Montag, 16. Dezember 2013

Rezension: Christmasland (Joe Hill)

Heyne
Hardcover, 800 Seiten
ISBN: 978-3-453-26882-1
24,99 €


Ein kurzer Einblick

Vic besitzt die Gabe, verlorene Dinge zu finden. Sie schwingt sich auf ihr heißgeliebtes Fahrrad, gelangt über die vermoderte Holzbrücke mit einem Augenaufschlag, wohin sie will, dorthin, wo sich die Gegenstände befinden. Als sie sich eines Tages im Hause Charlie Manx wiederfindet, kann sie in größter Not ihr Leben retten. Manx entführt Kinder in das »Christmasland«, einem Ort, an dem ewige Weihnacht herrscht.

Bewertung

Charlie Talent Manx III besitzt die besondere Gabe mit seinem 1938er Rolls Royce Wraith ins »Christmasland« zu fahren, einem Ort, an dem ewige Weihnacht ist. Er liebt Kinder so sehr, dass er ihnen mit glücklichem Herzen verspricht, sie an diesen Ort zu bringen, wo sie jeden Tag Karussell fahren und Geschenke auspacken dürfen. Steinalt und mit unglaublicher Kraft versehen, dem Tod entkommen und ins Leben zurückgekehrt - Joe Hill erschafft mit relativ wenigen Mitteln eine mystische Figur abgrundtiefer Bösartigkeit. Trotz oder gerade wegen des ruchlosen Charakters rührt Manx am Herzen des Lesers. Das Weltbild Manx‘ mag ein befremdliches sein, doch die Entführungen kommen von Herzen und der absoluten Überzeugung, das Richtige zu tun. Grautöne der Warmherzigkeit schleichen sich ein und stellen CharlieTalent Manx in einem ambivalenten Licht des Hasses und der Gutmütigkeit dar.
Manx‘ Handlanger, Bing Partridge oder der Gasmann genannt, ist geistig zurückgeblieben und von fragwürdiger Moralität. Er ermordete seinen Vater mit einem Schraubenzieher, vergeht sich an wehrlosen Frauen und erfreut sich an jeder Grausamkeit. Mit Freuden übernimmt er die schmutzigen Erledigungen des Kindesentführers.

Vic McQueens besondere Gabe verleiht ihr die Macht eine imaginäre verrottete Brücke zu erschaffen, um verlorene Gegenstände wiederzufinden. Mit ihrem Fahrrad, später einer Triumph, vermag sie an jeden Ort zu reisen. Ihre innere Welt ist stärker als die reale. Auf Wegen innerhalb der Landschaft des Geistes gelangt sie an jene Orte - und eines Tages zu Manx, dem sie entkommt. Es ist die gleiche Gabe, wie sie auch Manx aufweist, nur mit anderer Fähigkeit. Die Gabe ist nicht geschenkt, nicht geborgt, sie nimmt sich als Gegenleistung etwas vom Menschen, der sie besitzt. Jahre später, nachdem sie Manx entkam, ist Vic eine gebrochene Frau, von Psychosen verfolgt und der Alkoholsucht verfallen. Doch dies hindert sie nicht daran, Manx zu jagen, denn dieser hat ihren Sohn entführt!

»NOS4A2« - Nosferatu - so titelt sich »Christmasland« im Original. NOS4A2 steht auch auf dem Nummernschild Manx‘. Tatsächlich ist der Vergleich Charlie Talent Manx III mit einem Vampir nicht unangebracht, saugt dieser doch die Kinder aus und verwandelt sie in etwas Abscheuliches, das im Christmasland der hohle Hall erwartungsvoller Freude ist. Vic will ihren Sohn vor diesem Schicksal retten. Weder Polizei noch FBI können ihr helfen, allein sie vermag ihren Sohn zu finden. Nur sie hat die Gabe verlorene Gegenstände wiederzufinden. Mit wenigen Charakteren erschafft Hoe Hill ungeheuren Tiefgang und offenbart einen Abgrund seelischer Qualen, verzweifelter Gefühle und der Unsicherheit, was eigentlich das personifizierte Böse ist.Mit tiefgründigen Persönlichkeiten macht jeder Charakter Hills die Hölle auf Erden durch. Zimperlichkeit verweigert Stephen Kings Sohn den Figuren, foltert sie stattdessen und schöpft aus ihrem Leid ein solides Fundament eines großartigen Romans. Gegenstände und Ereignisse haben ihre ureigene Bedeutung. Handlungswege, die sich kreuzen, dienen keiner Schindung von Seiten, um den Roman aufzublähen, sondern bauen gezielt ein Ende auf, das Trauer und Freude zugleich vermittelt. Durch enormen Detailreichtum baut Joe Hill eine lebendige Welt auf, in der Realität und Imagination verschmelzen.

Fazit

Weihnachten wird nie wieder das unbeschwerte Fest sein, zumindest nicht für die Kinder, die in die Fänge Charlie Talent Manx III geraten sind. Mit ausgefeilten Charakteren und einer düsteren Handlung des Grauens und der Wunder erschafft Joe Hill ein einmaliges Leseerlebnis mit einfachsten Mitteln.

5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen