Montag, 11. November 2013

Rezension: Maria Stuart (Stefan Zweig)

S. Fischer Verlag
Taschenbuch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-596-90359-7
8,00 €

Ein kurzer Einblick

Selten ist vermutlich eine historische Person dermaßen gegensätzlich in der Literatur und Forschung dargestellt worden wie die schottische Königin Maria Stuart. Für viele ist sie eine Mörderin, eine Intrigantin, für andere eine Märtyrerin und Heilige. Stefan Zweig versucht in dieser Biographie nun, ihr als Mensch näher zu kommen, ihre Handlungen nachvollziehbarer zu machen und ein wenig Klarheit in all die widersprüchlichen Berichte zu ihrer Person und auch zu den vorhandenen Quellen zu bringen, die sich ebenfalls seltsamerweise stets widersprechen. So ist er bemüht, ein möglichst unparteiisches Bild von Maria Stuart zu präsentieren, gesteht aber auch ein, dass es nicht mehr möglich sein wird, über alle Lebensumstände von ihr absolute Klarheit erlangen zu können.

Bewertung

Ich kam über die Lektüre von Zweigs Biographie zu Marie Antoinette, die mir wirklich sehr gut gefallen hatte, zu diesem Buch, was mich leider etwas weniger begeisterte. Es ist zwar immer noch sehr gut und absolut lesenswert, reicht aber in meinen Augen nicht an die Marie Antoinette-Biographie heran. Dies lag zum einen ein wenig am Aufbau des Werkes, das sich sehr stark auf die Geschehnisse der Jahre 1566 und 1567 konzentrierte und die ersten 23 Lebensjahre von Maria Stuart und ihre letzten etwa 20 Jahre in Gefangenschaft eher kurz abhandelte. Zweig erklärt dies zwar im Vorwort an sich schlüssig damit, dass Maria Stuart zu den Frauen zähle, die eine sehr kurze, aber dafür sehr heftige Blüte hätten und diese sich auf die erwähnten knapp zwei Jahre fokussiere, in denen in der Tat sehr komprimiert die entscheidenden Ereignisse in Maria Stuarts Leben stattfinden, doch trotzdem kamen die ersten 23 Jahre und die letzten 20 Jahre für meinen Geschmack zu kurz. Bei Marie Antoinette erlebte man stärker, wie sie sich weiter entwickelte, dies wurde mir bei Maria Stuart nicht so deutlich, bloß in den sehr intensiv besprochenen Jahren 1566 und 1567. Zum anderen leidet das Buch für mich ein wenig darunter, dass Maria Stuart für meine Begriffe zu unsympathisch war. Zweig gelingt es nicht, mir zumindest bei allem Versuch, ihre Untaten zu erklären, indem er sich sehr intensiv und sehr überzeugend mit ihrem Seelenleben auseinandersetzte, diese Untaten auch verständlich zu machen. Insbesondere der Mord an ihrem zweiten Mann, bei dem sie laut Zweig (in der Forschung umstritten, aber anscheinend sehr wahrscheinlich) ihre Finger mit im Spiel hatte, da konnte ich keinerlei entschuldigende Tatsachen finden. Zweig konzentriert sich sehr stark darauf, ihre Schuld dadurch zu mildern, indem er dem wahrscheinlichen Mörder ihres Mannes, den sie später sogar heiratete, eine enorme Kontrolle über Maria Stuart nachsagt, und meint, dass sie in ihrer Leidenschaft für diesen Mann fast alles getan hätte. Dies konnte mich zumindest nicht restlos überzeugen und es stellt für mich auch keine angemessene Erklärung für ihr Verhalten dar. In meinen Augen hat sie einige Fehler und Untaten begangen, oftmals auch schlichtweg dumme Entscheidungen getroffen, so dass mir Marie Antoinette doch deutlich sympathischer war, die selbstverständlich auch einige Fehler begangen hat, jedoch nicht in dieser Größenordnung.
Ansonsten kann das Werk aber wieder komplett überzeugen. Es ist natürlich sprachlich wieder sehr gut, wenn mir persönlich diesmal ab und zu ein wenig zu pathetisch, aber insgesamt wirklich gut und trotzdem sehr angenehm und spannend zu lesen. Zweig hat seinen Gegenstand wieder einmal sehr gründlich recherchiert, lässt viele Originalquellen selbst sprechen (auch wenn das Nichtübersetzen von französischen Quellen etwas störend ist) und setzt sich wieder kritisch mit den vorhandenen Quellen auseinander, auch wenn man betonen muss, er war kein Historiker und sollte daher auch nicht als solcher angesehen werden. Dennoch geht er sehr gut auf die Problematik der Quellen zu Maria Stuart ein, die, wie bereits oben erwähnt, sehr widersprüchlich ausfallen, je nachdem, ob sie englisch oder schottisch, katholisch oder protestantisch orientiert sind. Trotzdem: er bleibt immer noch Literat, kein Historiker, jemand, der in seiner Biographie seine Sicht der Dinge erläutert, aber wie gesagt auch einräumt, dass nicht in allen Punkten zu Maria Stuart Klarheit möglich sein wird. Somit präsentiert er sein Bild der schottischen Königin, was man beim Lesen stets im Hinterkopf behalten sollte.
Was zusätzlich noch wirklich bemerkenswert erläutert wird, ist der Konflikt zwischen Katholizismus und Protestantismus, der sich in Europa zur Lebenszeit von Maria Stuart zutrug und der insbesondere beim Verhältnis zwischen Maria Stuart und Elizabeth I. von England eine große Rolle spielte. Diesem Verhältnis wird ebenso breiter Raum in der Biographie gegeben, was Zweig möglichst unparteiisch zu schildern versucht. Er stellt beide gegenüber, Elizabeth als die Fortschrittliche, Maria Stuart als die Rückwärtsgewandte, die beide ihre jeweilige Glaubensrichtung und deren Kampf verkörpern. Dabei würdigt er beide Personen und hebt ihre Vorzüge hervor, kritisiert aber genauso auch bei beiden ihre Mängel und Fehler, so dass man neben Maria Stuart auch dem Charakter von Elizabeth noch näher kommt.
Als kurzer Hinweis noch: die Ausgabe verfügt über ein sehr hilfreiches Personenverzeichnis, das die Lektüre doch etwas erleichtert, die aufgrund der oftmals sehr ähnlich klingenden oder heißenden Personen doch ein wenig erschwert ist. Außerdem gibt es ein Nachwort, was ich allerdings sehr schwach fand, auch wenn ich es wieder mit dem bei Marie Antoinette vergleiche. Es wird nur kurz erläutert, wie Zweig zur Thematik von Maria Stuart gekommen ist und wie er zur Zeit des Beginns des Naziregimes Probleme bei der Veröffentlichung hatte. Mehr erfährt man leider nicht.

Fazit

Eine sehr lesenswerte und sprachlich überzeugende Biographie zur schottischen Königin Maria Stuart, die versucht, einige Klarheit in ihr von Mythen, Legenden und Geheimnissen umwobenes Leben zu bringen und ihren Charakter herauszuarbeiten. Man erhält tolle, spannende und informative Unterhaltung, sollte aber stets bedenken, dass man kein wissenschaftliches Buch in den Händen hält, was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut.

4 von 5 Punkten

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