Samstag, 5. Oktober 2013

Rezension: Shirley (Charlotte Brontë)

dtv
Taschenbuch, 744 Seiten
ISBN: 978-3-423-13300-5
14,90 €

Ein kurzer Einblick

„Shirley“ spielt im englischen Yorkshire, während der Kontinentalsperre Napoleons und den Arbeiterunruhen im Jahr 1812. Dort begegnen sich die Geschichten des jungen Tuchfabrikanten Robert, dessen Bruders, der Hauslehrer ist, der reichen Shirley sowie der Pfarrersnichte Caroline. Sie alle suchen auf die ein oder andere Art und Weise nach Liebe, sind jedoch ganz unterschiedlichen Hindernissen ausgesetzt…

Bewertung

Als „Shirley“ 1849 erschien, urteilte eine der ersten Rezensionen von G.H. Lewes über den Roman: „jegliche In-sich-Geschlossenheit (…) fehlt“. Auch wenn in späterer Zeit versucht wurde, die erstaunlich fortschrittlichen Züge des Romans hervorzuheben, muss man G.H. Lewes voll und ganz zustimmen. Während man sich durch fast 750 Seiten Roman förmlich quälen muss, wird nie richtig deutlich, was Charlotte Brontë eigentlich mit diesem Werk erreichen wollte. Wollte sie die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse und die verkrusteten Sitten darstellen, wollte sie eine Liebesgeschichte oder zwei erzählen oder vielleicht doch eher ein Portrait aufzeigen?
Die Geschichte enthält innerhalb der 750 Seiten so viele Erzählstränge, dass sich einige von ihnen ewig hinziehen, andere tragen praktisch nichts zum Fortschritt der Geschichte bei, so dass die bloß ermüdend wirken. Beginnt man den Roman zu lesen, geht man allein aufgrund des Titels davon aus, dass er wohl eine Charakterstudie Shirleys enthalten würde. Aber weit gefehlt: Die Namensgeberin des Romans taucht erst nach etwa einem Drittel des Romans überhaupt auf, was den Leser doch einigermaßen verwundert zurücklässt. Eigentlich scheint Caroline die Hauptfigur des Romans zu sein, was sich erst gegen Ende etwas abschwächt.
Der Roman, der in drei Bücher aufgeteilt ist, erlangt frühestens im dritten Buch etwas Spannung, weil nun offensichtlich die Liebesgeschichten in den Vordergrund treten. Doch muss es der Leser überhaupt erst mal soweit schaffen, angesichts von langweiligen Erzählsträngen, die kein großes Ganzes zu ergeben scheinen. Der ständige Verweis auf Bibelzitate, die der Mehrheit der Menschen heutzutage wohl kaum noch bekannt sind, sorgt weiterhin nicht dafür, dass Freude am Lesen entsteht.
Auch wenn der Roman gegen Ende etwas besser wird und durchaus in Bezug auf die Entscheidungsfreiheit von Frauen in der damaligen Zeit fortschrittliche Gedanken enthält, kann das dem Gesamteindruck nicht mehr aufbessern. Ebenso gelingt es der Beschreibung historischer Ereignisse und ihrer Auswirkungen Interesse zu wecken, doch beides kann nicht bewirken, dass man nach Beendigung des Romans nicht bloß denkt: Endlich geschafft!

Fazit

Charlotte Brontës zweiter Roman erreicht leider um Längen nicht die Qualität Jane Eyres. Der Roman ist geprägt von verschiedensten Handlungssträngen, die nie ein großes Ganzes zu ergeben mögen, so dass man auch nach Beendigung des Romans sich immer noch fragt, was die Autorin mit diesem Werk deutlich machen wollte. Zwar enthält der Roman auch bessere und interessantere Passagen, doch die können den zerrissenen Gesamteindruck nicht mehr aufwerten.

1,5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen