Dienstag, 17. September 2013

Rezension: Die Vermessung der Welt (Daniel Kehlmann)

Rowohlt Verlag
Taschenbuch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-499-24100-0
9,99 €

Ein kurzer Einblick

In diesem Roman widmet sich Daniel Kehlmann dem Leben des großen Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des bekannten Naturforschers Alexander von Humboldt, die sich 1828 bei einer Tagung in Berlin kennen lernten und seitdem miteinander in Verbindung standen. Humboldts Forschungsreisen und Gauß` Entwicklung hin zum „Fürsten der Mathematik“ werden dargestellt, ihre Sehnsüchte und Macken, aber auch ihr Scheitern und Ruhm, insbesondere ihr Älterwerden und die Vergänglichkeit ihrer Erkenntnisse und Erfolge, die von einer neuen Generation von jungen Wissenschaftlern übertroffen, in Frage gestellt oder auch widerlegt werden.

Bewertung

Am Anfang des Buches begibt sich Gauß mit seinem Sohn Eugen gerade auf die Reise nach Berlin zur Tagung, zu der ihn Humboldt eingeladen hat. Ihr erstes Treffen wird kurz geschildert, um dann in den folgenden Kapiteln immer abwechselnd das vorherige Leben von Gauß und Humboldt darzustellen. Dabei wird eins aus der Sicht von Humboldts Reisebegleiter Bonpland geschildert und ebenso eins aus der Sicht von Gauß´ Sohn Eugen. Zum Ende des Buches kommt der Autor wieder auf die Tagung zurück und schildert Gauß´ und Humboldts weiteren Werdegang, die sich nun über ihre jeweiligen Projekte auf dem Laufenden halten. Das Buch endet mit Eugens Auswanderung nach Amerika.
Das Buch sollte auf jeden Fall nicht als Biographie verstanden werden, es ist als Roman gedacht und auch so geschrieben, die Dialoge dabei stets in indirekter Rede, was doch eine gewisse Distanz wahrt. Es ist nicht historisch völlig authentisch, was von Kehlmann so beabsichtigt war. Man sollte also die Darstellung von Gauß und Humboldt nicht komplett für bare Münze nehmen. Der Autor stellt beide sehr kontrastreich dar: Gauß ist der schrullige Mathematiker, etwas weltfremd, mit Familie, aber eher ungern in Gesellschaft, Reisen missfällt ihm, er kommt nicht sehr weit herum, lebt so in seiner kleinen mathematischen Welt, dass er erst nach Wochen erfährt, dass Krieg herrscht. Auf der anderen Seite Humboldt, der rastlose Entdecker, der fast die ganze Welt bereist, sich fast zu Tode arbeitet, kein Interesse an Frauen und Familie zeigt, sich etwas besser in seine Umwelt einpassen kann. Ob Kehlmann mit diesen Charakterisierungen annähernd richtig liegt, sollte man sicherlich hinterfragen. Dem Roman gelingt es aber, sich mehr für diese Thematik zu interessieren, Gauß und Humboldt und ihr Wirken besser kennen lernen zu wollen.
Außerdem fühlt man sich sehr stark in die damalige Zeit zu Beginn bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Insbesondere für uns so dermaßen selbstverständlich gewordene Dinge wie ungehindert durch Deutschland reisen zu können, erlebt man noch völlig anders. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie das Leben im noch aus unzähligen Kleinstaaten bestehenden Deutschland vor sich ging. Ebenso schildert Kehlmann eindrucksvoll, wie sich neue Entwicklungen allmählich, aber vor allem auch sehr mühselig etablierten, wie man zum Beispiel für ein Foto noch fünfzehn Minuten still stehen bleiben musste, bis es fertig war. Man lernt einiges über die Weiterentwicklung der Mathematik, von Vermessungstechniken, die Gauß während seiner Tätigkeit als Landvermesser und Humboldt auf seinen Reisen nutzte, wie sich die wissenschaftliche Forschung entwickelte. Diesen Ausführungen ist jedoch oftmals schwer zu folgen, ein wenig Vorwissen hilft durchaus zum besseren Verständnis. Kehlmann zeigt in diesem Zusammenhang auch gelungen auf, wie sehr jeder Mensch durch die Zeit, in die er geboren ist, beschränkt ist. Gauß ist sich immer wieder bewusst, welche Methoden, Berechnungen und ähnliches in vielen Jahren möglich sein werden, in seiner Zeit allerdings noch nicht. So erkennt er traurig, wie viel er selbst nicht miterleben, wozu er keinen Beitrag leisten kann, da er nun einmal in seiner Zeit gebunden ist, selbst wenn er im Geist seiner Zeit weit voraus ist.
Eine weitere wichtige Thematik des Buches stellt das Altern dar, was sehr gelungen, insbesondere sehr humorvoll beschrieben wird. Oftmals musste ich einfach herzhaft über diese beiden schrulligen, wunderlichen alten Männer lachen, die sich in ihre Umwelt nicht mehr (oder niemals) richtig einpassen konnten. Sie merken selbst mit der Zeit, wie sie für Berechnungen und Untersuchungen viel länger brauchen, dass der Verstand und auch der Körper nicht mehr alles mit machen wie noch mit jungen Jahren, dass ihnen andere Aufgaben abnehmen müssen, die sie vor ein paar Jahren noch selbstverständlich selbst erledigt haben, auch dass sie mit der Zeit altmodisch werden, neue Methoden und Erkenntnisse entdeckt werden, die ihre Ergebnisse in Frage stellen können, dass sie fast überflüssig werden, all der frühere Ruhm wie alles andere auch vergänglich ist.

Fazit

Eine lesenswerte Darstellung der Leben von Gauß und Humboldt, die zwar nicht historisch authentisch ist, aber anhand der beiden Leben wichtige Fragen nach Erfolg, Scheitern, Ruhm, Größe, Altern und Vergänglichkeit mit tiefgründigem Humor aufwirft und daher für jeden Leser zu empfehlen ist, der an intelligenten, den Leser fordernden Romanen interessiert ist.

4 von 5 Punkten

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