Dienstag, 30. Juli 2013

Rezension: Marie Antoinette (Stefan Zweig)

S. Fischer Verlag
Taschenbuch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-596-90360-3
8,00 €

Ein kurzer Einblick

In diesem 1931 erschienenen Werk über die französische Königin Marie Antoinette zur Zeit der Französischen Revolution schildert Stefan Zweig sein Bild ihrer Person und ihres Charakters, die seit jeher in der historischen Forschung sehr umstritten wahrgenommen wurden. Zweig zeigt sie als einen mittleren Charakter, der an einer ruhigen Lebensform interessiert war, gern im Hintergrund blieb und sich gegen welthistorische Verantwortungen sträubte. Damit stand sie jedoch im Spannungsverhältnis zu den dramatischen politischen Ereignissen ihrer Zeit, die von ihr eine bedeutende und aktivere Rolle forderten, für die sie über sich selbst hinauswachsen musste…

Bewertung

Das Buch konnte mich fast komplett auf ganzer Linie überzeugen. Man erhält eine unterhaltsame, gründlich recherchierte Biographie, die zusätzlich mit einem sehr hohen sprachlichen Niveau überzeugt, was man leider viel zu selten liest. Viele heutige Biographien sind inhaltlich selbstverständlich auch enorm gelungen und in vielen Punkten auch besser als Zweigs, der schließlich kein Historiker war, aber sprachlich kommen selten welche an dieses Niveau heran. Auch kann man ihm für einen Nichthistoriker, was das Handwerkliche angeht, durchaus ein positives Zeugnis ausstellen. Er geht auf die vorhandenen Quellen ein, zeigt insbesondere im Nachwort noch, wie diese durch die wechselnden politischen Begebenheiten gefärbt sind und dass man sie aus diesem Grund auch immer vor dem Hintergrund der Abfassungszeit deuten muss. Insbesondere stellt er eindrucksvoll dar, wie sich dadurch auch das Bild, das man sich von Marie Antoinette gemacht hat, immer wieder unter den sich wandelnden politischen Verhältnissen änderte. Ebenso schildert er im Nachwort das Problem von vielen gefälschten Briefen von Marie Antoinette und in ihrem Umfeld, die eine Erforschung ihrer Person oftmals erschweren. Trotz dieser quellenkritischen Arbeit darf man aber nicht vergessen, dass man bei diesem Werk kein wissenschaftliches Buch vorliegen hat. Es ist absolut lesenswert, wenn man sich mit Marie Antoinette beschäftigen möchte, es unterhält von Seite 1 bis zum Ende und ist, wie gesagt, sprachlich herausragend. Doch wer nach sicheren Fakten, was das Leben von Marie Antoinette angeht, sucht, muss das Buch in einigen Punkten mit Vorsicht behandeln. Es ist, wie jede Biographie natürlich, bloß ein Bildnis der Königin, eine Interpretation ihrer Person, die Zweig aufzeigt. Er deutet Marie Antoinette als mittleren Charakter, der sich mit Vergnügungen aufhielt, sich so gut wie gar nicht um die Sorgen der französischen Bevölkerung kümmerte, in Saus und Braus lebte, während das Volk hungern musste und dem diese Gegensätze oder ihre Unrechtmäßigkeit gar nicht bewusst wurden, der eben durch das Gottesgnadentum auf seinem rechtmäßigen Posten eingesetzt wurde und sich seiner Verantwortung, die mit dieser Position einhergeht, völlig entzog. Erst durch die Französische Revolution und die Anforderungen, die diese an Marie Antoinette stellte, entwickelte sie sich nach Zweigs Ansichten zu einer sich ihrer Verpflichtung bewusst werdenden Frau, die die Fähigkeiten, die in ihrem mittleren Charakter untätig schlummerten, endlich herausholte und durch ihre Tragödie über sich hinaus wuchs. Diese Charakterstudie, die Zweig betreibt, überzeugt in vielen Punkten, seine Interpretationen klingen meist schlüssig, man erhält das Gefühl, Marie Antoinette sehr nahe zu kommen, ihr Wesen psychologisch genau zu erfassen, muss sich aber immer wieder bewusst machen, dies ist eine Deutung von Zweig, die nicht völlig ihrem wahren Charakter gerecht werden kann. So stießen auch einige seiner Deutungen immer wieder bei der Forschung auf Kritik, insbesondere seine Annahme, die Ehe von Marie Antoinette und Ludwig XVI. sei sieben Jahre lang sexlos geblieben, was einen enormen Einfluss auf die Dynamik ihrer Beziehung gehabt habe, was sicherlich heute nicht mehr geklärt werden kann und wo man als Leser auch nicht sicher entscheiden kann, wer nun mit seiner Deutung Recht hat. Aber man sollte beim Lesen zumindest im Hinterkopf behalten, dass Zweig sich in einigen Punkten nicht an die vorherrschende Forschungsmeinung hält.
Zusätzlich erhält man auch einen guten Einblick in die Entwicklung der Französischen Revolution, auch einmal von der anderen Seite sozusagen, da man im Schulunterricht ja meistens die Sicht des Volkes kennen lernt, insbesondere auch ihre negative Entwicklung hin zum Terror, zur Korruption. Zweig zeigt sehr abgewogen beide Seiten, das Volk und den Hof, zeigt auf, wie beide Parteien Unrecht getan, aber eben auch gelitten haben. Für geschichtlich Interessierte lohnt sich die Lektüre demnach auf jeden Fall auch. Es hilft aber ungemein, wenn man sich mit der damaligen Zeit bereits ein wenig auskennt, da zwar einige wichtige Aspekte und Personen erläutert werden, bei vielen Punkten aber auch einiges an Vorwissen vorausgesetzt wird.
Zwei kleine Kritikpunkte habe ich dann noch anzumerken: zum einen stören einige Absätze in Französisch, die nicht übersetzt wurden, ein wenig, wenn man wie ich die Sprache nicht beherrscht, und zum anderen wird das Ende des Buches etwas konfuser, man kann der Handlung nicht mehr so gut folgen wie auf den ersten 400 Seiten des Buches, was aber auch zum großen Teil sicherlich an den ständig wechselnden Begebenheiten während der Französischen Revolution lag, die es deutlich erschwerten, den Überblick zu behalten.

Fazit

Ein durch und durch gelungenes Werk, das sehr eindrucksvoll und psychologisch tiefgehend den Charakter der französischen Königin Marie Antoinette herausarbeitet und dazu durch sein sprachliches Geschick absolut überzeugt. Wenn man es als das nimmt, was es ist, nämlich eine Deutung der Person Marie Antoinettes, kein wissenschaftliches Buch, erhält man herausragende, fesselnde und informative Unterhaltung, die ich jedem wärmstens ans Herz legen kann.

4,5 von 5 Punkten

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