Sonntag, 16. Juni 2013

Rezension: Des Kaisers Kinder (Claire Messud)

DVA / btb Verlag
Gebundene Ausgabe / Taschenbuch, 544 Seiten
ISBN: 978-3421042040 / 978-3442739288
24,95 € / vergriffen

Ein kurzer Einblick

New York, im März 2001: drei Freunde, die an einer Eliteuniversität ihren Abschluss gemacht haben, sind mit großen Hoffnungen in ihre berufliche Zukunft gegangen. Nun sind sie um die 30, stehen ihrem Erfolg selbst im Weg und merken, dass sie weit hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben sind. Marina hat keine feste Stelle, wohnt wieder zu Hause und schiebt ihr Buchobjekt, an dem sie seit Jahren arbeitet und das sie längst hätte abschließen müssen, vor sich her. Danielle hat zwar einen geregelten Job, kommt in diesem jedoch nicht weiter. Julius hingegen feiert häufig Partys, lebt in den Tag hinein und finanziert sich mit dem Verfassen von Kritiken. Dann taucht schließlich Marinas Cousin Bootie auf, der sein Studium abgebrochen hat und auf der Suche nach seinem Weg im Leben ist, wodurch er einige Ereignisse anstößt, die die Freunde über ihr eigenes Leben nachdenken lassen.

Bewertung

Der Roman beginnt im März 2001 und überspringt immer jeweils einen Monat, so dass uns die Ereignisse im Mai, Juli, September und November des Jahres 2001 erzählt werden. Obwohl der Klappentext und die Rückseite des Buches (mir lag die Taschenbuchausgabe vor) mit keinem Wort auf die Terroranschläge des 11. September hinweisen, merkt man natürlich, dass diese Thematik im Laufe des Buches auftauchen wird. Je näher man dem September kommt, desto mehr erhält man ein Gefühl der bevorstehenden Katastrophe, sie schleicht sich unaufhaltsam an. Es wird sich dann durchaus mit ihr auseinandergesetzt, insbesondere welchen Schnitt der Anschlag im Verständnis der New Yorker und der US-Amerikaner bedeutete, aber diese Thematik steht nicht im Mittelpunkt des Buches. Auch bietet die Beschäftigung mit diesem Thema nichts Neues, was sicherlich auch daran liegen mag, dass es mittlerweile so oft besprochen, analysiert und untersucht wurde, dass man keinen neuen Aspekt, unter dem man die Thematik behandeln könnte, finden kann. Ich verstand beim Lesen nicht ganz, warum die Terroranschläge mit ins Buch genommen wurden, da weiterhin der Fokus auf den Charakteren und ihrer Entwicklung lag, und fragte mich, ob die Autorin ihre Weiterentwicklung nicht auch ohne die Anschläge glaubhaft hätte entwerfen können, aber dies ist sicherlich Geschmackssache.
Ansonsten liefert Messud jedoch ein sehr intelligentes und ehrliches Buch ab. Es werden sehr viele wichtige Fragen bezüglich der so genannten „Generation Praktikum“ aufgeworfen, wie man sein Leben nach dem Universitätsabschluss gestalten kann und sollte, welche Schwierigkeiten sich einem dabei heute in den Weg stellen, wie ein sinnvoller Job aussehen sollte. Auch schwingt sehr viel Kritik am aktuellen Bildungswesen mit und die Überlegung wird durch Marinas Cousin behandelt, ob man durch intensives Selbststudium nicht eine höhere und wertvollere Bildung erreichen kann als durch Schule und Studium. Ebenso wird der Wert der Arbeit der Elterngeneration in Frage gestellt. Am Beispiel von Marinas Vater, Murray, der als angesehener Journalist arbeitet, wird dessen Arbeit und sein Ansehen in der Öffentlichkeit sehr überzeugend aufgezeigt, aber auch kritisch hinterfragt. Denn ruhen sich diese gefeierten Autoren oftmals nicht bloß auf ihrem zuvor Geschriebenen aus, leisten nichts mehr Neues, falls sie denn jemals etwas derart Herausragendes geleistet haben, dass all den Ruhm, den sie durch ihre Arbeit erlangten, gerechtfertigt hätte? Außerdem behandelt die Autorin sehr einfühlsam und nachvollziehbar das Verhältnis zwischen Eltern und erwachsenen Kindern. Dies gelingt besonders überzeugend durch die Darstellung von Marina und von ihrem Vater Murray, in dessen Schatten sie, die eine ähnliche Karriere anstrebt wie er, stets steht. Über allem hängt ihr übermächtiger, anerkannter Vater, der ihr gesamtes Leben dominiert. Wie sie sich aus diesem Schatten herausarbeiten, wie sie ihr Leben ohne die stetige Beeinflussung durch ihren Vater führen könnte, wird sehr gut geschildert.
Generell sind die Charaktere meist sehr ehrlich, realistisch und nachvollziehbar gezeichnet. Messud verschweigt keine unangenehmen Wahrheiten, ihre Charaktere weisen durchaus, wie reale Menschen auch, viele Schwächen auf. Dadurch, dass die Geschichte wechselnd aus der Sicht der verschiedenen Hauptfiguren erzählt wird, wirkt sie sehr abgewogen und differenziert, man erfährt nicht nur den Blickpunkt eines Charakters, sondern merkt man, wie dieser auf andere wirkt. Insbesondere Bootie ist sehr einfühlsam und nachfühlbar gezeichnet, mir war er von Anfang an sympathisch. Es passte auch zum Roman, dass es kein simples Happy End gab. Nach den Anschlägen klärten sich nicht plötzlich alle Probleme der Hauptfiguren, sie überwanden nicht auf einmal ihre Macken und Schwächen und alles wurde gut, was schließlich sehr unrealistisch gewirkt hätte. In der Mitte wies das Buch einige Längen auf, da plätscherte die Geschichte ein wenig vor sich her. Die Geschichte zwischen Julius und seinem Freund David fand ich auch etwas übertrieben, wobei ihre komplexe Beziehung sehr tiefgehend geschildert wurde, wie das Buch generell sehr psychologisch tiefgehende Charakterstudien bietet. Störend war ab und zu die komplizierte Schreibweise, die oftmals viele Sätze in Klammern, die den eigentlichen Lesefluss behinderten, aufbot und so das Leseverständnis ein bisschen einschränkte.

Fazit

Ein erfrischend ehrliches Buch über den Versuch dreier Hochschulabsolventen und eines Studienabbrechers ihren Platz in der Welt zu finden und erwachsen zu werden. Dabei wirft es heutzutage enorm wichtige Fragen nach dem Bildungswesen, sinnvollen Jobs, vermeintlichem Ruhm, dem Verhältnis zwischen Eltern und erwachsenen Kindern und vielem mehr auf, die überzeugend und tiefgehend behandelt werden. Ein sehr eigenes Buch, das kaum übliche Klischees aufweist und das ich nur weiterempfehlen kann!

4 von 5 Punkten

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