Montag, 23. Dezember 2013

Rezension: Carrie (Stephen King)

Bastei Lübbe
Taschenbuch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-404-16958-0
9,99 €

Ein kurzer Einblick

Carrie ist die Strafe Gottes. Carrie ist das personifizierte Böse mit dem Gott ihre Mutter quält. Carries Mutter ist fanatisch und ihre Tochter muss darunter leiden. In der Schule wird sie gehänselt und von niemandem als das nette Mädchen anerkannt. Als sie vom beliebtesten Jungen der Highschool zum Abschlussball eingeladen wird, ahnt keiner ihrer Mitschüler, dass das so unschuldige Mädchen die Stadt in Schutt und Asche legen wird. Carrie entfesselt die Hölle auf Erden ...

Bewertung

Die 70er Jahre. Eine friedliche Stadt. Die erste Liebe. Der erste Sex im Auto. Doch nicht für Carrie, das dickliche, pickelgesichtige Mädchen mit der religiösen fanatischen Mutter, die in allem die Strafe Gottes sieht. Und erst die Mädchen: Wie sie schamlos Haut zeigen und sich nicht schämen! In wenig attraktiven Klamotten, die Haut verbergend schickt sie ihre Tochter zur Schule und lässt zu, dass diese zum Mobbing-Opfer auserkoren wird. Als Carrie ihre erste Periode unter der Mädchendusche bekommt, eskaliert die Situation. Ihre Mitschüler werfen mit Tampons und Binden, während sie selbst in Todesangst glaubt zu verbluten und um Hilfe fleht. Den Steinhagel in ihrer Kindheit hat Carrie schon halb verdrängt, doch nun entdeckt sie ihre telekinetischen Kräfte wieder, die ihr fortan Trost in ihrer Einsamkeit schenken.

Stephen King erzählt die tragische Geschichte Carries nicht chronologisch und aus mehreren Perspektiven. Er nimmt gar das Ende vorweg, um den Leser vorzugaukeln, es könne doch auch ein anderes geben. Kann den wirklich der Hass auf Carrie so groß sein, dass die Kleinstadt in einem Inferno aus Feuer untergehen muss? Mit Zeitungsausschnitten, fiktiven und wissenschaftlichen Büchern über die telekinetischen Kräfte Carries wahrt der Meister des Horrors eine Distanz zum drangsalierten Mädchen, die das grausame Schicksal betont. Nüchtern und fremde Stimmen zu Wort kommen lassend, gewinnt der Roman an charakterlichem Tiefgang, bevor die Szenerie zurück zu Carrie schwenkt, dem braven Mädchen, das dazu gezwungen wird, zum Monstrum zu werden. Hier liegt der wahre Horror: nicht in den übernatürlichen Fähigkeiten, sondern in der menschlichen Natur selbst, sodass »Carrie« mehr denn je wie eine Charakterstudie zum »Bösewerden« wirkt.

Tommy ist einer der beliebtesten Jungen an der Highschool. Ausgerechnet er lädt Carrie zum Abschlussball ein. Zunächst sieht Carrie darin nur eine weitere Demütigung vor der ganzen Schule. Schließlich fasst sie sich ein Herz. Welches Mädchen möchte nicht in einem wunderschönen Kleid angehimmelt werden? Nicht alle Mitschüler können ihr diesen einen Tag der Freude lassen - und Carrie wird zum blutigen Racheengel und entfesselt das Feuer der Hölle. Aus dem unschuldigen Mädchen ist ein Mädchen voller Hass geworden. Die Welt ist nicht gerecht. Grausamkeit und Gewissenlosigkeit den Schwächeren Gegenüber - manche Menschen kennen keine Grenzen und keine Scham. Carries Rache an ihren Peinigern mag grausam sein, doch ist sie keineswegs moralisch verwerflich. Die gerechte Strafe für böse Menschen, dieses Gefühl vermag Stephen King zu vermitteln und gleichzeitig das Mitgefühl für Carrie unanfechtbar in die Herzen der Leser zu pflanzen.

Fazit

»Carrie« ist die Geschichte einer Kleinstadt, die dem Untergang geweiht ist. Es ist die Erzählung eines traurigen Mädchens, das Zuflucht und Trost in ihre Gabe sucht, um die erschreckende Welt erbarmungsloser Mitmenschen auszusperren, aber auch die Geschichte einer Rache an jenen, die dem Mädchen Leid zufügten. Intensiv, eindringlich und herzzerreißend: Dieses Buch verdient eine klare Leseempfehlung!

4 von 5 Punkten

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