Montag, 6. Januar 2014

Rezension: Vom Ende einer Geschichte (Julian Barnes)

btb Verlag
Taschenbuch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-442-74547-0
8,99 €


Ein kurzer Einblick

Tony Webster bildet mit seinen beiden Freunden Alex und Colin während ihrer Schulzeit eine eingeschworene Bande, bis Adrian Finn in ihre Klasse kommt, der sich ihnen anschließt. Immer etwas ernsthafter und klüger als die anderen drei fügt Adrian sich jedoch gut in die Gruppe ein, die sich auch nach der Schulzeit nicht aus den Augen verlieren will. Mittlerweile ist Tony über 60 und mit seinem Leben, seiner Karriere und Ehe, die in einer einvernehmlichen Scheidung endete, im Reinen. Doch dann erhält er einen Brief von einem Anwalt und erfährt von einer Erbschaft, die die in seinem Gedächtnis abgespeicherte Erinnerung an einige Ereignisse seines Lebens komplett in Frage stellt…

Bewertung

Ich versuche einmal, meine Gedanken zu diesem doch recht knappen Werk von Julian Barnes zu ordnen und hier kundzutun, was mir bisher bei keinem Buch schwerer gefallen ist als bei diesem. Denn der Autor liefert mit „Vom Ende einer Geschichte“, wobei ich den Originaltitel „The sense of an ending“ treffender finde, ein sehr intelligentes, viele grundsätzliche Fragen zu Geschichte und Erinnerung stellendes Werk, das für mich als „Hobbyrezensent“ nicht gerade einfach angemessen zu besprechen ist. Im Grunde genommen geht es ihm um die Frage, wie sicher wir uns unserer eigenen Erinnerung an unser Leben sein können, insbesondere im Rückblick auf mehrere Jahrzehnte, und wie sehr unsere Erinnerung an Ereignisse, der wir uns stets sicher zu sein scheinen - schließlich sind wir dabei gewesen -, verzerrt sein und auch im Laufe unseres Lebens unterschiedlich ausfallen kann. Es tauchen zusätzlich einige Passagen im Buch auf, die sich eingehender mit Geschichte befassen und im Geschichtsunterricht der vier Jungs angesiedelt sind. Barnes lässt sie über Fragen nachgrübeln, was Geschichte überhaupt ist (die Adrian beantwortet mit 
„History is that certainty produced at the point where the imperfections of memory meet the inadequacies of documentation“, S. 17 in der englischen Ausgabe), 
ob und wie man fehlende Aussagen von an einem historischen Ereignis beteiligten Personen mit anderen Dokumenten ausgleichen kann oder wie sehr man diese Aussagen, wenn man über sie verfügt, mit Vorsicht und Skepsis behandeln sollte. Diese Überlegungen werden klug und passend in die Handlung eingebettet und lassen auch den Leser intensiv über das Bild nachdenken, das er sich selbst von seinem eigenen Leben gemacht hat und macht, denn was können wir wirklich über unser Leben wissen, wie sehr täuschen wir uns selbst über unsere Lebensgeschichte? Tony muss auf jeden Fall das Bild, das er bisher von seiner Vergangenheit hatte, komplett überdenken, einiges hat er verdrängt, vergessen oder beiseite geschoben, insbesondere hat er die Geschichte rund um Adrian ganz anders in seinem Gedächtnis abgespeichert, als sie tatsächlich ablief. So bietet Barnes ein Werk an, das man nicht schlichtweg herunterliest und nach der letzten Seite beiseite legt und schnell vergisst. Es hallt lange nach, fordert den Leser zum Mitdenken auf und macht Lust auf weitere Bücher des Autors.
Denn seine Ausführungen überzeugen auf ganzer Linie und lassen sich auch gut verfolgen. Eventuell hilft es ein wenig, wenn man über diese Thematik bereits nachgedacht hat, doch auch so ist das Buch angenehm und verständlich zu lesen. Ich kann zwar die überaus positiven Bewertungen nicht komplett nachvollziehen, vor allem der Vergleich mit einem spannenden Thriller erschließt sich mir nicht, hat der Roman doch zu Beginn und ebenso in der Mitte trotz seiner nicht einmal 200 Seiten einige Längen. Er braucht schon einige Seiten, um richtig in Fahrt zu kommen. Das Ende wiederum fesselt enorm und kommt an einen spannenden Krimi heran, in dem sich die Ereignisse förmlich überschlagen.

Fazit

Eins der intelligentesten Bücher, was ich seit langem gelesen habe! Barnes´ Überlegungen zur Unvollkommenheit unserer Erinnerung und damit verbundenen Schwierigkeiten der Geschichtsschreibung fügen sich geschickt in die Handlung des Romans ein, die sehr einzigartige, zum Nachdenken anregende Unterhaltung bietet, die nur ab und zu etwas langatmig ausfällt.

4 von 5 Punkten

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