Mittwoch, 10. Juli 2013

Rezension: Schloss aus Glas (Jeannette Walls)

Diana Verlag
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-453-35135-6
8,95 €

Ein kurzer Einblick

Der Roman handelt von Jeannette Walls´ eigener Kindheit und Jugend in einem unangepassten, unkonventionellen Elternhaus. Sie zieht mit ihren Eltern und Geschwistern quer durch die USA, meist verlassen sie ihren jeweiligen Wohnort Hals über Kopf mitten in der Nacht. Ihr Vater ernährt die Familie mit Gelegenheitsjobs, ihre Mutter versucht, als Künstlerin Fuß zu fassen. Dabei geht es sehr abenteuerlich zu, die Kinder werden frei erzogen, erleben allerdings auch tiefste Armut, selten ist genug Geld da, die Familie den gesamten Monat über ausreichend zu ernähren. Allmählich regt sich daher in den Kindern Widerstand gegen diesen eigenwilligen Lebenswandel der Eltern, den sie mit der Zeit gehörig satt haben…

Bewertung

Trotz seines oftmals sehr heiklen Themas kann das Buch zunächst durch seine sehr abgewogene Erzählweise überzeugen. Jeannette Walls gelingt es, sehr neutral über ihre Kindheit zu berichten, nicht bloß ihre Eltern zu kritisieren, dass sie nicht in der Lage waren, die Kinder genügend zu ernähren und ihnen einen gewissen Lebensstandard zu bieten. Vielmehr zeigt sie, dass es verschiedene Erziehungsmöglichkeiten gibt, die alle ihre Vor- und Nachteile haben, und dass ihre Eltern durchaus vieles gut gemacht haben. Die Kinder wurden, wenn sie selbst wegen der vielen Ortswechsel nicht zur Schule gehen konnten, von den Eltern unterrichtet, oftmals mehr naturverbundener als vielleicht üblich und nicht unbedingt in Sachen, die in der Schule gelehrt werden, die aber nichtsdestotrotz ebenfalls wichtig und nützlich sind. Auch zeigte sich, als Jeannette und ihre Geschwister in die Schule gingen, dass sie zu den klugen Schülern gehörten und keinerlei Defizite aufgrund ihrer unkonventionellen Erziehung hatten. Auch die Eltern sind keinesfalls dumm und haben nicht aufgrund von Unvermögen Schwierigkeiten, Jobs zu finden. Vielmehr wählen sie bewusst diesen unangepassten Lebensstil, den Walls ebenso sehr abgewogen schildert. Insbesondere auch die negativen Aspekte wie das Unvermögen der Eltern, ihre Familie zu ernähren, die Trinksucht des Vaters, die die Versorgung der Kinder zusätzlich erschwert, die fehlende Lust der Mutter, „normal“ zu arbeiten, und ihre generelle Unfähigkeit, einen Haushalt zu organisieren. Dabei überzeugt auch die Darstellung der wechselnden Beziehung zwischen Jeannette und ihrem Vater. Zu Beginn betet sie ihn fast an, vertraut ihm vollständig, dass er seine hirnrissigen Pläne, an Geld zu kommen, in die Tat umsetzen und ihnen ein Schloss aus Glas bauen wird. Jeannette erkennt später als ihre Geschwister, dass all dies bloß Gerede ist, will lange Zeit nicht wahrhaben, dass ihr Vater in erster Linie bloß noch Trinker ist, was auch ihr sehr gutes Verhältnis immer stärker belastet, bis sie sich allmählich von ihm entfernt, ihn kritischer, aber auch realistischer einzuschätzen lernt. Man denkt selbst während des Lesens sehr viel darüber nach, welches Aufwachsen und welche Erziehung für Kinder generell am besten ist, inwiefern Jeannette und ihre Geschwister durch ihr Heranwachsen Schaden vielleicht nehmen, was sie vielleicht aber auch dadurch gewinnen, was definitiv ein Pluspunkt des Buches ist.
Leider weist der Roman aber auch einige Längen auf. Der Beginn fesselt, doch zur Mitte des Buches musste ich mich oft zwingen, weiterzulesen. Das Ende wird dann wieder spannender und besser. Die allmähliche Loslösung und kritische Distanz zu den Eltern macht die Geschichte wieder packender und nachvollziehbarer. Vorher wird einem mit der Zeit immer unverständlicher, wie die mittlerweile Jugendlichen den Lebensstil ihrer Eltern noch gutheißen können. Zum Ende hin beginnen sie jedoch selbst ihr Leben aufzubauen und anzugehen, versuchen alles, um nicht wie ihre Eltern zu enden. Man erlebt auch, welchen Knacks die jüngste Tochter aufgrund ihrer Kindheit weg hat, was alles sehr spannend und einfühlsam geschildert wird.
Leider berührte mich die gesamte Geschichte nicht sehr stark, man sitzt zwar oft fassungslos vor dem Buch und fühlt mit diesen Kindern mit, die in enorm ärmlichen Verhältnissen aufwachsen müssen, doch fragte ich mich auch immer wieder, was die Autorin mir nun mit diesem Roman sagen will, warum sie dieses Buch geschrieben hat. Sie sagt selbst am Anfang, sie wolle die Wahrheit erzählen und habe erkannt, dass jeder, der interessant ist, eine Vergangenheit hat, berichtet darüber, wie ihre Eltern ihr lange Zeit peinlich waren, die am Ende auf der Straße leben, und dass sie gegenüber Freunden und Bekannten ihre Herkunft stets verschwiegen habe. So schwingt sicherlich eine gewisse Form von Kindheitsbewältigung mit, doch ansonsten wirkte der Roman zu selbstdarstellerisch auf mich, als sei er in erster Linie nur dazu da, sich selbst und seine Kindheit zu präsentieren.

Fazit

Ein unterhaltsamer Roman über eine unkonventionelle Kindheit, der aufgrund seiner neutralen Erzählweise überzeugt und zum Nachdenken über Erziehung und Aufwachsen von Kindern generell anregt, leider aber auch über weite Strecken, trotz des Mitleids, was man für die Kinder empfindet, langatmig und wenig fesselnd ist und mich eher kalt gelassen hat.

3 von 5 Punkten

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