Dienstag, 11. Februar 2014

Rezension: Magellan (Stefan Zweig)

S. Fischer Verlag
Taschenbuch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-596-90358-0
8,00 €

Ein kurzer Einblick

Auf einer Seereise nach Südamerika begann Stefan Zweig über die ersten Reisen in diese Gegend nachzudenken, die diese Welt erst für Europa entdeckten und jedem Wetter, Hunger, Kälte und Hitze trotzten. Nach langer Recherche beeindruckte ihn vor allem ein Mann und seine Tat: der Portugiese Ferdinand Magellan, der 1519 mit fünf Schiffen von Sevilla auszog, um den Westweg um Amerika herum zu den Gewürzinseln zu finden. Er entdeckte südlich von Südamerika die Verbindung zwischen dem Atlantik und Pazifik, durchfuhr als Erster den Pazifischen Ozean, um dann auf den Philippinen bei einem Kampf mit Eingeborenen getötet zu werden, ohne sein Ziel, die erste Umsegelung der Erde, vollendet zu haben, was am Ende 18 seiner Männer gelang. Diese Reise, die den endgültigen Beweis für die Kugelform der Erde lieferte, schildert Stefan Zweig hier spannend und sprachlich überzeugend.
Bewertung

Nachdem ich Zweigs Werke zu Marie Antoinette und Maria Stuart gelesen habe, nahm ich mir nun die Biografie zu Magellan vor, dem Zweig sich mit seiner Vorliebe für „Verlierer“ der Geschichte nach seiner Maria Stuart-Biografie in den Jahren 1936/37 widmete. Sie überzeugte mich ähnlich gut wie die beiden anderen Werke, wenn er sich auch Magellan weniger psychologisch näherte wie den beiden Königinnen, was sicherlich auch an dem Quellenmangel zur Person Magellan im Verhältnis zu der guten Quellenlage zu Marie Antoinette und Maria Stuart lag. Vieles aus Magellans Leben ist unbekannt, sein genaues Geburtsdatum ist unklar und einige Dokumente, die auf seiner großen Reise entstanden, sind im Nachhinein vernichtet worden und auch der veröffentlichte Reisebericht des Reisechronisten Pigafetta stellt eine Verkürzung seines ausführlichen Reisetagebuches dar, was uns außerdem nur noch in Kopien und nicht mehr im Original erhalten geblieben ist. Im Fokus des Buches steht also eher die Weltumsegelung Magellans, weniger sein Charakter und sein Wesen, so dass der Begriff „romanhafte Biografie“, der gern für Zweigs Behandlungen von historischen Personen genutzt wird, diesmal nicht komplett zutrifft. Mit den begrenzten vorhandenen Quellen versucht der Autor jedoch trotzdem, ein Bild des Wesens Magellans abzuliefern, den er als eigenbrötlerischen, sich nicht besonders beliebt machen könnenden Sonderling und schweigsamen Planer darstellt, der sich zu einem der fähigsten Seefahrer seiner Zeit entwickelte und sich mutig und intelligent allen Hindernissen, die sich während seiner Reise auftaten, in den Weg stellte.
Zusätzlich schildert Zweig sehr ausführlich die Umsegelung der Welt, wie diese Reise nach Magellans vorherigen Fahrten um Afrika herum nach Asien allmählich geplant wurde, wie Magellan, nachdem er von seinem König keine Unterstützung erhielt, sich an den spanischen König wandte, der ihm und seinen Partner Faleiro, der als Theoretiker Berechnungen für die Reise vornahm, schließlich vertraglich zusicherte, ihnen eine fünf Schiffe umfassende Flotte zur Verfügung zu stellen, mit der sie den westlichen Weg zu den für Europa so wertvollen Gewürzinseln finden sollten, die Spanien vor den Portugiesen unter ihre Kontrolle bringen wollte, und wie diese lange Fahrt endlich nach vielen Verzögerungen am 20. September 1519 begann. Dabei gelingt es dem Autor vor allem herauszuarbeiten, wie sehr die Reise eine Fahrt ins Ungewisse war. Mit dem damaligen begrenzten Wissen über die Welt und ihre Landflächen und Ozeane wurde diese Unternehmung geplant, alle vorherigen Berechnungen am Schreibtisch stellten sich bei der Ankunft in den Gebieten als falsch heraus und die Seefahrer stießen auf ihrer Reise in noch nie von Europäern und oftmals noch von keinen Menschen bereiste Gebiete vor und entdeckten viele Landmassen und Seewege, deren Lage für uns heute selbstverständlich bekannt ist, erst für Europa. Allein aufgrund des begrenzten Wissens stellt die Weltumsegelung eine für die damalige Zeit beeindruckende Leistung dar, die zusätzlich noch höher einzuschätzen ist, wenn man bedenkt, dass sie nicht mit unseren technisch hoch ausgestatteten Schiffen vollbracht wurde. Dies zeigt Zweig sehr eindrucksvoll auf, wobei er zusätzlich auch auf die Namensgebung vieler Gebiete eingeht, so erhielt etwa der Pazifik, dessen Name wir heutzutage, ohne darüber nachzudenken, wie selbstverständlich benutzen, seinen Namen daher, dass sich die Stürme, die die Flotte bisher begleitet hatten, bei der Einfahrt in den Ozean legten und er der Mannschaft wie ein stiller Ozean vorkam. So entstand der heute gängige Begriff des Pazifiks, in dem es natürlich genauso wie im Atlantik Stürme gibt. ;-) Außerdem stellt Zweig sehr deutlich und überzeugend den Konflikt zwischen Portugal und Spanien um die Vorherrschaft auf den Weltmeeren und der Handelsbeziehungen nach Asien heraus, die auch prägend für Magellans Reise waren, der als Portugiese in spanischen Diensten allerhand Misstrauen erlebte, vonseiten seines Landes, das ihn als Verräter empfand, auch vonseiten seiner spanischen Kapitäne, die ihm auf der Fahrt viele Schwierigkeiten bereiteten. Damit zusammen hängt auch der Umgang mit der Person Magellans, nachdem das letzte Schiff (die „Victoria“) seiner Flotte, dem noch die Rückkehr gelang, in Sevilla anlegte. Zweig zeigt sehr beeindruckend auf, wie sehr Geschichte „verfälscht“ wird, wie das Bild von seiner Person und seinem Verdienst durch die Spanier geformt wurde, die eher die Leistungen von Sebastian del Cano, der die Victoria nach Magellans Tod nach Spanien zurückbrachte, hervorhoben und Magellans Leistungen in den Hintergrund stellten. Die Geschichte ist schlichtweg nicht gerecht, doch Zweig gelingt es eindrucksvoll, die Taten eines der „Verlierer“ der Geschichte in Erinnerung zu bringen und vor dem Vergessen zu bewahren.
Die mir vorliegende Ausgabe verfügt über einige Abbildungen zur Reise und zu den handelnden Personen, wobei mir eine Weltkarte, die die Route der Umsegelung zeigt, gefehlt hat. Außerdem gibt es eine Zeittafel zu Magellans Leben, die Kopie einer Flugschrift, die Magellan glauben ließ, der Durchgang zwischen Atlantik und Pazifik befinde sich an einem bestimmten Breitengrad, und eine Kopie des Vertrags zwischen dem spanischen König und Magellan und Faleiro, zusätzlich noch eine Auflistung der Kosten für die gesamte Flotte. Vom Herausgeber folgt weiterhin ein Nachwort, das die Entstehung des Werkes behandelt, wie Zweig zu der Thematik kam, wie er daran arbeitete und was sein Leben während des Schreibens prägte. Abgeschlossen wird das Buch durch eine Zeittafel zu Stefan Zweigs Leben, so dass man wirklich rundum gut zum Buch informiert wird.

Fazit

Mit „Magellan“ bietet Stefan Zweig wieder einmal tolle, spannende Unterhaltung, die eine historische Thematik, die meist korrekt wiedergegeben wird, mit einem anspruchsvollen Sprachstil kombiniert. Ich kann dieses Werk nur jedem empfehlen, der sich für das Entdeckungszeitalter interessiert, auch wenn man der Person Magellan nicht so nah wie Marie Antoinette und Maria Stuart kommt, was wie gesagt vermutlich an der Quellensituation lag.

4 von 5 Punkten

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