Montag, 4. November 2013

Rezension: Die Alchemie der Nähe (Gaia Coltorti)

Karl Blessing Verlag
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag, 368 Seiten
ISBN: 978-3-89667-507-1
19,99 €

Ein kurzer Einblick

Giovanni und Selvaggia haben sich seit ihrer frühesten Kindheit nicht mehr gesehen, als Selvaggia mit ihrer Mutter nach Genua zog. Im Alter von 17 Jahren treffen sie sich wieder und verlieben sich sofort ineinander. Sie beginnen eine Beziehung miteinander und verzehren sich regelrecht nach dem anderen. Alles könnte so schön laufen, gäbe es da nicht den unglücklichen Umstand, dass sie beide Zwillinge sind, die nun aufgrund der Versöhnung ihrer Eltern wieder unter einem Dach leben. Sie versuchen die Tatsache, dass sie Geschwister sind, zu verdrängen und kämpfen um ihr junges Glück, doch welche Zukunft gemeinsam steht ihnen überhaupt offen?

Bewertung

„Die Alchemie der Nähe“ ist der Debütroman der Italienerin Gaia Coltorti, die diesen bereits im Alter von 17 Jahren verfasste, was dieses überzeugende Werk, das ich mit Begeisterung verschlungen habe, noch unglaublicher macht. Zum einen schildert Coltorti die Liebesgeschichte wirklich tiefgehend, glaubhaft und derart mitreißend, dass man sich buchstäblich in der Geschichte verliert und wirklich zeitweise vergisst, dass beide verwandt sind und nicht zusammen sein „dürfen“. Und obwohl sie eindeutig den Schwerpunkt des Buches bildet und neben ihr bloß ein wenig Familiendynamik, vernachlässigte Freundschaften und Sport, den Selvaggia und Giovanni betreiben, vorkommen, wird die Schilderung der Entwicklung ihrer Beziehung niemals langatmig oder wiederholend, sondern bleibt stets spannend und mitfühlend. Man genießt mit beiden ihre aufkeimende Liebe, sieht, wie sie zu Beginn noch durch einen Zwiespalt zwischen Verliebtheit und Ekel geprägt ist, wie beide zunächst gegen ihre Gefühle ankämpfen, sie schließlich akzeptieren, sich auf diese verbotene Beziehung einlassen, für sie kämpfen und von einer gemeinsamen Zukunft träumen. Dabei fragt man sich natürlich auch immer, wie ihre Geschichte enden soll, denn wie sollen sie als Geschwister eine Zukunft als Liebespaar haben? Ebenso fand ich es etwas unrealistisch, dass niemand über Monate hinweg einen wirklichen Verdacht schöpfte, dass beide mehr als Geschwisterliebe verbindet. Dabei meine ich nicht einmal so sehr beide Elternteile, von denen zumindest die Mutter sich wundert, dass beide bloß nur noch aufeinander hocken. Denn ich halte es eher für unwahrscheinlich, dass jemand schnell auf die Idee kommen würde, dass ein Geschwisterpaar verliebt ist, bloß weil sie sehr viel miteinander unternehmen, eben weil der Gedanke, dass etwas nicht sein kann, was nicht sein darf, sehr tief in unserem Denken verankert ist. Vielmehr sind Selvaggia und Giovanni oftmals nicht gerade vorsichtig, wenn es darum geht, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Sie zeigen sich in Verona oftmals als Pärchen, zum Beispiel im Park und in Selvaggias Schule, oder etwa im Urlaub, als sie Selvaggias alte Freunde in Genua besuchen. Dass dabei niemand, der sie oder ihre Eltern kennt, sie bemerkt oder auch keinerlei Freunde Verdacht schöpfen, fand ich etwas utopisch.
         Neben der überzeugend geschilderten Liebesgeschichte werden zum anderen die Charaktere sehr nachempfindbar gezeichnet. Man kann sich in sie hineindenken, ihr Handeln trotz des Tabuthemas Geschwisterliebe nachvollziehen und mit ihnen mitfühlen. Außerdem machen sowohl Giovanni als auch Selvaggia glaubhafte Entwicklungen durch. Selvaggia wirkt zunächst sehr manipulativ, berechnend und ausnutzend, wird einem auch zu Anfang nicht sympathisch, doch man versteht ihr Denken und Handeln besser mit der Zeit, gewinnt sie lieb, insbesondere auch aufgrund ihrer Entwicklung hin zur treibenden Kraft innerhalb der Beziehung, die diese stärker als Giovanni weiterentwickelt. Giovanni hingegen ist der ruhigere, loyalere Pol von beiden, der nicht so lange gegen seine Gefühle ankämpft und Selvaggia gegenüber zu ihnen steht, aber auch enorme Eifersucht entwickelt und Selvaggia bloß für sich allein haben möchte. Durch beide Charaktere gelingt es Coltorti aber überaus überzeugend, die Dynamik der ersten großen Liebe in Teenagerzeiten darzustellen, indem sie beide das Rumherum vergessen, beide nur noch für den anderen leben lässt, was ich für eine 17jährige wirklich bemerkenswert finde. Sie spielt außerdem sehr geschickt mit einigen Romeo und Julia-Parallelen, die vereinzelt in den Roman eingebaut werden. Zum Beispiel spielt die Handlung hauptsächlich in Verona, wieder wird eine verbotene Liebe thematisiert und auch das Ende erinnert ein wenig an Shakespeares bekanntes Werk, das mich übrigens auch noch etwas überraschte, so dass der Roman wirklich auf allen Ebenen überzeugen konnte.
Der einzige kleine Minuspunkt ist für mich die etwas gewöhnungsbedürftige Erzählweise. Die Geschichte wird immer in der dritten Person von einem an sich allwissenden Erzähler geschildert, der die Geschehnisse noch einmal Giovanni zu erzählen oder sich mit ihm zusammen zu erinnern scheint. Dies wirkte lange Zeit etwas ungewohnt auf mich, wobei man sich im Laufe des Buches damit arrangiert. So erfährt man leider auch nur Giovannis Sicht der Ereignisse, ein Wechsel zu Selvaggias Denken und Fühlen wäre mir noch sehr lieb gewesen. Dafür gelingt der Autorin aber auch ein locker, leichter Schreibstil, der sehr angenehm zu lesen war und dabei aber nicht anspruchslos ausfiel.

Fazit

Ich kann mich bloß wiederholen: ein wirklich tolles Debüt von Gaia Coltorti, die ich in den nächsten Jahren im Auge behalten werde und von der ich gern mehr lesen würde. Die Liebesgeschichte, die Charaktere und der Umgang mit dem Tabuthema Geschwisterliebe überzeugen auf ganzer Linie, ich saß stundenlang gefesselt vor dem Buch, das ich somit jedem nur wärmstens weiterempfehlen kann, der gute Literatur und tolle, zum Nachdenken anregende Unterhaltung geboten bekommen möchte.

4,5 von 5 Punkten


Wir danken dem Blessing Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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