Samstag, 11. Januar 2014

Rezension: Die Frauen von Nell Gwynne‘s (Kage Baker)

Feder & Schwert
Taschenbuch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-86762-074-1
9,95 €

Ein kurzer Einblick

Lady Beatrice war eine Tochter aus gutem, britischem Hause. Von ihrer Familie ausgestoßen, verdingt sie sich ihr Brot als Hure und erregt damit die Aufmerksamkeit von Mrs. Corvey, die ein Edelbordell leitet. Hinter der Fassade des Bordells verbirgt sich die Schwesterorganisation zur Spekulativen Gesellschaft der Gentlemen, die die Freudenmädchen als Spioninnen einsetzt. Die Welt will insgeheim von Herren zum Wohle aller gelenkt werden.

Bewertung

»Die Frauen von Nell Gwynne‘s« der an Krebs verstorbenen Autorin Kage Baker wurde 2009 mit dem Nebula Award und 2010 mit dem Locus Award jeweils in der Kategorie der besten Erzählung ausgezeichnet. Die Novelle erzählt zunächst vom Leben der Lady Beatrice, um dann auf die Machenschaften der Spekulativen Gesellschaft der Gentlemen und deren Schwesternorganisation einzugehen. Lady Beatrice, einst aus gutem, britischem Hause stammend, wurde verschleppt, vergewaltigt, entehrt und war für die Familienehre nicht mehr tragbar. In London verdient sie sich ihr Geld als Straßenhure, bevor sie von Mrs Corvey ins Edelbordell Nell Gwynnes`s aufgenommen wird, besagter Schwesternorganisation. Die Frauen arbeiten dort als Spioninnen und zum Schutz des Vaterlandes. Welcher Mann wird nicht geschwätzig, wenn er nach dem Sex müde und ermattet in die Laken sinkt?
Viel Platz bietet die Novelle nicht für Hintergründe oder Vertiefungen, um z.B. das viktorianische London ausführlicher in Szene zu setzen. Etwas an der Oberfläche dümpelnd vermag Kage Baker dennoch ein ausgesprochen feinfühliges Bild der Welt, der Arbeit der Frauen und der Lebensumstände Lady Beatrices zu vermitteln. Ihre erniedrigende Vergangenheit wird zügig und emotionslos abgehandelt, erzählt das Nötigste, um die Umstände zu skizzieren. Dennoch gelingt es dem Erzählstil die Grausamkeiten und die Hoffnungslosigkeit zumindest ansatzweise darzustellen. Die Autorin strafft Nebensächlichkeiten und weitet wichtige Ereignisse aus, ohne jedoch ausschweifend darauf einzugehen. Stringent eilt die Handlung voran, wirkt bestens durchdacht und kleidet relevante Szenen in spannende Worte.

Die Story dreht sich um den verschwundenen Agenten der Spekulativen Gesellschaft der Gentlemen. Die Frauen von Nell Gwynne‘s sollen den Mann aufspüren und dem vermutlichen Feind der Organisation Geheimnisse entlocken. Tatkräftig schreiten die Damen zur Tat. Lady Beatrice agiert dabei zurückhaltend, aber äußerst intelligent, während die Schwestern Devere, Jane, Dora und Maude ihren Teil der Arbeit erledigen. Die blinde Mrs. Corvey, ausgerüstet mit technischen Teleskopaugen versteckt hinter einer Brille, hält sich im Hintergrund - niemand ahnt, dass sie heimlich alles beobachtet. Niemals verkommt die Erzählung zu einer erotischen Haltung. Natürlich werden die Vorzüge der hübschen Huren beschrieben, doch das Groß wird der Fantasie der Leser überlassen.

Fazit

Obwohl die Handlung in ein Steampunk-Gewandt gehüllt ist, hält sich das Genre dezent zurück und meldet sich nur zu Wort, wenn neue Spielzeuge den Damen zur Spionage vorgestellt werden. Dies tut der Novelle keinen Abbruch, denn Atmosphäre und Spannung sind da. Flüssig werden die Erlebnisse der Lady Beatrice mit viel Kreativität und Glaubwürdigkeit erzählt. »Die Frauen von Nell Gwynne‘s« ist ein erfrischendes Abenteuer, das viel zu schnell ausgelesen ist.

4 von 5 Punkten

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