Montag, 24. Juni 2013

Rezension: Die Einsamkeit der Primzahlen (Paolo Giordano)


Heyne
Taschenbuch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-453-40801-2
8,99 €

Ein kurzer Einblick

Zwei junge Menschen führen die Dramen ihrer Kindheit zusammen. Alice wird als Kind von ihrem Vater zum Skikurs gezwungen und hat im Nebel einen Unfall, der sie mit Narben und einem steifen Bein zurücklässt. Mattia lässt seine geistig behinderte Schwester Michela im Park zurück, um allein zu einer Geburtstagsparty zu gehen, und sie verschwindet spurlos. Beide zeichnen ihre Erlebnisse fürs Leben. Alice entwickelt einen puren Ekel vor Essen und wird magersüchtig, Mattia verletzt sich immer wieder selbst und verschließt sich fast vollständig vor der Welt. Als Teenager lernen sie sich auf der Schule kennen, zwischen ihnen scheint eine besondere Verbindung zu bestehen, doch können sie trotz ihres Schmerzes und ihrer Schuldgefühle zueinander finden?

Bewertung

„In einem Seminar im zweiten Semester hatte Mattia gelernt, dass einige Primzahlen noch einmal spezieller als die anderen sind. Primzahlzwillinge werden sie von Mathematikern genannt: Paare von Primzahlen, die nebeneinanderstehen oder genauer, fast nebeneinander, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren. Zahlen wie 11 und 13, wie 17 und 19 oder 41 und 43. Bringt man die Geduld auf, weiter und weiter zu zählen, stellt man fest, dass solche Pärchen immer seltener werden. Man stößt auf immer weniger Primzahlen, die verloren dastehen in diesem lautlosen, monotonen, nur aus Ziffern bestehenden Raum, und es beschleicht einen das beklemmende Gefühl, dass die Pärchen, die einem bis dahin begegnet sind, rein zufällig zusammenstanden und dass es eigentlich ihr Schicksal ist, allein zu bleiben. (…) Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können.“ (Seite 155-156)

Dieses sich Nahestehen und trotzdem niemals richtig zueinander finden können der beiden Hauptpersonen Alice und Mattia beschreibt Giordano in sieben Kapiteln, zwischen denen stets einige Jahre liegen. Dadurch, dass oftmals sehr wenig Hinweise gegeben werden, was in der Zwischenzeit geschah, bleibt einiges ungeklärt, wobei man sich bei diesem Roman durchaus danach gewöhnen muss, dass vieles im Leben nun einmal nicht geklärt werden kann und sehr viel nicht so läuft, wie man es sich denn wünscht. Deswegen gewinnt die Geschichte aber in erster Linie an Realität. Man erhält sehr früh das Gefühl, dass diese Verbindung zwischen Alice und Mattia nicht gut ausgehen und nicht all ihre Probleme mit der Zeit lösen kann, was im wirklichen Leben schließlich auch enorm selten passiert. Insbesondere das Ende wirkt etwas hart und ernüchternd, ohne zu viel verraten zu wollen, aber es passt zumindest zum Roman und gibt ihm eine große Glaubwürdigkeit, die Literatur nicht so oft in diesem Maße erreicht.
Was dem Autor äußerst gut gelingt, ist die Darstellung des Schmerzes der Hauptcharaktere und des Schuldempfindens insbesondere von Mattia. Selten habe ich die Tiefe der menschlichen Psyche treffender und besser geschildert erlebt wie in diesem Buch, vor allem was Mattias Selbstverletzungen und Alices Magersucht angeht, die derart intensiv beschrieben sind, dass man beinahe das Gefühl bekommt, selbst mit ihnen diese Dinge zu erleben. Man kommt beiden generell sehr nahe, da sie und ihre Probleme und ihr Umgang mit diesen so einfühlsam gezeichnet sind, so dass ihr Schicksal den Leser kaum kaltlassen kann. Ebenso kann man ihr Handeln meist sehr gut nachempfinden, was jedoch mit der Zeit ein wenig nachlässt. Als sie längst erwachsen sind, wird ihre unveränderte Lebensweise etwas unplausibler. Es nervt ein wenig, dass sie ihre Probleme kein bisschen angehen, auch auf Kosten der Gefühle von anderen ihren Selbstzerstörungstrip unbeirrt weiterführen und keinerlei Reflexion stattfindet, dass etwa durch eine Therapie oder ähnliches eine Verbesserung ihres Zustandes möglich wäre. Aber vermutlich sollten beide gar keine Lösung ihrer Probleme anstreben, eher am gewohnten Schmerz festhalten. Für mich wirkten die ersten Kapitel jedoch stimmiger als gegen Ende, insbesondere das letzte Kapitel konnte mich nicht mehr so fesseln wie die Teile zuvor.
Was den Schreibstil angeht, dieser kommt locker und angenehm daher. Das Buch lässt sich sehr bequem lesen, oftmals verliert man sich derart in der Geschichte, dass man für Stunden weiter liest und gar nicht merkt, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist, vor allem auch, da man enorm mit den Hauptfiguren mitfiebert und hofft, dass sich ein wenig zumindest noch für sie zum Guten wenden wird.

Fazit

Ein starkes Debüt von Paolo Giordano, was durch sehr viel Gefühl, eine untypische Liebesgeschichte und die psychologische Tiefe, mit der der Schmerz von Alice und Mattia beschrieben wird, überzeugt. Trotz eines etwas schwächeren Endes fesselt einen diese warmherzige Geschichte auch noch lange nach dem Lesen und eignet sich besonders für einen gemütlichen Leseabend, bei dem man so richtig abschalten möchte.

4 von 5 Punkten

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