Mittwoch, 16. Oktober 2013

Rezension: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert (Joel Dicker)

Piper Verlag
Gebunden mit Schutzumschlag, 736 Seiten
ISBN: 978-3-492-05600-7
22,99 €

Ein kurzer Einblick

Im Jahr 2008 in Aurora, einer Kleinstadt an der Ostküste der USA: Die Leiche der seit 33 Jahren verschollenen Nola Kellergan, die im Alter von 15 Jahren spurlos verschwand, wird im Garten des bekannten Schriftstellers Harry Quebert gefunden, neben ihr das Originalmanuskript von Queberts berühmtesten Werk. Als Quebert auch noch gesteht, mit ihr eine Affäre gehabt zu haben, hält jeder ihn für den Mörder. Er wird verhaftet und wegen Mordes angeklagt. Bloß sein alter Schüler Marcus Goldman, selbst erfolgreicher Schriftsteller, der jedoch gerade unter einer Schreibblockade leidet, glaubt an seine Unschuld und beginnt – auch auf der Suche nach einer Thematik für sein nächstes Buch – eigenhändig den Fall zu untersuchen…

Bewertung

Vom Aufbau her kommt das Buch ein wenig konfus daher, da sehr viele Zeitsprünge statt finden und die Geschichte häufig aus der Sicht verschiedener Charaktere erzählt wird. Der Fokus des Romans liegt zwar auf der Aufklärung des Falles Nola im Jahr 2008, wechselt jedoch immer wieder in Rückblenden ins Jahr 1975, in denen nach und nach die Ereignisse des Sommers 1975 rekonstruiert werden. Ebenso springt die Handlung häufig in die 1990er Jahre zum Beginn der Freundschaft von Marcus und Harry, als diese sich an der Universität kennen lernen. Man muss also schon ein wenig aufpassen und mitdenken, vor allem zu Beginn, wenn man alle Haupt- und Nebenfiguren noch nicht aus dem Effeff kennt. Außerdem hat der Roman so eine „Buch im Buch“-Mentalität. Von den Kapiteln her ist es wie die Entstehung eines Buches angelegt, zuerst kommt die „Schriftstellerkrankheit“, die Schreibblockade, die Suche nach einer neuen Thematik, dann die „Genesung des Schriftstellers“, wenn er endlich beginnt, sein Buch zu verfassen, und zuletzt das „Paradies des Schriftstellers“, die Veröffentlichung des neu geschaffenen Werkes. Zudem sind allen Kapiteln „Weisheiten“ von Harry an Marcus, was das Abfassen eines Buches angeht, vorangestellt, wenn sie auch ein wenig plump daherkommen. Im Roman beginnt Marcus schließlich auch, ein neues Buch über den Fall Harry Quebert zu schreiben, aus dem ab und zu Zitate wiedergegeben werden. Die Handlung wird dadurch origineller und komplexer dargestellt als oftmals üblich, Dicker spielt mit diesen verschiedenen Erzählebenen sehr geschickt, was ich sehr erfrischend fand.
Auch gelingt es ihm sehr gut, einen stetigen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Obwohl der Roman über 700 Seiten aufweist, hat er keinerlei Längen, liest sich die meiste Zeit wie ein spannender Krimi, so dass man ihn kaum aus den Händen legen kann. Außerdem wartet der Autor sehr oft mit großen Überraschungen auf, immer wieder deuten die Ermittlungen von Marcus in neue Richtungen und man muss wirklich bis ganz zum Schluss warten, bis man sich des wirklichen Ablaufes sicher sein kann. Neben den Ermittlungen wird der Liebesgeschichte zwischen Harry und Nola viel Raum gegeben, die ich allerdings eher schwach und ziemlich unrealistisch fand. Sie driftet viel zu oft ins Kitschige ab, insbesondere die Dialoge zwischen beiden klangen viel zu schwülstig, und warum sich dieser 34-jährige in die seelisch labile 15-jährige Nola verliebte und sie als die Liebe seines Lebens bezeichnet, konnte mir zumindest nicht nachempfindbar vermittelt werden.
Gelungen fand ich hingegen Dickers Schilderung des modernen Literaturbetriebes, wobei ich bis zum Schluss nicht sicher war, ob er die Bestsellerfokussierung und die damit verbundene Orientierung an Marktinteressen der Verlage parodieren wollte und sie kritisch hinterfragt und damit den Hype um seinen Roman auch irgendwie verspotten wollte, auch wenn er diesen vor der Veröffentlichung des Buches noch gar nicht antizipieren konnte, oder ob so viel Selbstreflexion dann doch nicht statt gefunden hat. Dicker geht auf jeden Fall sehr intensiv auf den aktuellen Buchmarkt ein, erzählt von Ghostwritern, Ideenklau, der Vermarktung von Büchern, der Fokussierung auf massentaugliche Bestseller, bei denen es nicht auf die Qualität ankommt, sondern auf das Geld, was sie einbringen, ebenso von einem Superstar ähnlichen Hype um Schriftsteller, der wie jeglicher „Ruhm“ sehr schnell wieder vergänglich ist, was dem Roman neben den Krimi- und Liebesgeschichtselementen noch eine gewisse gesellschaftskritische Komponente gibt.

Fazit

Die unzähligen positiven Besprechungen des Buches halte ich zwar für etwas übertrieben, denn die Liebesgeschichte hat doch ihre Schwächen und driftet oft zu sehr in Richtung „Frauenroman“ ab. Aber ansonsten kann der Roman doch sehr gut unterhalten und bietet sich insbesondere für gemütliche Leseabende an, an denen man großen Spaß beim Miträtseln bei Marcus´ Ermittlungen haben kann.

4 von 5 Punkten


Wir danken dem Piper Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

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