Donnerstag, 2. Januar 2014

Rezension: Das späte Geständnis des Tristan Sadler (John Boyne)

Piper Verlag
Taschenbuch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-492-30255-5
9,99 €

Ein kurzer Einblick

England im Jahr 1919: Der junge Kriegsüberlebende Tristan Sadler reist von London nach Norwich, um dort die Schwester seines im Krieg gestorbenen Kameraden Will, Marian Bancroft, zu treffen und ihr ihre Briefe, die sie an Will während des Krieges schrieb, zurückzugeben. Sie will alles über Wills Erleben des Krieges, seinen folgenschweren Entschluss, nicht mehr zu kämpfen, und seinen Tod wissen, den Tristan am liebsten verdrängen würde, hatte er doch einen wichtigen Anteil daran, über den er bis zuletzt nicht zu sprechen wagt…

Bewertung

Nachdem ich vor kurzem „Das Haus zur besonderen Verwendung“ gelesen hatte, das mich wirklich nachhaltig begeistert hatte, nahm ich mir nun, nachdem ich vor Jahren auch schon einmal „Der Junge im gestreiften Pyjama“ gelesen hatte, das nächste Werk von John Boyne vor: das Erste Weltkriegsdrama „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“. Es kommt zwar an die beiden anderen Romane nicht komplett heran, stellt aber immer noch ein sehr gutes, unterhaltsames Buch dar. Vom Aufbau erinnert es ein wenig an „Das Haus zur besonderen Verwendung“, da es auch über zwei Erzählstränge verfügt. Der eine spielt im Jahr 1919 und behandelt zwei Tage in Norwich, zunächst Tristans Anreisetag, bei dem es noch zu einem kleinen Zwischenfall in seinem Hotel kommt, über dessen Bedeutung für die Handlung ich mich zunächst ein wenig wunderte, die aber im Laufe der Geschichte noch deutlich wird. Am zweiten Tag trifft er sich mit Marian Bancroft und lernt auch noch ihre und Wills Eltern kennen. Der zweite Handlungsstrang geht zurück zu den Geschehnissen des Jahres 1916, als Tristan und Will sich während der Ausbildung für den Krieg in Aldershot kennen lernen und gemeinsam in Frankreich kämpfen, bis Will sich entschließt, nicht mehr am Krieg teilzunehmen, und es zu seinem Tod kommt. Das letzte Kapitel spielt dann noch im Jahr 1979 und behandelt ein letztes Treffen zwischen Marian und Will, der auf eine erfolgreiche schriftstellerische Karriere zurückblicken kann.
Was dem Autor sehr gut gelingt, ist die Darstellung des Schreckens des Krieges und seine Auswirkungen einerseits für die Soldaten, vor allem auch für die Überlebenden, die entscheidend für ihr Leben durch diese Erlebnisse geprägt wurden, und andererseits für die Daheimgebliebenen, die Angehörige verloren haben oder verstörte und oftmals verstümmelte Verwandte bei ihrem Weg zurück in ein alltägliches Leben zu unterstützen versuchen. An Klassiker wie etwa „Im Westen nichts Neues“ kommt der Roman zwar natürlich nicht heran, doch trotzdem habe ich selten so anschaulich und deutlich die entsetzliche Situation in den Schützengräben geschildert bekommen. Man hat die gesamte Zeit den Eindruck, selbst mit Tristan durch den Schlamm zu robben, und erlebt das bedrückende Gefühl, jeden Morgen nicht zu wissen, ob man am Abend noch am Leben ist, hautnah und intensiv mit.
Ebenso gut schafft es Boyne, die Psyche seiner Figuren Tristan und Will zu schildern und sie glaubhaft sich weiterentwickeln zu lassen. Will nutzt er einerseits geschickt dafür, wichtige Grundsatzfragen zu Mut, Prinzipientreue und das Bewahren von Menschlichkeit in der schrecklichen Welt der Schützengräben zu behandeln. Seine Entwicklung hin zum Kampfverweigerer wird realistisch aufgebaut und anderen Charakteren gegenübergestellt, die entweder regelrecht zu Tieren werden oder wie Tristan wenig über ihr Tun nachdenken und bloß daran denken, wie sie den nächsten Morgen erleben können. Welche Herangehensweise die richtige ist, muss der Leser für sich selbst entscheiden, Boyne stellt sie bloß gegenüber und lässt einem Verständnis für nahezu alle Figuren entwickeln. Durch Tristan werden andererseits zum einen die Folgen des Krieges für die Beteiligten eingehend geschildert und verdeutlicht, der durch diese für sein Leben sowohl physisch als auch psychisch gezeichnet ist und sich niemals komplett von diesen Erlebnissen wird befreien können. Zum anderen wird durch ihn das zweite Hauptthema des Buches, die Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eingeführt. Dass Tristan schwul ist, kann man sich bereits zu Beginn des Buches denken, bis man schließlich seine aufkeimenden Gefühle für Will miterlebt. Der Autor widmet sich dieser Thematik auch wieder sehr einfühlsam und gelungen, zeigt auf, wie sehr Homosexualität damals noch ein Tabu war und bestraft wurde und wie stark dies selbst in Tristans Denken verankert ist, der seine Gefühle für Will als etwas Ekliges, Unnatürliches ansieht und sie zu unterdrücken versucht, aber auch, welche dramatischen Folgen das Herausbrechen seiner lange unterdrückten Gefühle hat…
Was mich ein wenig am Buch wunderte, war ähnlich wie bei „Das Haus zur besonderen Verwendung“ das von Anfang an fast komplett absehbare Ende des Romans. Da dies bei Boyne öfter auftaucht, fragte ich mich immer wieder, ob er bewusst damit spielt oder eben die Handlung und Anspielungen auf das Ende zu simple gestaltet hat. Es schmälert aber zumindest die Spannung des Buches in meinen Augen nicht, da man immer noch die genauen Umstände zu Wills Tod erfahren möchte, etwas geheimnisvoller hätte man das Werk aber auch aufbauen können.

Fazit

Wieder ein sehr gelungenes Buch von John Boyne, der sich langsam aber sicher zu einem meiner gegenwärtigen Lieblingsautoren entwickelt. Die Hauptthemen des Romans, der Umgang mit den Schrecken des Ersten Weltkrieges und Homosexualität in der damaligen Zeit, werden glaubhaft, einfühlsam und abwägend geschildert, die Figuren Will und Tristan vor allem realistisch gezeichnet und daraus eine spannende, bewegende Geschichte geformt, die ich wie seine anderen nur jedem empfehlen kann.

4 von 5 Punkten

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