eines Buches so bewegt. Eigentlich weine ich auch sehr selten bei Büchern, diesmal allerdings schon, nicht einmal bei der Beerdigung, die das Buch bereits dermaßen intensiv beginnen lässt, sondern viel später, als Bea alles versucht, um Alfredo zu retten, aber gleichzeitig weiß, es ist alles schon verloren. Obwohl man das Ende im Grunde genommen bereits am Anfang kennt, bietet das Buch pure Spannung bis zum Schluss, vor allem auch, da man schließlich erfahren möchte, warum Alfredo so früh stirbt. Ohne etwas verraten zu wollen, auch diese Thematik wird gelungen, glaubhaft, intensiv behandelt und führt auch dazu, dass man das Buch einfach nicht aus der Hand legen kann.
Zu guter Letzt will ich noch die tolle Aufmachung des Werkes hervorheben, das die eindrucksvolle Geschichte noch komplettiert. Das Buchcover empfand ich als besonders gelungen und passend zur Handlung, dadurch wurde ich erst auf das Buch aufmerksam. Auch den Buchtitel fand ich sehr geeignet und in seinem fast schon Barockstil sehr erfrischend. Somit kann ich einfach rein gar nichts an diesem Werk kritisieren, rundum ein gelungenes Gesamtergebnis!

Fazit

Ich kann mich nur wiederholen: ein rundum beeindruckendes Buch, vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Erstlingswerk handelt. Lest dieses Buch, wenn euch die Thematik auch nur im Entferntesten interessiert, ihr werdet nicht enttäuscht werden, vielleicht passend an einem verregneten Wochenende. Es wird euch berühren, für mich ist es auf jeden Fall eins der besten Bücher, das ich seit langem gelesen habe!

5 von 5 Punkten


Wir danken dtv für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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