Donnerstag, 5. Dezember 2013

Rezension: Das Haus zur besonderen Verwendung (John Boyne)

Piper Verlag
Taschenbuch, 560 Seiten
ISBN: 978-3-492-27265-0
9,99 €

Ein kurzer Einblick

1915 in Kaschin, einem kleinen Dorf in Russland: Der 16jährige Bauernsohn Georgi verhindert ein Attentat auf den Vetter des Zaren. Zum Dank wird er vom Zaren Nikolaus II. nach Sankt Petersburg berufen, um sich als Leibwächter und auch brüderlicher Freund um den Sohn des Zaren, Alexei, zu kümmern. So begegnet er auch der jüngsten Zarentochter Anastasia, in die er sich über beide Ohren verliebt und mit der er eine heimliche Beziehung eingeht, wohl wissend, dass ihm bei einer Entdeckung die Verbannung nach Sibirien oder sogar der Tod droht. Doch Georgi will um diese verbotene Liebe kämpfen, auch als sich die politischen Ereignisse in Russland überschlagen…

Bewertung

Der Roman besteht aus zwei Erzählsträngen. Der erste setzt im Jahr 1915 ein und erzählt Georgis Leben in Kaschin, den Attentatsversuch und schließlich sein Leben inmitten der Zarenfamilie. Der zweite beginnt im Jahr 1981, Georgi ist mittlerweile 82 Jahre alt, lebt in London und seine Frau Soja liegt im Sterben. Dieser Erzählstrang berichtet rückwärts verlaufend von Georgis Leben mit seiner Frau Soja, mit der er aus Russland floh und über Paris schließlich in London landete. So nähern sich deine Geschichten immer näher aneinander an und treffen am Ende des Buches zusammen. Die rückwärtsgewandte Erzählweise trägt so auch dazu, die Spannung der Handlung zu verstärken. Man erhält immer wieder Anspielungen auf frühere Ereignisse, über die man lange Zeit rätselt, bis man endlich erfährt, was überhaupt geschehen war.
Allein diese Erzählform konnte mich bereits überzeugen, doch auch sonst hat mich das Buch fast restlos begeistert. Die ersten etwa 100 Seiten waren wirklich hervorragend, vor allem die Handlung im Jahre 1915. Sie wurde mit solch einer Leichtigkeit geschildert, war so angenehm zu lesen, ohne anspruchslos zu sein, und war überaus unterhaltsam, einfühlsam und spannend geschrieben, so dass ich mich gar nicht vom Buch losreißen konnte. Das hält der Autor zwar für den Rest des Buches nicht immer durch, doch trotzdem waren auch die nächsten 400 Seiten enorm lesenswert und machten einfach Spaß. Ich wollte schlichtweg nichts Anderes tun, als weiterhin mit Georgi durchs Leben zu gehen und zu erfahren, welchen Ausgang seine Liebesgeschichte nehmen sollte. Diese war dermaßen liebenswürdig und mitreißend geschrieben, wie ich es selten gelesen habe, bloß das Ende wurde mir persönlich ein wenig kitschig, doch auch dies konnte meine Begeisterung nicht im Geringsten schmälern.
Was dem Buch auch gut tut, ist, dass die Liebesgeschichte zwar durchaus einen wichtigen Teil des Romans ausmacht, aber eben auch so viele andere Aspekte eine Rolle spielen. Man erfährt sehr viel über die letzten Jahre der Romanows und die russischen Entwicklungen zwischen 1915 und 1918, wobei Boyne sich sehr stark an den historischen Fakten orientiert. Ihm gelingt eine überzeugende Mischung aus Tatsachen und Fiktion, die sich auch durch den zweiten Handlungsstrang zieht. Mit Georgis und Sojas Geschichte machen wir eine Reise durch das Europa des 20. Jahrhunderts mit, erfahren, wie sich das Leben der Menschen über 60 Jahre hinweg verändert hat, welche Entwicklungen es in Frankreich in den 1920er Jahren gab und vor allem, was die englische Geschichte bis in die 1980er Jahre prägte.
Zusätzlich zeichnet Boyne seine Figuren so realistisch und liebenswürdig, dass man die ganze Zeit mit ihnen mitfiebert. Auch erreicht er vor allem bei Georgi und auch bei Soja, obwohl die Handlung bloß aus Georgis Sicht erzählt wird, eine enorme psychologische Tiefe, was die Glaubhaftigkeit dieser Figuren noch mehr steigert. Insbesondere Sojas Probleme, ihre Depressionen, ohne zu viel verraten zu wollen, werden einfühlsam und überzeugend dargestellt und Boyne gelingt es, eine gewisse Melancholie aufzubauen, die Schwere von Sojas und Georgis Leben arbeitet er sehr deutlich heraus, so dass ich auch in diesem Punkt nur begeistert vor dem Buch saß.
Der einzige winzigkleine Minuspunkt an diesem Roman war für mich, dass mir ein wichtiges Element des Endes bereits direkt zu Anfang bewusst war. Ich kannte mich vorher ein wenig mit der Geschichte der letzten Zarenfamilie Russlands aus, was in diesem Fall anscheinend nicht so hilfreich war. Allerdings fragte ich mich die ganze Zeit während der Lektüre, ob dieser Punkt nicht sowieso viel zu offensichtlich und es von dem Autor so gewollt war, dass der Leser diesen Aspekt direkt zu Beginn weiß. Wie dem auch sei, mir nahm er ein wenig die Spannung, was das Ende anging, ansonsten begeisterte mich das Buch jedoch restlos.

Fazit

Wirklicher Lesegenuss wird einem hier von John Boyne bereitet, der mich bereits mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ wirklich begeistern konnte. Eine gelungene Mischung aus Liebesgeschichte, Historiendrama und fast schon an einen Krimi erinnerte Spannung wird dem Leser geboten, viel besser kann interessante, anspruchsvolle und unterhaltsame Literatur nicht sein. Das wird nicht das letzte Buch gewesen sein, das ich von John Boyne lese!

4,5 von 5 Punkten

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