Sonntag, 21. Juli 2013

Rezension: Schall und Wahn (William Faulkner)

Diogenes Verlag
Taschenbuch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-257-20096-6
10,90 €

Ein kurzer Einblick

Das Buch behandelt den Niedergang und Zerfall der einst angesehenen Südstaatenfamilie Compson aus Jefferson, Mississippi, die zum Zeitpunkt des Romans noch aus der Mutter Caroline, ihren Kindern Jason, Quentin, Caddy und dem geistig behinderten Benjamin und noch Caddys Tochter Quentin besteht. Sie wird aus der Sicht dreier Familienangehöriger erzählt und fokussiert sich auf drei Tage im April 1928, die den Absturz der ehemals erfolgreichen Familie durch Alkoholismus, fehlenden Geschäftssinn und zur Selbstzerstörung hintendierende Wesensmerkmale einiger Familienmitglieder verdeutlicht.

Bewertung

Faulkners Werk ist in vier Kapitel aufgeteilt. Im ersten erleben wir den 7.April 1928 aus der Sicht des mittlerweile 33jährigen, geistig zurückgebliebenen Benjamin mit, der keinerlei Zeitgefühl hat und dessen gegenwärtiges Erleben sich immer wieder mit Erinnerungen aus der Vergangenheit mischen, die man oftmals sehr schwer voneinander unterscheiden kann, gerade auch, da Faulkner es dem Leser mit seiner Erzählweise enorm schwer macht, in der sich häufig Sätze ohne jegliche Satzzeichen aneinander reihen und Szenenwechsel in keiner Weise, wie üblich mit Absätzen zum Beispiel, angezeigt werden. Ab und zu wechselt er in eine kursive Schreibweise, die aber nicht zwangsläufig einen Szenenwechsel andeutet. Ebenso werden die verschiedenen Personen in keinster Weise eingeführt oder erläutert, so dass man vom ersten Teil sehr wenig versteht. In der von mir gelesenen englischen Ausgabe gibt es immerhin ein kurzes Vorwort, das dem Leser mit dem Verständnis des ersten Kapitels ein wenig half. Die hier vorliegende deutsche Ausgabe verfügt, so wie ich es gelesen habe, über eine vom Autor verfasste Einführung, die demnach auch etwas beim Verstehen des Buches helfen sollte. In Kapitel 2 geht es leider ähnlich schwierig weiter. Es stellt eine Rückblende zum 2.Juni 1910 dar, in der Quentin (nicht Caddys Tochter, sondern ihr Bruder) seinen letzten Tag in Harvard schildert, bevor er sich umbringt. Die Erzählweise ändert sich kaum, so dass man wieder wenig vom Inhalt versteht, allmählich kann man aber zumindest die Personen und ihre Beziehungen zueinander auseinander klamüsern. Mit dem dritten Kapitel setzt dann endlich auch das Lesevergnügen ein, man versteht endlich vieles der Geschichte und kann die Hauptfiguren endgültig auseinander halten. Diesmal erzählt Jason, der Bruder von Caddy, Benjamin und Quentin, die Erlebnisse des 6.Aprils 1928, der sich nach dem Tod des Vaters um seine hysterische Mutter, seine in seinen Augen verdorbene, frühreife Nichte Quentin und die Ernährung der Familie kümmern muss. Das vierte Kapitel schildert noch in der dritten Person die Ereignisse des 8.Aprils 1928, nachdem Quentin mit den Ersparnissen von Jason, die eigentlich von Caddy für ihre Tochter bestimmt waren, durchgebrannt ist und dieser erfolglos nach ihr sucht.
Rein inhaltlich kann man das Buch nur gelungen nennen. Der Absturz der Familie in allmähliche Verwahrlosung wird überzeugend und nachvollziehbar geschildert und sehr meisterlich herausgearbeitet. Da merkt man natürlich, dass hier ein Meister seines Faches am Werk war, von dem man auch eine anspruchsvolle Schreibweise erwartet. Die wurde in „Schall und Wahn“ jedoch leider auf die Spitze getrieben. Man muss sich durch die Hälfte des Buches kämpfen, denn erst ab Kapitel 3 versteht man wirklich etwas von der Handlung und Spannung stellt sich ein. Der oft inhaltlich angeführte Vergleich zu Thomas Manns „Buddenbrooks“ bietet sich auch hier in Bezug auf die Erzählweise an, denn auch dieses Werk bietet eine anspruchsvolle Handlung gepaart mit einem gelungenen Schreibstil, kann dabei aber bereits ab Seite 1 unterhalten und ist verständlich, was Literatur in meinen Augen schließlich auch bieten sollte, weshalb ich die „Buddenbrooks“ für deutlich gelungener halte als „Schall und Wahn“, was man nun gern auf mich als nicht gehobenen Leser schieben darf. Ich bin gern für gehobene Literatur, deren Sinn und Zweck sich einem erst allmählich erschließt und bei der auch der Leser mitdenken muss, doch wenn man die Hälfte des Buches zunächst kaum versteht, ist dies in meinen Augen zu viel des Guten, weshalb ich die Lektüre des Buches nicht uneingeschränkt empfehlen kann und etwas enttäuscht zurückblieb.

Fazit

Inhaltlich überzeugt „Schall und Wahn“ auf ganzer Linie, der Niedergang der einst erfolgreichen Familie und die Konflikte innerhalb der Familie werden großartig herausgearbeitet. Kritisieren muss ich die Erzählweise, die den Leser lange Zeit überfordert und das Verstehen der Handlung enorm erschwert, weshalb ich jedem interessierten Leser empfehlen würde, sich die Lektüre des Buches reiflich zu überlegen.

3 von 5 Punkten

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