Montag, 22. Juli 2013

Rezension: Planetenwanderer (George R.R. Martin)

Heyne
Klappenbroschur, 512 Seiten
ISBN: 978-3-453-31494-8
14,99 €

Ein kurzer Einblick

Das Weltall ist kolonisiert. Die Menschheit hat sich auf unzählige Systeme ausgebreitet. Der blaue Planet wird als »alte Erde« bezeichnet und deren einstige Bewohner sind im Staube verweht. Der interplanetarische Händler Haviland Tuf erwirbt eines der uralten Saatgutschiffe des vergangenen Volkes. Er erlangt Ruhm und Reichtum, doch viele Gefahren liegen auf seinem Weg von Planet zu Planet ...

Bewertung

»Planetenwander« ist ein Episodenroman, der Novellen aus den Jahren 1976 bis 1985 enthält. Die Storys werden lose durch den Protagonisten Haviland Tuf zusammengehalten und erzählen Ereignisse von Tufs Reisen durch den Weltraum. Haviland Tuf ist ein galaktischer Händler, der in »Der Seuchenstern« Plastikreproduktionen cooglianischer Orgienmasken erfolglos verkauft. Glücklicher Umstände dankend, gelangt Tuf an die Arche: ein 30 km langes Saatgutschiff der Erdföderalen. Fortan nennt er sich Ökoingenieur.
Sein äußeres Erscheinungsbild hebt sich von allen Spezies ab. Für einen Menschen ist er mit den 2,50 Meter groß gewachsen. Seinen Kopf krönt eine Glatze, ein Wanst lässt ihn behäbig erscheinen. Tufs Hautfarbe ist von einem krankhaften Weiß gekennzeichnet. Als Einzelgänger, Pilz- und Katzenliebhaber ist er egoistisch veranlagt und legt ein arrogantes Verhalten an die Tagesordnung. Von Berührungen sei redlich abgewiesen denn Hautkontakt ist ihm zuwider. Für sein Kommunikationsvermögen (Tuf wurde attackiert) lasse ich ein Zitat sprechen:
»‚Es dürfte Weise sein, die Fragmente dieser Flasche loszulassen. Mir scheint, dass Ihre Hand voller Glas und Blut und diesem besonders ungesundem Gebräu ist, und ich hege ernste Zweifel, dass diese Kombination Ihrer Gesundheit zuträglich sein wird.‘« (aus: »Nennt ihn Moses«)
Die Umsetzung der Geschichten ist nicht mehr zeitgemäß. Kann ja auch nicht, wenn die Storys älter als 30 Jahre sind. Und doch besitzen George R.R. Martins Erzählungen eine Zeitlosigkeit, die fasziniert - zumindest im Vergleich zu vielen anderen SF-Storys, die drastisch naiver in ihrer Vorstellungskraft gehalten wurden. Völker, Planeten, Systeme ... Haviland Tuf kommt viel herum. Leider erfährt man zu wenig über das Universum, damit es sich als Kopfkino in aller Deutlichkeit entfalten könnte. Science-Fiction und  Technik gehen logischerweise Hand in Hand. Ohne Technik, keine Raumschiffe. Ohne Raumschiffe keine Reisen durch den Weltraum. George R.R. Martin offenbart keinerlei Geheimnisse. Einzig und allein die Episoden werden erzählt. Was z.B. das föderale Imperium oder das ökologische Ingenieurskorps einst waren, bleibt ein Rätsel, obwohl gerade diese Begriffe von wichtiger Bedeutung sind.
So einfach, wie die Hintergrundinformationen gehalten sind, laufen auch die Plots nach Schema F ab. Haviland wird angeheuert. Haviland nimmt den Auftrag an. Haviland löst das Problem mit - nun, der übermächtigen Arche, Allheilmittel sämtliche Lösungen. Die Ideen der einzelnen Geschichten lockern das steife Gerüst etwas auf und Tufs Charakter ist durch seine stoische und egoistische Ader immer wieder für einen Schmunzler wert - was vor allem der Reaktion seines Gegenübers geschuldet ist.

Der Seuchenstern
Der Planet Hro B’rana wird in jeder dritten Generation von Seuchen heimgesucht, der Großteil der Spezies auf dem Planeten erliegt den Krankheiten. Eine Gruppe Abenteurer hegt den Verdacht, dass es bei dem Seuchenstern um ein vergessenes Raumschiff der Erdföderalen handeln könnte; ein Kriegsschiff zur biologischen Kriegsführung. Sie heuern Haviland Tuf an, der sie zum Seuchenstern fliegen soll. Geldgier sät Misstrauen unter ihnen und alles läuft aus dem Ruder ...

Brot und Fische
Haviland Tuf, nun im Besitz der Arche, fliegt in das System S’uthlam ein, um das uralte Kriegsschiff generalüberholen zu lassen. Der Planet S’uthlam leidet unter einer bevorstehenden Hungersnot, die der hemmungslosen Fortpflanzung der S’uthlamesen geschuldet ist. Die Regierung sieht die Lösung jeglicher Probleme in Tufs Schiff »Arche«.

Wächter
Der Planet Namor wird erst seit Kurzem von Siedlern bevölkert. Flora und Fauna verhielten sich über Jahrzehnte friedlich, bis plötzlich unzählige Monster aus den Tiefen der Meere über die zahlreichen Inselgruppen herfielen und ganze Städte der Siedler überrannten, Handelsrouten zerstörten ... Tuf geht dem Monsterphänomen auf den Grund und entdeckt ein Geheimnis, dass das Leben der Siedler auf den Kopf stellen soll.

Die zweite Speisung
Haviland Tuf kehrt nach S’uthlam zurück, um die erste Hälfte seiner Schulden zu begleichen. Tufs damalige Hilfsaktion zur Verbesserung der Kaloriengewinnung und der Entgegenwirkung einer Hungersnot waren erfolgreich. Die Bevölkerungskurve jedoch steigt exponentiell an und sabotiert Havilands Maßnahmen. Tuf hilft abermals, aber unter Bedingung, dass er live auf einer Pressekonferenz sprechen darf. Seine erneuten Veränderungen im Ökosystem schmeckt vielen nicht und Tuf muss fluchtartig S’uthlam verlassen.

Eine Bestie für Norn
Herold Norn ist Bestiendompteur. Die einzige Einnahmequelle der Häuser auf seinem Planeten sind die Arenen und die Kämpfe der Ungeheuer. Wer die besten Kreaturen in den Kampf schickt, erhält Rum und Wohlstand. Das Haus Norn kämpft erfolglos und bittet Tuf um Hilfe. Er soll ein Monster erschaffen, dass alle anderen Kreaturen der anderen Häuser besiegen kann. Als Händler spielt Tuf die Häuser gegeneinander aus.

Nennt ihn Moses
Jaime Kreen, greift Tuf in einer Bar tätlich an. Er beschuldig Haviland des Regierungssturzes auf dem Planeten Charity schuldig zu sein. Eine Sekte hat die Macht übernommen. Moses, Anführer der Sekte, ließ die Plagen Gottes über die Bevölkerung kommen. Tuf, mit dem biologischen Kriegsschiff mit unermesslicher Macht ausgestattet, zeigt Moses, zu was er fähig ist ... wer der wahre Gott ist.

Manna vom Himmel
Ein letztes Mal kehrt Haviland Tuf nach S’uthlam zurück, um die zweite Hälfte der Schulden zu begleichen. Als er dort eintrifft, muss er feststellen, dass ein Krieg zwischen S’uthlam und dem angrenzenden System ausgebrochen ist. S’uthlams Nachbarn befürchten eine Kolonisierung ihrer Planeten, da S’uthlam die Überbevölkerung nicht in den Griff bekommt. Tuf sieht sich erneut in der Position die Hungersnot zu verhindern.

Fazit

»Planetenwanderer« glänzt mit einem starken, charakterlich ausgeprägten Antihelden, verliert aber viel Charme durch immer gleiche Handlungsabläufe. Spannend mag es sein, welche Geheimnisse Haviland Tuf dem Saatgutschiff Arche entlockt, als Lösung aller Probleme ist es zu übermächtig: Tuf drückt ein paar Knöpfe und Problematiken lösen sich auf. »Planetenwander« hinterlässt somit ein gemischtes Leseerlebnis, das trotz der Schwächen positiv im Gedächtnis zurückbleibt.

3,5 von 5 Punkten

Kommentare:

  1. Ich habe vor kurzem den Sci-Fi-Roman "Die Flamme erlischt" von George R. R. Martin gelesen, habe ihn jedoch wieder abgebrochen (bei der Hälfte etwa), da er sehr langatmig war und die Story nicht zu Potte kam. Ich hoffe, das ist kein typisches Merkmal seines Stils, da ich mich sonst leider auch nicht an andere Werke von ihm heranwagen würde.

    Liebe Grüße,

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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    1. Hi Erina,

      George R. R. Martin erzählt jedenfalls sehr gerne und ausführlich. Bisher habe ich nur kürzere Werke von ihm gelesen (Kurzgeschichten und eine Novelle). Wie flott sich seine Romane lesen, kann ich gar nicht sagen. Da muss ich mich selbst noch überraschen lassen. Ich habe mir ja für dieses Jahr fest vorgenommen sein Epos "Game of Thrones" anzufangen. Da Martin "Die Flamme erlischt" 1977 veröffentlicht hat, es ist sogar sein allererster Roman, bin ich aber mal guter Dinge, dass sein Stil sich verbessert hat :-)

      Beste Grüße
      Benjamin

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