Mittwoch, 23. Oktober 2013

Rezension: Das Ende der Welt, wie wir sie kennen (Robert Goolrick)

btb Verlag
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
ISBN: 978-3-442-75351-2
19,99 €

Ein kurzer Einblick

In seinem neuen Buch setzt sich Robert Goolrick sehr kritisch und klug mit seiner eigenen Kindheit auseinander, die vor allem durch den Alkoholismus seiner Eltern geprägt ist, die nach außen hin die Fassade einer glücklichen Familie stets aufrechterhielten und sich hinter einer Welt voller eleganter Kleider, Cocktailabende und interessanten Gesprächen versteckten. Was in den vier Wänden ihres Hauses geschah, sollte nicht nach draußen dringen. Sie verbergen ein Geheimnis, eine ungeheuerliche Tat, die Goolrick auch als Erwachsener nicht loslässt und sein weiteres Leben, insbesondere sein Liebesleben, entscheidend beeinflusst, doch er findet mit der Zeit einen Weg, mit seiner Vergangenheit umzugehen…

Bewertung

Durch den Roman „Eine verlässliche Frau“ wurde ich auf Robert Goolrick aufmerksam, der mich aufgrund seiner gelungenen Melancholie und endlich einmal originellen, nicht klischeehaften Liebesgeschichte überzeugen konnte. Daher wartete ich gespannt auf sein nächstes Buch, das wie oben beschrieben sehr viel autobiographischer ausfallen sollte. Leider wurden meine doch recht hohen Erwartungen etwas enttäuscht. Neben wirklich gelungenen Kapiteln, die mich ungemein fesselten, beinhaltet das Buch leider auch einige sehr schwache Kapitel, durch die ich mich wirklich quälen musste. Ein großer Teilaspekt des Romans ist zum einen der Alkoholismus der Eltern, der sehr gut dargestellt wird, insbesondere die Auswirkungen, die er auf die Entwicklung von Goolrick bis ins Erwachsenenleben hat. Zum anderen behandelt der Autor die Thematik des Kindesmissbrauchs. Ohne zu viel verraten zu wollen, er wurde im Alter von vier Jahren von seinem Vater vergewaltigt, was seine Mutter ebenfalls mitbekam, ebenso seine Großmutter, der er es am nächsten Tag selbst erzählte, die ihm aber auch bloß eintrichterte, darüber zu schweigen. Dieses Thema schildert Goolrick dermaßen eindringlich, dass man beinahe das Gefühl bekommt, diesen Schmerz selbst erlebt zu haben. Auch die Auswirkungen dieser Tat auf sein weiteres Leben, verschiedene Selbstmordversuche, Psychiatrieaufenthalte, den Drang, sich selbst immer wieder zu verletzen, seine Unfähigkeit, sowohl mit Männern als auch mit Frauen funktionierende Beziehungen aufzubauen, werden nachempfindbar und sehr intensiv beschrieben, sie sind es, die dieses Buch wirklich lesenswert machen. Man sitzt immer wieder fassungslos davor ob dieses Schweigens der Familie, die die Tat des Vaters schlichtweg unter den Teppich kehren will. Leider kommen zwischendurch immer wieder einige Kapitel, die für mich seltsam dazwischen geschoben wirkten und zu denen ich keinerlei Verbindung aufbauen konnte. Sie schienen bloß einige Kindheitsanekdoten zu sein, deren Sinn für die Thematik des Buches sich mir zumindest nicht erschloss. Dazu kommt, dass mir auch ein gewisser roter Faden fehlte. Die Kapitel waren derart durcheinander und auch nicht chronologisch aufgebaut, was den Lesefluss doch enorm störte.
Während des Lesens fragte ich mich außerdem immer wieder, warum Goolrick dieses Buch geschrieben hat, ob es als reine Therapie für ihn gedacht war. Es wirkte lange Zeit so, dass er zu dem derzeitigen Trend, dass beinahe jeder, egal wie jung oder egal, was er bereits „geleistet“ hat, ein Buch über sein Leben schreiben muss, bloß noch ein weiteres selbstdarstellerisches Werk hinzufügen wollte. Dieser Eindruck verflüchtet sich allmählich, wenn man von seiner Vergewaltigung liest und insbesondere durch das Interview mit ihm, das dem Buch angehängt ist. Darin schildert er sein Bedürfnis, auf Kindesmissbrauch aufmerksam zu machen, in der Hoffnung, einige Kinder vor dieser Erfahrung zu bewahren, und seinen Wunsch, dieses Schweigen über die Tat seines Vaters zu beenden. Dies gelingt ihm auf beeindruckende Art und Weise, bisher wurde mir Kindesmissbrauch noch nie dermaßen eindringlich näher gebracht.

Fazit

Würde ich bloß die Schilderung der Thematik „Kindesmissbrauch“ beurteilen, hätte das Buch 5 Punkte verdient, denn diese wird nachempfindbar und großes Mitgefühl erzeugend behandelt. Man spürt den Schmerz des Autors, der ihn auch nach Jahrzehnten nicht losgelassen hat, auf jeder einzelnen Seite. Da ich aber nun einmal das komplette Buch bewerten muss, muss ich aufgrund der schwächeren Kapitel einige Abzüge machen, da sie leider doch das Gesamtbild stören. Sieht man über sie hinweg, hat man hier ein mutiges, beeindruckendes Werk vorliegen, das absolut lesenswert ist!

3,5 von 5 Punkten


Wir bedanken uns beim btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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