Samstag, 8. Juni 2013

Rezension: Der Baby-Jesus-Anal-Plug (Carlton Mellick III)

Festa Verlag
Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-86552-123-1
12,95 €

Ein kurzer Einblick

Surrealistisch und mit Geschmacklosigkeiten gespickt, verschleppt Carlton Mellick III seine treue Fangemeinde in eine Welt des Wahnsinns und der Absurditäten. Enthalten sind die Kurzgeschichten:

Der Baby-Jesus-Anal-Plug
New York
Zuckersüß
Die Stahlfrühstückszeit
Einfache Maschinen
Porno im August


Bewertung

»Die Kannibalen von Candyland« ist auf rosa Papier gedruckt. »Ultra Fuckers« spendierte der Festa Verlag oranges Papier. Ein farbiges Vergnügen, dass bei »Der Baby-Jesus-Anal-Plug« fortgeführt wurde: Gelbes Papier verwöhnt das Auge. Wenn bizarr, dann richtig bizarr! Carlton Mellicks Romane leben das Genre.

Wenn der Verstand durch die Ohren herausgezogen und in Reagenzgläsern eingelegt wird, darf man sich sicher sein, ein Buch Mellicks in den Händen zu halten. So denn: Schaltet eure grauen Zellen aus, genießt Abstrusitäten und haarsträubende Provokationen, die die Grenzen des Geschmacks überschreiten. Manchmal makaber, zumeist skurril und stets in irrwitzigem Tempo, knallt Mellick eine absonderlichere Idee als die andere auf das Silbertablett. Satirisch gewürzt und kritisch unterlegt, vermag Mellick keinen (verdrehten) Spiegel der Gesellschaft vorzuhalten, aber doch die ein oder andere andere Hypothese aufkommen zu lassen. In wahnwitzige Bilder getunkt, endet die irre Achterbahnfahrt erst, wenn der letzte Satz genossen ist.

Die Titelstory »Der Baby-Jesus-Anal-Plug« ist die wohl provokanteste. Wer glaubt, Carlton Mellick würde Schranken des guten Geschmacks achten, ist bei diesem Autor fehl am Platz und selbst schuld, wenn er sich vor den Kopf gestoßen fühlt. Kinder sind ein rares Gut, Klone die Alternative. So mancher Züchter bietet gar Kopien des Baby-Jesu an, die von pervers Veranlagten gern als Anal-Plug missbraucht werden: »Wir haben vor ein paar Monaten ein Jesukindlein adoptiert und das hat sich schon an unsere Arschlöcher angepasst.« (S. 7) Für nachfolgende Geschehnisse muss die Rechnung quittiert werden ...
»New York« wird von einer seltsamen Spezies Mensch bewohnt. Die Bürger verlieren ihre Körperöffnungen und ... Lasst euch überraschen! Wenn dies eine Anspielung auf die Gattung Großstadtmensch und deren Hang zu ‚Ich-gehe-meinem-Alltag-nach-und-kenne-Niemanden‘ sein soll, ist sie verdammt nochmal gelungen. Ein Resümee ist jedoch Interpretationssache.
»Zuckersüß« schildert das Leben eines Aufreißers, den die Frauen leidlich ignorieren. Allein die bärtigen, fettleibigen Trucker stehen auf den Typen, denn sein Lollykopf ist die beliebteste Geschmacksrichtung weit und breit. So muss Bizarro Fiction sein!
Die längste Geschichte, eher eine Novelle, tauft sich »Die Stahlfrühstückszeit« und präsentiert sich im Gewandt einer postapokalyptischen Zukunftsvision. Zombies bevölkern die unteren Etagen der Stadt, Sekten kreuzigen die dezimierte Bevölkerung an die Decken und hinterlassen eine Spur der Gewalt und der Schmerzensschreie. Allgegenwärtig sind die Maschinewesen, die sich in die Blutgefäße fräsen und Stück für Stück eine Herrschaft seltsamer Willenlosigkeit erschaffen. Diese Geschichte reiht eine schräge Idee an die andere, scheint aber keinem sichtbaren roten Faden zu folgen. Zusammengeflickt wird sie daher allein Dank des Einfallsreichtums Mellicks, löst ansonsten aber wenig Begeisterung aus.
Eine Metapher auf das Burnout? »Einfache Maschinen« ist die schwächste dieses Band. Oliver Madu wachsen Türknäufe im Augenwinkel. Schon bald dringt Baulärm aus seinem Inneren und belästigt seine Kollegen im Büro ...
»Porno im August« ist der Titel eines nie gedrehten Filmes. Die Schauspieler werden mit einem Hubschrauber im Meer abgesetzt, das Filmteam soll alsbald mit einem Boot eintreffen  - taucht jedoch nie auf. Oder doch? Gedächtnisschwund und das Delirium greifen um sich. Der Leser wähnt sich in einem surrealen Traum. Nichts scheint so zu sein, wie es ist.

Fazit

Ausnehmend speziell richtet sich Carlton Mellicks III an ein ausgewähltes Publikum. Mellicks Geschmacklosigkeiten und übertriebene Sinnlosigkeiten dürften nicht jedermanns Geschmack sein. Wer an einem Schnupperkurs teilnehmen möchte, für den ist »Der Baby-Jesus-Anal-Plug« eine gute Wahl. Mellicks größere Stärke liegt jedoch in seinen Romanen.

2,5 von 5 Punkten

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