Dienstag, 4. Februar 2014

Rezension: Der Knochenhexer (Jens Lossau / Jens Schumacher)

Feder & Schwert
Taschenbuch, 320 Seiten
978-3-86762-180-9
12,99 €


Ein kurzer Einblick

Aus dem naturhistorischen Museum Nophelets, der Reichshauptstadt Sdooms, werden vier Urechsenskelette gestohlen. Die Agenten Meister Hippolit und Jorge der Troll des IAITs werden mit dem Fall betraut. Kurz darauf zerlegen Echsenmonster einen Stadtteil Nophelets in Schutt und Asche. Meister Hippolit ist ratlos. Kann es einen thaumaturgischen Spruch geben, der jahrtausendealte Knochen zum Leben erweckt - und mit Fleisch umhüllt? Hippolit und Jorge ermitteln gegen die Zeit, denn es soll nicht der letzte Angriff der Monster gewesen sein!

Bewertung

Mit dem vierten Teil der »IAIT«-Reihe wechseln die Autoren Lossau und Schumacher nicht nur vom Verlag Egmont LYX zu Feder&Schwert, sondern nehmen einige Änderungen am Konzept der Reihe vor. Bevor jemand erschrickt: Umgekrempelt wird Nichts, nur ausgelutschte Phrasen und alte Marotten einem Frühlingsputz unterzogen. Fans des ungleichen Ermittlerduos werden ihre alten Freunde wiedererkennen und mit Freude feststellen, dass sie sich charakterlich weiterentwickelten; vor allem Jorge, der endlich seineTrollangst überwinden will. Seine Manieren haben sich nicht verbessert. Sein Gebaren ist ungehobelt, doch er arbeitet daran, dass auch der Verstand als starke Faust nicht zu missachten ist.
Weißt du, es gibt da ein Sprichwort bei uns Trollen, und das geht so: (...)
Wie haben Jorges Sprichwörter auf Dauer genervt ... Damit ist es vorbei. Doch Jorge der Troll wäre nicht Jorge, würde er sich nicht eine neue ‚Gemeinheit‘ aus den Ärmeln schütteln. Sein Sinneswandel fügt sich galant in die Story ein und erstmals darf auch Meister Hippolit überrascht über den Scharfsinn seines draufgängerischen Kollegen sein. Sie ergänzen sich perfekt und bringen die Handlung schwungvoll voran. Anders als Jorge widerfährt Hippolit kein großer Charakterwandel. Er bleibt der über einhundertjährige Thaumaturg neunter Stufe im Körper eines 13-jährigen Albino-Knaben. Nichtsdestotrotz wird er eine der schwersten Entscheidungen treffen müssen, die ihn einmal mehr für immer verändern wird. Es soll ein Ende werden, das nicht nur Hippolit, sondern auch den Leser in bedrückendes Schweigen hüllt, nachdem die letzte Zeile des Romans gelesen ist. Wie mag es mit den Helden Sdooms weitergehen? Die Zukunft ist ungewiss.
Das Institut für angewandte investigative Thaumaturgie steht vor dem vielleicht schlimmsten Ereignis der zurückliegenden Jahrzehnte. Nophelet, die Hauptstadt des Königreichs Sdooms, wird von Urechsen bedroht. Mit jedem Angriff auf die wehrlose Stadt werden es mehr. Physische Waffen richten kaum Schaden an. Die Thaumaturgie prallt an der Haut der Echsen ab. Tausende Menschen sterben und das Wirtschaftssystem der Stadt bricht zusammen. Wer mag hinter diesen mysteriösen Angriffen stecken? Niemandem ist mit der Auslöschung der Metropole gedient. Meister Hippolit und Jorge ermitteln unter Hochdruck. Hippolit vergräbt sich tief in staubige Bücher und greift in seiner Verzweiflung zu den gehassten Populärwissenschaften - ohne nennenswerten Erfolg. Jorge sucht im düsteren Hafenbezirk, Umschlagplatz von Diebesgut und wer weiß was noch, einen alten Freund auf. Was er findet, ist nicht ganz das, was er erhoffte, hüllt den Fall vielmehr in schleierhaftere Geheimnisse.
Die zerstörerische Gewalt der Urechsen, hoch wie ein Haus und unaufhaltsam wie eine Flutwelle, raubt den Ermitteln den Schlaf. Die Beschreibungen Lossaus und Schumachers sind nicht zimperlich. Die Zerstörung der Stadtviertel und die zerquetschten Opfer werden nicht kleingeredet, sondern ‚realistisch‘ und mit allem gebührenden Schrecken zu Papier gebracht. Die Dramatik, die die Autoren erzeugen, ist immens, ist mitreißend, ist nervenaufreibend. Konnte »Der Schädelschmied« mit dem fremden Schauplatz der Minenstadt Barlyn punkten, ist Sdoom aus dem ersten Abenteuer »Der Elbenschlächter bekannt. Die Rückkehr in die Reichshauptstadt ist bei Weitem kein lauer Aufguss einer alten Szenerie, sondern kochendes Adrenalin. Der Druck Hippolits und Jorges, die Angst Sdooms lastet ebenso auf den Schultern der Leser wie die bedrohliche Wolke der Vernichtung über der Stadt.

Fazit

Die Mischung aus Krimi, Thriller, Fantasy und einem Hauch von Steampunk funktioniert auch im vierten Teil der »IAIT«-Reihe wunderbar. Es ist eine Freude mit Hippolit zu ermitteln, mit Jorge die düsteren Viertel der Diebe zu durchstreifen und ein Grauen hilflos mit anzusehen, wie Echsen Sdoom unter ihren Füßen zerstampfen. Leser, die erst jetzt auf das IAIT treffen, greifen herzlich zu, Vorwissen zur Reihe ist nicht vonnöten. Für alle anderen Fans des »IAIT« ist »Der Knochenhexer« ein Plichtkauf.

4 von 5 Punkten

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