Montag, 10. Juni 2013

Rezension: Hans Scholl - Biographie (Barbara Ellermeier)

Hoffmann und Campe
Gebundene Ausgabe, 429 Seiten
ISBN: 978-3-455-50244-2
24,99 €

Ein kurzer Einblick

Die Mitglieder der Weißen Rose – eine Gruppe Münchner Studenten – sind neben dem Kreis um Graf von Stauffenberg die bekanntesten Widerstandskämpfer aus dem Dritten Reich. Dabei hat sich sowohl die wissenschaftliche als auch öffentliche Beschäftigung mit dieser Gruppierung seit jeher fast ausschließlich auf die Geschwister Scholl, Hans und Sophie, fokussiert, wobei Sophie meist im Vordergrund des Interesses stand, obwohl ihr Bruder gemeinsam mit Alexander Schmorell die Widerstandsgruppe gründete und ihr eigentlicher Kopf war. Seit 2005 wurde sehr viel aus dem Nachlass von Hans Scholl für die Forschung freigegeben. Aus diesen neu zugänglichen Quellen und bereits vorhandener, unzähliger Sekundärliteratur zur Weißen Rose schuf Barbara Ellermeier diese erste, sich bloß auf Hans konzentrierende Biographie, die uns diesen jungen Studenten und seine Gedankenwelt näher bringen und ihn somit auch aus dem Schatten seiner Schwester holen soll.

Bewertung

Barbara Ellermeier beginnt ihre Biographie erfrischenderweise nicht typisch mit der Geburt, dem Elternhaus, den Geschwistern und der Kindheit von Hans Scholl, sondern setzt direkt im Jahr 1937 ein, als der 19jährige wegen Fortsetzung der bündischen Jugend in Haft sitzt. Hinweise auf seine Familie und seine Kindheit werden in der Folge immer wieder gegeben, aber bloß am Rande erwähnt. Im Fokus steht eher die Verhaftung und ihre Auswirkung auf Hans´ Leben und Denken. Darauf werden in neun weiteren Kapiteln Stationen seines Lebens bis zum Tod im Februar 1943 behandelt. Wir erhalten Einblick in seine familiären Beziehungen, Verbindungen zu Frauen, Freundschaften, Auseinandersetzungen mit philosophischen und theologischen Schriften, seine Zeit beim Militär, seine Fronteinsätze und sein Medizinstudium in München, außerdem in seine innere Reifung, seine Suche nach Wahrheit, seinen Weg vom Fähnleinführer in der Hitlerjugend bis hin zum Regimegegner und Widerstandskämpfer.
Dem zuletzt genannten Punkt wird verständlicherweise sehr viel Platz eingeräumt. Im Zentrum steht seine geistige Entwicklung bis hin zum Gegner des Naziregimes. In diesem Zusammenhang wird im vorderen Klappentext des Buches die Prämisse vorangestellt, diese Biographie setze an die Stelle alter Legenden solide neue Fakten, was die Autorin in meinen Augen aber auch tatsächlich größtenteils erfüllt. Alte vorherrschende Forschungsmeinungen werden meist kritisch hinterfragt und mit Hilfe der neu zugänglichen Quellen auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft, wie etwa die Frage, ab wann sich Widerstand in Hans gegen das Naziregime regte. Äußerungen von Hans aus dem Jahr 1939 wurden oftmals in diese Richtung hin gedeutet, doch weisen die Quellen wirklich darauf hin? Wird er nicht später erst zum Kritiker, der sich zunächst mehr auf sein eigenes Leben konzentriert und eher die Einschränkungen durch den Staat und das Militär tadelt, die sein Studentenleben kontrollieren, seine Freiheit beschränken und durch die Fronteinsätze sein Studium stark behindern?
Man erhält auf jeden Fall einen sehr tiefen Einblick in die Person Hans Scholl, der man durch die Biographie sehr nahe kommt. Die meisten Schilderungen und Einschätzungen seiner Person kann man sehr gut nachvollziehen, was durch die häufige Nutzung von Quellen enorm verstärkt wird, da Hans selbst vielfach zu Wort kommt. Ich hätte mir jedoch zum Teil eine intensivere Behandlung der anderen Mitglieder der Weißen Rose gewünscht, auch wenn sie natürlich nicht zum Hauptgegenstand des Buches gehören. Insbesondere ist die Schilderung von Sophie ab und zu zu kurz gekommen, fast so, als ob die Autorin diese absichtlich „kleiner“ machen wollte, um bloß nicht in die üblichen Muster zu verfallen und Hans wieder in den Schatten seiner Schwester zu stellen.
Des Weiteren wurde für mein Empfinden zu stark auf die wechselnden Freundinnen von Hans Scholl eingegangen. Selbstverständlich gehören diese zu einer Biographie über Hans dazu und helfen, seine Persönlichkeit, insbesondere einige Schwächen, besser kennen zu lernen, doch zum Teil übernahmen die Schilderungen seiner Beziehungen doch zu sehr die Überhand. Am Ende des Buches erhält man einige weiterführende Literaturhinweise, wenn man sich noch intensiver mit der Weißen Rose beschäftigen möchte. Generell kann man noch sagen, dass Vorkenntnisse zu dieser Gruppe und zum Nationalsozialismus sicherlich bei der Lektüre nicht schaden, aber auch nicht nötig sind. Das Buch ist auch für den an Geschichte interessierten Leser, nicht nur für Wissenschaftler verständlich geschrieben. Auch ist es über lange Strecken sehr fesselnd verfasst und keinesfalls ein trockenes, theoretisches Buch. Außerdem erhält man stets Einblicke in die Ereignisse der Zeit, erfährt, was politisch in Deutschland und dann auch in Europa während des Zweiten Weltkrieges los war, so dass man Hans´ Entwicklung auch vor dem Kontext seiner Zeit einordnen kann.

Fazit

Eine sehr gut geschriebene und recherchierte Biographie über Hans Scholl, die unter der Berücksichtigung neu zugänglicher Quellen sein Leben und seine Entwicklung zum Widerständler gegen das Naziregime nachvollziehbar und einfühlsam schildert und ihm endlich die Bedeutung zukommen lässt, die er aufgrund seiner Führungsrolle innerhalb der Weißen Rose längst verdient gehabt hätte, und die den Leser sehr nachdenklich und mitfühlend ob dieser moralischen Größe ihres Protagonisten zurücklässt.

4,5 von 5 Punkten

1 Kommentar:

  1. Liebe Kim, haben Sie vielen Dank für Ihre Einschätzung zu meinem Buch.

    Wen die neuen Quellen interessieren, die ich für die Hans-Scholl-Biographie ausgewertet habe: Hier kann man den Anmerkungsband erhalten: http://barbaraellermeier.de/hans-scholl/

    Herzlich, Barbara Ellermeier

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