Freitag, 21. Juni 2013

Rezension: Die Erfindung des Lebens (Hanns-Josef Ortheil)

btb
Taschenbuch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-442-73978-3
11,99 €


Ein kurzer Einblick

Johannes ist das einzige der vier Kinder seiner Eltern, das den Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Diese schrecklichen Schicksalsschläge haben seine Mutter verstummen lassen und so wächst auch Johannes als stummes Kind, praktisch nur von seiner Mutter umgeben, auf. Als er jedoch mit dem Schulleben konfrontiert wird, wird er seiner zuvor heilen Welt entrissen. Es beginnt ein Prozess, in dem er sich langsam von den Eltern löst…

Bewertung

Der Roman fängt direkt spannend an. Man lernt den stummen Johannes kennen, dessen gesamtes Leben sich nur zu Hause abspielt und der den ganzen Tag nur mit seiner ebenfalls stummen Mutter verbringt. Auch die Unternehmungen mit dem lebensfrohen Vater bieten da nicht viel Abwechslung. Durch den Klappentext weiß man als Leser bereits, dass die anderen Kinder von Johannes Eltern gestorben sind und dass Johannes irgendwann beginnt, zu sprechen. So ist man von Beginn an gespannt, wie sich diese Ereignisse auflösen. Auf den ersten Seiten werden diese Rätsel Stück für Stück gelöst und die Spannung steigt, wann und wie Johannes zum ersten Mal spricht.
Als dieses Ereignis schließlich eintritt, ist man dann einigermaßen darüber enttäuscht, wie unspektakulär es passiert. Auch Johannes´ anschließendes Sprechen lernen lässt den Leser etwas verwundert zurück. Seine Art, Sprechen zu lernen, wirkt doch etwas arg konstruiert und unwahrscheinlich. Zudem ist seine Entwicklung generell von etwas sehr vielen Zufällen bestimmt, so dass die gesamte Erzählung ab dem Zeitpunkt seines Sprechen lernens etwas unrealistisch wirkt.
Die ersten Schulerfahrungen Johannes‘ lassen den Leser dagegen nachdenklich zurück. Das Verhalten der Lehrer und anderen Schüler wirkt erschreckend realistisch und regt dazu an, über die Situation stummer Kinder nachzudenken. Die anschließenden Schul- und Lebenserfahrungen Johannes‘ können nicht ansatzweise so berühren wie die Beschreibung der ersten Schulerfahrungen. Insgesamt kann Johannes‘ Leben nach dem Sprechen lernen kaum noch Spannung und Interesse wecken. Sein Leben plätschert so vor sich hin. Es passieren zwar verschiedene Dinge, doch durch nichts kann eine große Spannung erzeugt werden, und ab etwa einem Drittel des Buches wirkt die Handlung insgesamt wie eine Biographie eines unbekannten Menschen, die auf keinen bestimmten Punkt hinausläuft.
Die Erzählungen aus Johannes‘ Leben zu dem Zeitpunkt, als er die Geschehnisse seiner Kindheit und Jugend niederschreibt, langweiligen sogar so sehr, dass man sehnsüchtig auf die geschichtlichen Kapitel hofft, die keinesfalls unheimlich spannend sind. Auch Johannes selbst kann ab seinem Jugendalter keine Sympathien mehr wecken. Insgesamt wirkt außer dem Vater Johannes‘ kein Protagonist besonders sympathisch. Das Verhalten der Mutter wirkt sogar wenig nachvollziehbar, vor allem vor dem Hintergrund, dass ihr Verhalten einem abrupten Wandel unterliegt.

Fazit

Der Roman beginnt spannend und behandelt zunächst ein durchaus interessantes und den Leser mitreißendes Thema. Doch ab etwa einem Drittel des Romans wirkt dieser doch etwas arg konstruiert, die Spannung geht verloren und die vielen Zufälle lassen ihn insgesamt unglaubwürdig erscheinen.

2,5 von 5 Punkten

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