Samstag, 21. Dezember 2013

Rezension: The Twelve Tribes of Hattie (Ayana Mathis)

Windmill Books
Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 9780099558705
8,70 € (Stand: 21. Dezember 2013)

Ein kurzer Einblick

Der Roman erzählt die Lebensgeschichte von Hattie, die als Teenager mit ihrer Familie aus dem US-amerikanischen Süden in den Freiheit und Wohlstand für Schwarze versprechenden Norden kam und sich ein neues Leben in Philadelphia aufbaute. In jungen Jahren bereits schwanger geworden, bekommt sie in den nächsten Jahrzehnten insgesamt 11 Kinder und ein Enkelkind, tut alles, um ihnen jeden Tag Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen, steckt immer wieder Schicksalsschläge weg und kämpft mit Entschlossenheit gegen ihre Enttäuschung über unerfüllte Hoffnungen, die sie als Teenager an ihr Leben gestellt hatte…

Bewertung

Das Buch ist chronologisch aufgebaut und lässt jedes Kind von Hattie (ab und zu auch zwei Kinder auf einmal) und am Ende ihr Enkelkind in jeweils einem Kapitel zu Wort kommen. Sie berichten meist von Ereignissen aus einem bestimmten Jahr, erzählen aber auch immer wieder aus ihrer Kindheit, so dass man Hattie immer besser kennen lernt. Ein paar Kapitel setzen ein, als das jeweilige Kind noch ein Baby ist und nicht selbst seine Geschichte schildern kann, in diesen lernt man stärker Hatties Blickwinkel kennen, die von Begebenheiten, die sich um das dem Kapitel seinen Namen gebende Kind drehen, berichtet. Zwischen den einzelnen Kapiteln liegen oftmals mehrere Jahre, so dass der Roman einen Zeitraum von 1925 bis 1980 abdeckt und die Entwicklungen in Hatties Familie über Jahrzehnte erzählt.
Irgendwie kam das Buch zu Beginn sehr seltsam daher. Die ersten etwa 100 Seiten empfand ich als ausgesprochen langatmig und uninteressant. Ich musste mich die ganze Zeit regelrecht zum Weiterlesen zwingen und war kurz davor, die Lektüre ganz abzubrechen, wäre da nicht mein großes Unbehagen, einmal ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Doch dann, nach den ersten drei Geschichten, wird der Roman immer besser. Ich saß anfangs fast ungläubig davor und konnte es gar nicht fassen, wie gut sich das Buch nach dem lausigen Beginn noch entwickelte. Die letzten 200 Seiten waren wirklich sehr gut, angenehm und spannend zu lesen, tiefgründig, einfühlsam. Man fieberte mit den Charakteren mit, konnte sich immer besser in Hattie hineindenken und ihr Handeln verstehen. Vor allem sah man tief in ihr Innerstes, was die Autorin so überzeugend schildert, dass ich ihr für dieses Werk mindestens 4,5, wenn nicht sogar 5 Punkte gegeben hätte, wären ihr die ersten Kapitel ebenso gut gelungen.
Das Buch lebt einfach von der Figur Hattie und der Schilderung der Dynamik ihrer Beziehungen zu ihren Kindern, die sie meist als unnahbar, streng und abweisend wahrnahmen und von denen die meisten einfach nicht erkannten, dass sie all ihre Kraft dafür aufwenden musste, sie zu ernähren, sie mit Kleidung zu versorgen, sie schlichtweg mit sehr begrenzten Mitteln und einem zu wenig zu gebrauchenden, untreuen Ehemann am Leben zu erhalten. Da blieb einfach kaum noch Zeit für Liebkosungen und seelische Fürsorge, die Hattie vielmehr durch ihre täglichen Aufopferungen zum Ausdruck brachte, die viele Kinder aber nicht als solche deuteten oder für selbstverständlich hielten. So steckt sehr viel Schmerz, Traurigkeit und Enttäuschung in diesem Buch, die von der Autorin großartig und nachempfindbar herausgearbeitet wurden. Man spürt Hatties Enttäuschung über den Verlauf ihres Lebens und auch den Schmerz ihrer Kinder sehr stark mit, zumindest nach den ersten 100 Seiten. Doch genauso gibt das Buch dem Leser etwas Hoffnung, vor allem gegen Ende. Man erlebt, wie Hattie sich ihrer Enttäuschung stellt und sich nicht hat unterkriegen lassen und wie sie sich in den Jahrzehnten auch weiterentwickelt hat. Insbesondere lernt sie, stärker Gefühle gegenüber ihren Kindern zu zeigen, und nimmt sich ihrem Enkelkind an.
Aufgrund von einigen Pressestimmen zum Buch, die ich vor der Lektüre gelesen hatte, hatte ich eine stärkere Behandlung der Thematik der Unterdrückung von Schwarzen in den USA erwartet, die jedoch bloß am Rande auftaucht. Zu Beginn des Buches wird sie noch recht stark behandelt, im Laufe des Romans verschwindet sie jedoch immer mehr in den Hintergrund. Wer also aus Interesse an diesem Thema das Buch lesen wollen würde, sollte vielleicht lieber nicht zugreifen. Für diejenigen, die Mathis´ Werk lieber auf Deutsch lesen möchten, hier noch dieser Hinweis: es erscheint im Mai 2014 bei Dtv unter dem Titel „Zwölf Leben“.

Fazit

Nach grausigem Beginn entwickelt sich dieses Erstlingswerk von Ayana Mathis zu einem wirklich gut und spannend geschriebenen, eindrucksvollen Buch, das vor allem von seiner Hauptfigur Hattie und der intensiven Schilderung der Beziehungen zu ihren Kindern lebt und das all den Schmerz und die Enttäuschung, die in diesen Beziehungen stecken, überzeugend herausstellen kann. Kämpft euch einfach durch die ersten 100 Seiten, danach wird den Lesern großes Lesevergnügen geboten.

3,5 von 5 Punkten

1 Kommentar:

  1. Liebes Legismus-Team, liebe Kim,

    ich bin gerade auf euren Blog gestoßen weil ich nach anderen Stimmen zu diesem Buch gesucht habe. Habe eben die deutsche Version zu Ende gelesen und muss sagen: ich bin begeistert! Ich persönlich empfand die ersten Seiten nicht langweilig. Vor allem das erste Kapitel war für mich wie ein Paukenschlag der gezeigt hat, dass in diesem Buch nicht von der schönen heilen Welt erzählt wird. Außerdem ist die geschilderte Erfahrung ja prägend für Hattie und somit all ihre Kinder.

    Vielleicht magst du/ mögt ihr ja mal meine Meinung dazu lesen? Ich würde mich über einen Besuch freuen! http://little-miss-head-in-the-clouds.blogspot.de/2014/04/zwolf-leben-von-ayana-mathis.html

    Liebe Grüße und eine schöne Woche

    Jacy

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