Dienstag, 4. Juni 2013

Rezension: Quantum (Hannu Rajaniemi)


Piper
Klappenbroschur, 432 Seiten
ISBN 978-3-492-70193-8
16,95 €

Ein kurzer Einblick

Jean le Flambeur ist durch seine Verbrechen im gesamten Sonnensystem als Meisterdieb bekannt. Er hat nur ein Problem, er kann sich an keine seiner Taten erinnern. Was führte zu diesem Gedächtnisverlust? Und warum saß er im Gefängnis, bis ihn die schöne und geheimnisvolle Kriegerin Mieli aus seiner Gefangenschaft befreite? Auf dem Mars soll der Meisterdieb seine Antworten finden. Doch gerade dort werden Verbrechen am härtesten bestraft, denn die kostbarste Währung der Menschen ist ihre Lebenszeit. Jean le Flambeur steht also vor keiner leichten Aufgabe…


Bewertung

Hannu Rajaniemi hat mit seinem Hauptschauplatz auf dem Mars eine sehr futuristische Welt geschaffen. Allein die Tatsache, dass die Menschen dort mit Lebenszeit bezahlen, ist zum einen überaus spannend und gleichzeitig beängstigend. Wer den Film „In Time – Deine Zeit läuft ab“ gesehen hat, wird einige Parallelen zu „Quantum“ feststellen. Denn auch hier gibt es zwei Hauptprotagonisten, welche nach anfänglichen Schwierigkeiten zusammenfinden. Jedoch enden Jean le Flambeur und Mieli nicht als Liebespaar, sondern gehen eher eine kämpferische Zweckgemeinschaft ein, welche mit freundschaftlichen Zügen gekennzeichnet ist.

Rajaniemi hat aber auch wichtige Nebenfiguren geschaffen, die hervorragend und tiefgründig ausgearbeitet sind. Isidore Beautrelet, um nur ein Beispiel zu nennen. Er wird uns als angehenden und vielversprechenden Detektiv vorgestellt, der, so mag man durchaus berechtigt vermuten, den Gegenpart zum Meisterdieb übernehmen soll. Doch ist Isidore noch viel mehr als ein klassischer Held und mit dem Dieb auf eine Weise verbunden, die man erst im Laufe des Romans so langsam zu erahnen beginnt. Es kommt selten vor, dass wirklich alle Charaktere mit reichlich Ecken und Kanten daherkommen. Gerade dadurch macht deren Zusammenspiel in diesem Roman aber richtig Spaß und lassen die zahlreichen Nebenschauplätze nicht überflüssig erscheinen. Sie reihen sich vielmehr positiv in den roten Faden der Geschichte ein.

Wer jetzt aber auf eine leichte Diebes-Detektiv-Geschichte hofft, die wie zahlreiche andere Science-Fiction-Geschichten einfach nur in der Zukunft spielt, wird schnell enttäuscht sein. Der Autor hat mit seinem Erstlingswerk nämlich hohe Ansprüche an seine Leser gestellt, weshalb man es auch als schwere Kost bezeichnen kann. Er wirft sie regelrecht in eine Welt von unbekannten Begrifflichkeiten, bizarren Kampftechniken und nahezu unvorstellbaren Szenarien. Und das alles, ohne je ein erklärendes Wort abzugeben. Kein Anhang oder ähnliches hilft dem Leser aus seiner Unwissenheit, wobei er sich Begriffe wie Zoku, Zaddikim, Gevolut und viele weitere durch aktives Mitdenken im Laufe der Geschichte noch selbst erklären kann.

Anders sieht es jedoch mit Quantenpunkt-Fäden, Quantenverschränkung, Qubit, Quarks, Nanomaterie etc. aus. Wenn man als Leser nicht gerade geneigt ist, während der Lektüre all diese Begriffe nachzuschlagen, oder wie der Autor selbst ein Experte in Sachen Stringtheorie ist, leuchten beim Lesen regelmäßig dicke Fragenzeichen auf. Hier besteht die Gefahr, dass man „Quantum“ frustriert weglegt. Ich finde jedoch, dass gerade diese Mischung aus anspruchsvoller Wissenschaft und spannender Fiktion diese Geschichte wirklich einzigartig macht und es sich lohnt, bis zum Ende durchzuhalten. Denn eine Science-Fiction-Geschichte zum Mitdenken gibt es in der heutigen Zeit leider nicht so häufig, so dass man Hannu Rajaniemi zu diesem mutigen Roman wirklich gratulieren kann.

Dieser hat sich für das Ende auch etwas richtig Nettes einfallen lassen: Gerade als man denkt, ein klassisches offenes Ende vor sich zu haben, das eine Fortsetzung verspricht, wird man als Leser mit einem Nachschlag fast überrumpelt, der mich sehr an „Matrix“ erinnert hat.

Fazit

Eine Vergangenheit die wiedergefunden werden will, Intrigen, Gedankenmanipulation und spannende Detektivgeschichten sind die Grundpfeiler dieser Science-Fiction-Geschichte. Wer sich zudem nicht von dieser bizarren Welt abschrecken lässt und ein Buch sucht, wo man als Leser auch mitdenken kann und sogar muss, der ist bei „Quantum“ genau richtig. Allen anderen sei eher davon abzuraten, da gerade die ungewohnten Begriffe sehr schnell Frustration auslösen können.

4,5 von 5 Punkten

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