Donnerstag, 28. November 2013

Rezension: Oliver Twist (Charles Dickens)

Dtv Verlag
Taschenbuch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-423-13616-7
9,90 €

Ein kurzer Einblick

Der Waisenjunge Oliver Twist wächst in einem Armenhaus in einer Kleinstadt auf, nachdem seine Mutter bei seiner Geburt starb und sein Vater unbekannt war. Er wird schließlich zu einem Leichenbestatter als Gehilfe gegeben, wird dort jedoch schlecht behandelt und flieht ohne Geld oder Bekannte allein nach London, wo er in die Fänge einer Diebesbande rund um den Juden Fagin gerät. Dieser will ihn ebenfalls als Dieb ausbilden, was Oliver jedoch lange Zeit nicht realisiert, bis er zu einem Diebstahl mitgenommen wird. Das Opfer, Mr. Brownlow, nimmt sich schließlich seiner an und Oliver könnte endlich einmal Wärme und Fürsorge in seinem Leben erfahren, wenn ihn nicht Fagin unter allen Umständen zurückholen wollte…

Bewertung

Ehrlich gesagt hatte ich von diesem berühmten englischen Klassiker ein wenig mehr erwartet. Ich habe immerzu gelesen, wie toll dieses Werk sein solle, wie plastisch und realistisch Dickens darin die Verhältnisse der englischen Unterschicht im 19. Jahrhundert darstelle, und erwartete somit herausragende Literatur gepaart mit einer gefühlvollen, großartigen Geschichte. Natürlich überzeugt Dickens, was das „Handwerkliche“ angeht. Das Buch lebt von seinem anspruchsvollen, mit Sarkasmus und Ironie gespickten Schreibstil, der einem die Verzweiflung und Armut der englischen Unterschicht zur Zeit der Industrialisierung sehr anschaulich aufzeigt. Außerdem gelingt es ihm sehr gut, das damalige London zu schildern, das man während der Lektüre wirklich vor seinem geistigen Auge auferstehen sieht. Man wandert beinahe selbst in diese Zeit zurück und scheint gemeinsam mit Oliver durch die dunklen Straßen Londons zu irren. Genauso deutlich wird eben all das Unglück dargestellt, das Oliver im Laufe des Buches widerfährt. Man fühlt als Leser schon sehr mit diesem lieben, anständigen Jungen mit, der schlichtweg seinen ehrlichen Weg durchs Leben zu finden versucht, dem aber immer wieder einige Steine in den Weg gelegt werden. Genauso gelungen sind die Diebe und von diesen vor allem Nancy gezeichnet. Dickens verteufelt diese zumindest nicht, zeigt insbesondere bei Nancy auf, dass diese entscheidend durch ihre Herkunft geprägt ist, dass es kein Wunder ist, dass sie und auch die anderen ebenso diesen „Karriereweg“ für ihr Leben ausgewählt haben. Wären sie in einem anderen Umfeld aufgewachsen, hätten sie als Kinder etwas mehr Sicherheit und Geborgenheit erlebt, hätten sie eine Chance gehabt, hätten vielleicht mehr aus ihrem Leben machen können. Dazu passt allerdings wiederum nicht die Figur des Oliver, der schließlich auch schlechte Voraussetzungen hatte und trotzdem ungefähr der liebste Junge ist, den man sich vorstellen kann, was auf mich dann doch etwas unrealistisch und klischeehaft wirkte.
Dabei wären wir auch schon beim eigentlichen Punkt, der mich an dem Buch störte. Ich finde, die Geschichte an sich hat ihre Schwächen. Was Schreibstil, Charakterdarstellung und Veranschaulichung des Handlungsortes angeht, ist Dickens wirklich nicht zu kritisieren. Allerdings sind eben, wie oben angedeutet, die Charaktere zum Teil zu klischeehaft und zu schwarzweiß nach Gut und Böse sortiert. Die jugendlichen Diebe bilden den Mittelweg, diese haben einige Graustufen, doch die Diebesbosse sind schlichtweg die Bösen und Oliver und seine Wohltäter die Guten. Außerdem wirkt es auch sehr unrealistisch, dass Oliver als ersten „guten“ Menschen, der sich seiner annimmt, direkt einen alten Freund seines Vaters trifft, und als er wieder in die Fänge der Diebe geraten ist, bei seinen zweiten Wohltätern eine Verwandte seiner Mutter kennen lernt, was im selbst damals schon riesigen London doch eher unwahrscheinlich sein sollte.
Noch kurz als Info: bei der hier angegebenen Ausgabe (ich selbst habe die englische Ausgabe von Penguin Classics gelesen) sind die Illustrationen der englischen Erstausgabe enthalten, die sich auch in der von mir verwendeten Ausgabe befanden und das Werk wirklich gelungen ergänzen. Des Weiteren bietet sie noch ein Nachwort mit vielen interessanten Informationen rund um Oliver Twist und eine Zeittafel zum Leben von Charles Dickens.

Fazit

Etwas mehr hatte ich erwartet, wenn ich mir solch einen Klassiker der Weltliteratur vornehme, doch vor allem die Geschichte weist für mich einige Schwächen auf. Wen diese nicht stören oder wer sie nicht als Schwächen empfindet, kann hier sehr gut unterhalten werden. Sprachlich und was die Darstellung der Armenverhältnisse zur Zeit der Industrialisierung angeht, hat das Buch ungemein viel zu bieten und überzeugt auf ganzer Linie.

4 von 5 Punkten

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