Sonntag, 23. Juni 2013

Rezension: Die Treppe im See (Ronald Malfi)

Voodoo Press
Taschenbuch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-902802-16-3
12,95 €

Ein kurzer Einblick

»Westlake« hütet ein finsteres Geheimnis. Als der Horrorschriftsteller Travis Glasgow in ein idyllisch gelegenes Haus am See zieht, ahnt er nicht, dass Geister seine Träume plagen sollen, dass die dramatischen Erinnerungen seiner Kindheit erneut ans Tageslicht gezerrt werden. In einem Zustand des Wahns und der Depression ergründet er den schaurigen Vorfall des vor einem Jahr verschwundenen Jungen. Ist es ein Verbrechen oder sind gar mysteriöse Kräfte am Werk?

Bewertung

Travis Glasgow ist ein Mann mit erschütternder Kindheit. Von wiederkehrenden Alpträumen geplagt, einem tiefgehenden Hang zur Depressivität und Schuldzuweisung neigend, flüchtet er sich in seine Horrorromane. Seine Bücher zeichnet ein durchgehendes Motiv aus: ein grausames Verbrechen, das stets im Zusammenhang mit Wasser steht. Mit wachsender Popularität seiner Geschichten wächst der Erfolgsdruck. Ein Umzug nach Maryland in die idyllisch gelegene Kleinstadt »Westlake« soll die Schreibblockade lösen. Doch das düstere Geheimnis »Westlakes« stürzt Travis in eine tiefe Depression und einen Wahn, der ihn blind nach der Wurzel des Unglücks graben lässt.
Glasgows Romane und »Die Treppe im See« (Original: »Floating Staircase«) haben eines gemeinsam: Das Motiv. So ist es nicht verwunderlich, dass Travis aktuelles Manuskript eben jene Story ist, die wir just lesen. Die mysteriös-bedrückenden Gedanken aus der Feder Travis‘ plagen ihn selbst, spiegeln seinen Gemütszustand auf eine Art und Weise wieder, wie sie tiefgreifender kaum zu Papier gebracht werden kann. Romanrealität - jene Realität, die wir lesen - und die Wirklichkeit aus Glasgows Erzählungen verschwimmen. Verfolgen wir den Schreibprozess eines fiktiven Romans oder passiert all das wahrhaftig?

Travis Glasgow nimmt den Leser mit auf einen Rausch in die Abgründe des seelischen Schmerzes und der Vergangenheitsbewältigung. Die Jagd nach den dunklen Geheimnissen »Westlakes« endet in einer Manie, die den Narrator erst loslässt, als jedes Rätsel ans Tageslicht gezerrt ist. Da die Erzählstimme zugleich die Stimme Travis Glasgows ist, wird eine Gefühlsintensität erzeugt, die unglaublich nah am Charakter ist. Ronald Malfi hauchte dem Protagonisten nicht nur Leben ein, er schenkte ihm eine Seele. So wie wir mit Travis mitleiden und mitfühlen, so sehr hassen wir ihn auch für seinen Wahn, seine Besessenheit das Mysterium des verschwundenen Jungen »Westlakes« zu lüften. Gleichermaßen können wir ihn ein bisschen verstehen ... folgen dem eingeschlagenen Weg, der in einer (mentalen) Katastrophe ungeahnten Ausmaßes enden muss. Die Gedanken Travis‘ sind eine Qual, ein Unverständnis des menschlichen Verhaltens. Wohin treibt einen Menschen eine derartige Depression? Wie tief hinab reichen die geistigen Abgründe, die einen Menschen nicht zerbrechen?
Mit unvergleichlicher Ezählkraft und intensivem Erzählstil wird Vergangenheit und Gegenwart verwoben. Glasgows Kindheit verfolgt ihn bis in das Hier und jetzt. Vergleiche zu den aktuellen Geschehnissen werden gezogen, die alte Wunden aufbrechen lassen. Seine manische Suche nach dem verschwundenen Jungen löst nicht nur ein erneutes seelisches Tief aus, sondern darf zugleich als Therapie wahrgenommen werden. »Die Treppe im See« ist ein Meisterwerk, ein Mystery-Psychothriller, der unter die Haut geht.
»Es heißt, die Natur kenne kein Aussterben - wenn man einmal gelebt habe, existiere man ewig, und zwar jeder einzelne Teil des Selbst, ob gesondert oder als Ganzes mit allen anderen. Mag eine dicke Staubschicht auf der Menschheitsgeschichte lasten, so bleibt die Erinnerung dennoch unbescholten.«
Depressivität. Hoffnungslosigkeit. Geistige Engstirnigkeit, die in den Wahnsinn treibt. Eine idyllische Kleinstadt. Und das Grauen erhebt sich. Es drängt sich ein Vergleich mit Stephen King auf. Wo der Althorrormeister den Fokus auf das Böse, die Dunkelheit legt, legt Malfi das Hauptaugenmerk auf das Mysteriöse, das Geheimnis, das versteckt ist und entdeckt werden will. So entsteht eine düster-gefahrvolle Stimmung, die auf ein Schlachtfest der Gewalt verzichtet und die Betonung auf die leisen, intensiv-eindringlichen Töne legt. »Die Treppe im See« mag ein kurzweiliger Roman sein, der Autor ist aber kein Mann des schnellen Erzählens. Die Atmosphäre darf einwirken, gären und zur Reifung gelangen. Malfi schmückt die Geschichte aus, zeichnet Landschaften, Charaktere und Gedanken Travis‘ bis ins Detail.
Travis Glasgows geistiger Zustand lässt stets die Möglichkeit eines übernatürlichen Ereignisses offen - nie darf der Leser sich in Sicherheit wiegen. Das Gefühl der beständigen Bedrohung hält die Spannungskurve oben und fällt bis zum finalen Ende nicht ab. Ende? Malfi führt den Leser an der Nase herum. Ein Ende jagt das nächste. Ronald Malfi zieht eine Überraschung nach der anderen aus dem Ärmel und gibt der Story Wendungen, die nicht zu erwarten waren.

Fazit

Ronald Malfi nimmt sich Zeit für den Story-/Stimmungs- und Charakteraufbau und baut damit eine intensive Atmosphäre auf, die von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Geschickt verknüpft er die Vergangenheit Travis Glasgows mit der Gegenwart, die dem Roman eine Eindringlichkeit geben, der man sich nicht entziehen kann. »Die Treppe im See« ist einer der eindrucksvollsten Romane, die ich je gelesen habe.

5 von 5 Punkten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen