Montag, 3. Februar 2014

Rezension: Kafka am Strand (Haruki Murakami)

btb Verlag
Taschenbuch, 640 Seiten
ISBN: 978-3-442-73323-1
10,00 €

Ein kurzer Einblick

In diesem Werk begleiten wir einerseits den 15jährigen Kafka Tamura, der von zu Hause abhaut und sich vor einer dunklen Prophezeiung flüchtet, was ihn bis auf die Insel Shikoku  führt. Dort lernt er den Bibliothekar Oshima und die wesentlich ältere Bibliotheksleiterin Saeki kennen, in die er sich unsterblich verliebt. Andererseits folgen wir Nakata, einem geistig Zurückgebliebenen, der mit Katzen sprechen kann und auf den Katzenmörder Johnnie Walker trifft. Als er glaubt, diesen getötet zu haben, flieht er aus Tokyo und begibt sich mit dem Fernfahrer Hoshino bis auf die Insel Shikoku, während sich die Schicksale von Kafka und Nakata immer weiter annähern…

Bewertung

Direkt vorneweg: mir fällt eine Bewertung des Buches doch etwas schwerer als sonst, da es schon in weiten Teilen unverständlich und verwirrend ist, was jedoch dem Lesevergnügen keinerlei Abbruch tut. Normalerweise mag ich Bücher, die am Ende alle Verwirrungen der Handlung aufklären, so dass man zumindest am Ende das Gefühl hat, alles verstanden zu haben. Dies leistet Murakami allerdings in keinster Weise, einige Erzählstränge werden begonnen, aber nicht beendet, die Grenze zwischen Traum und Realität verschwimmt oftmals komplett, einige Handlungsstränge nehmen fast schon märchenhafte Züge an und ich war mir am Ende über Einiges nicht im Klaren. Doch trotzdem gefiel mir das Buch sehr gut und hielt mich bis zum Schluss in seinem Bann. Denn Murakami spielt sehr geschickt mit dem Klarheitswunsch des Lesers, bietet diesem lieber immer neue Fragen durch absurde Geschichten und seltsame Gestalten, die die Handlung immer verwirrender gestalten, den Leser aber stärker zum Nachdenken über die Materie anregen und ihn eigene Interpretationen anstellen lassen. Er arbeitet stark mit Metaphern und füllt die Handlung trotz ihrer Märchenhaftigkeit immer wieder mit kleinen Lebensweisheiten, die auch wichtige Fragen unserer Zeit behandeln, aber sicherlich von jedem Leser auch ein wenig anders interpretiert werden. So findet jeder vermutlich immer etwas Anderes in der Handlung des Buches für sich, für mich steckte als wichtige Thematik der Verlust von Nahegestandenen und der Weg zurück ins Leben nach einem Schicksalsschlag im Roman, der von den Hauptcharakteren unterschiedlich begangen wird und oftmals scheitert, was ihm auch eine gewisse Melancholie verleiht. Für viele ist eine Rettung (fast) schon zu spät, andere wie Kafka können ihr Leben vielleicht noch zurückerlangen, was einen zum Ende dann doch noch ein wenig hoffnungsvoller zurücklässt.
Das Buch lebt außerdem von seinen Charakteren. Mit Kafka fiebert man die gesamte Zeit mit, der nur bei seinem Vater aufwuchs und früh von seiner Mutter, die seine Schwester mitnahm, verlassen wurde. Vom Vater vernachlässigt, der ihm auch noch prophezeite, er werde ihn irgendwann töten und seine Mutter und seine Schwester schänden, reißt er von zu Hause aus und versucht, seinen Weg durchs Leben zu finden. Noch mehr begeisterte mich die Figur des Nakata, der durch einen seltsamen Zwischenfall im Wald während des Zweiten Weltkrieges sein Gedächtnis verlor und nicht mehr schreiben und lesen konnte. Er arbeitete lange Zeit bei einer Möbelfirma und fand trotz seiner Behinderung einen Weg, für sich zu sorgen. Im Grunde genommen ist er der eigentliche Held der Geschichte, der durch seine zwar simplere, dafür aber auf das Wesentliche reduzierte Herangehensweise die Handlung erfrischt und ihr mehr Tiefe und Weisheit verleiht. Beide treffen auf unzählige seltsame, ungewöhnliche Gestalten, bei denen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verschwimmen und die so zusätzlich die Rätselhaftigkeit der Handlung stetig steigern.

Fazit

Dieser mit märchenhaften Zügen ausgestattete Roman von Haruki Murakami ist sicherlich ein harter Brocken, ist er doch voll von ungewöhnlichen, surrealen Gestalten, denen unwirkliche Dinge geschehen, die auch zum Schluss nicht aufgeklärt werden. Dies regt den Leser aber enorm zum Selbstinterpretieren an, jeder kann andere Elemente im Roman für sich finden und zusätzlich vor allem von Nakata eine Menge lernen. Und er macht mehr Lust auf weitere Murakami-Werke, die man zu enträtseln versuchen kann.

4 von 5 Punkten

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