Sonntag, 28. Juli 2013

Rezension: Das letzte Kind im Wald (Richard Louv)

Herder
Kartoniert, 360 Seiten
ISBN: 978-3-451-06521-7
12,99 €

Kurzer Einblick

„Die Wälder waren mein Ritalin“ ist eine Aussage von Richard Louv, Autor des Buches „Das letzte Kind im Wald“. In diesem Buch geht Louv dem Mythos Wald und Kind auf den Grund, von welchem sich die heutige Gesellschaft immer mehr entfernt. Kinder spielen eher in gesellschaftlich geschaffenen Spielwelten als in einem Park oder auf einem Spielplatz. Sehr häufig sind sie auch in der virtuellen Welt zu finden. Der Wald als Ort, um die Phantasie auszuleben, ist schon fast zum Mythos geworden....

Bewertung

Das Buch beschäftigt sich mit dem Thema Natur und Kinder. In welcher Art tut Kindern die Natur gut, kann sie helfen und heilen? Das Selbstbewusstsein stärken? Auf Gefahren hinweisen und sie vermeiden? Kann sie aus uns einen besseren Menschen machen?
Die Natur kann vielen auch das ein oder andere Wunder vollbringen. Richard Louv beschäftigt sich ausführlich damit, wie Kinder Natur erleben. Dabei ist für ihn nicht die Aneignung von Wissen über die Natur zentral, sondern die am eigenen Leib gemachten Erfahrungen. Das Buch und die Erfahrungen Richard Louvs beziehen sich auf Amerika, sind aber durchaus teilweise auch mit Deutschland zu vergleichen.

„Ich spiele lieber drinnen, weil da die ganzen Steckdosen sind“. Paul, Viertklässler aus San Diego

Kinder scheinen sich in zwei Lager gespalten zu haben. Es gibt Kinder, die durchaus noch ihre Kreativität in der freien Natur ihren Lauf lassen, andere leben voll und ganz die Urbanisierung.  Louv beschreibt Barrieren, die die Kinder daran hindern, hinaus in die Natur zu gehen. Manche haben einen vollgepackten Zeitplan, der ihnen nur wenig freie Zeit lässt, andere ziehen lieber ihre Lieblingssendungen im Fernsehen der Natur vor.  Ein anderer großer Faktor ist auch die Ängstlichkeit der Eltern, die sich nicht wohl dabei fühlen, wenn ihr Kind alleine den Wald erkundet.
Ein anderes Problem sind die gesellschaftlichen Grenzen, die den Kindern gesetzt werden. John Rick, ein Mathelehrer, erinnert sich, dass er in der Zeitung eines Tages von „illegaler Nutzung öffentlicher Flächen“ las. Baumhäuser wurden als Brandgefahr gesehen und der selbstgebaute Damm konnte Überschwemmungen verursachen. Den Kindern wurde ein Teil der Natur, auf der sie sich ausleben konnten, weggenommen.
Dieses und noch andere Beispiele führt Louv auf, um deutlich zu machen, wie sich das freie Spiel in der Natur verändert hat. Wenn man mal genauer darüber nachdenkt, dann ist das, was man selbst in der Kindheit getan hat, heute nicht mehr unbedingt erlaubt.
Als ich das Buch gelesen habe, ist mir selbst aufgefallen, wie sich mein Verhältnis zur Umwelt verändert hat. Zwar gehe ich, bedingt durch meinen Hund, viel raus und streife auch immer wieder auf anderen Wegen lang, aber ich erlebe die Zeit nicht mehr so intensiv wie als Kind. Auch würde ich mich heute nicht mehr in einen Fluss knien und schauen, ob Würmer in den Algen leben. Das sind Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit gemacht habe und heute nicht missen will. Aber machen Kinder, immerhin sind schon wieder 20 Jahre vergangen, heute ähnliche Erfahrungen? Louv stößt uns darauf, dass diese Erfahrungen für uns wichtig waren und auch heute noch für Kinder wichtig sind. Kinder, die sich abgeschottet haben und hinter Vorhängen über ihrem Computer sitzen, soll gezeigt werden, dass es noch andere Sachen zu erkunden gibt.
Am Schluss des Buches gibt Louv Tipps, jeweils an verschiedene Adressaten, wie man Kindheit und Natur mehr fördern kann. Hierbei wurde auch darauf geachtet, dass die Tipps auch in Deutschland ausführbar sind und es sind deutsche Internet-Seiten angegeben.
Als Louv über Abenteuerspielplätze und Wildnis in der Stadt schrieb, gab es ein kleines Zwischenkapitel über die deutschen Begebenheiten. Sehr interessant war es, über die Waschbären zu lesen, die ja eigentlich bei uns nicht heimisch sind, sich nach einem Ausbruch aus einem Tiergehege, aber trotzdem in einer gehörigen Population bei uns in den Städten angesiedelt haben. Hier ist ein Teil der  vermeintlichen Wildnis zu uns in die Staft gekommen.

Fazit

„Das letzte Kind im Wald“ hat mich viel über die Natur nachdenken lassen. Wie habe ich sie früher genutzt, wie nutze ich sie jetzt und wie nutze ich sie in meiner Arbeit als Sozialpädagogin. Einfach mal weglesen kann man das Buch nicht, man hält nach den Kapiteln inne und überdenkt viele Sachen noch einmal. Auch wenn das Buch von einem Amerikaner geschrieben wurde, die teilweise eine ganz andere Landschaft als wir haben, kann man vieles auf unser Gebiet mit ein bisschen umdenken anwenden.
Ein tolles Buch für alle Naturinteressierte und diejenigen, die es wieder werden wollen und sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchten.

4,5 von 5 Punkten

Wir danken dem Verlag Herder für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

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